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Wurzen Kollau: Mulde knabbert an repariertem Deich
Region Wurzen Kollau: Mulde knabbert an repariertem Deich
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16:45 19.05.2015
Hält die Einsatzkräfte seit Tagen auf Trab: ein Loch im Deich anderthalb Kilometer südlich der Ortschaft Kollau. Gestern wurden deshalb erneut Feuerwehren alarmiert, um die Mulde zurückzuhalten. Quelle: Andreas Röse

Etliche der 400 Brunnen, die entlang des Flusses kostbares Nass für die Stadt Leipzig fördern, sind nach wie vor überflutet.

Gemeindewehrleiter Thomas Pöge steigt in seinen Jeep, fährt mit uns runter an die Mulde, ins ehemalige Katastrophengebiet. Auch wenn der Status aufgehoben ist - den Namen verdient die Gegend nach wie vor. "Am Sonntag ist noch ein zusätzlicher Trupp vom Technischen Hilfswerk eingetroffen", erklärt der 43-Jährige erleichtert. Damit sind jetzt 60 THW-Leute aus dem Saarland, Berlin und Nordrhein-Westfalen in Thallwitz stationiert. Ihr wertvolles Mitbringsel: leistungsfähige Wasserpumpen - derzeit die wichtigste Technik, um die Nachwehen der Flut zu beherrschen.

Der Kampf gegen das Hochwasser hält in der nördlichsten Muldentalkommune länger als irgendwo sonst in der Region an. "Bereits am 31. Mai haben wir unsere Einsatzzentrale eingerichtet. Mit Beamer, Laptop und einer App fürs Smartphone, über die alle Akteure vernetzt sind", berichtet der Feuerwehr-Chef. Die Professionalität des örtlichen Krisenstabes habe selbst Oberstleutnant Illya Dalitz, Bataillonskommandeur der Bundeswehr, Respekt abgenötigt.

"Bei der Flut 2002 war der Informationsfluss noch bescheiden. Heute wissen wir wenigstens aktuell über Pegelstände Bescheid, sind über die Hochwasser-App immer in Kontakt", macht Pöge deutlich. "Hätten wir noch Meldeketten wie vor elf Jahren, könnten wir einpacken."

Am Wasserwerk Thallwitz hält eine THW-Gruppe aus Berlin-Steglitz derweil die Stellung. "Wir sind seit dem Wochenende im Einsatz", erzählt Pauline Haase, die mit ihren Leuten versucht, das Gelände trockenzulegen. Die Einrichtung war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die 28-Jährige hat den Hörsaal der TU Berlin mit der überfluteten Muldenaue bei Thallwitz vertauscht. Auf das Kommando der schmächtigen Gruppenführerin hören sechs Männer. Ein angehender Meteorologe ist auch darunter. "Er muss sich von uns immer die Frage stellen lassen, was das alles soll, warum das Wetter verrückt spielt", bewahrt Pauline trotz dramatischer Entwicklungen auch am gestrigen Tag ihren Humor. Den hat nicht nur die Studentin der Luft- und Raumfahrttechnik bitter nötig, sondern auch alle anderen Akteure vor Ort.

"Der Deichbruch bei Kollau hält uns seit Tagen auf Trab", schildert der Chef der örtlichen Einsatzzentrale. Erst am Mittwoch war es Thomas Pöge gelungen, sich an die Bruchstelle vorzukämpfen. "Bis dahin wussten wir ja gar nicht, woran wir sind. Als ich das 60 Meter breite Loch sah, hat mich fast der Schlag getroffen", bekennt der Thallwitzer Krisenmanager. Noch vom Deich aus alarmiert er Sachsens Umweltminister Frank Kupfer - schickt ihm eine SMS samt Foto. "Es dauerte nicht lange, dann kreiste ein Erkundungshubschrauber über unseren Köpfen." Erst am Freitag tauchte dann allerdings Verstärkung auf, um das Loch zu schließen - in Form von Bundeswehrhubschraubern, Katastrophenschutz und übers Radio alarmierten Freiwilligen.

Der wacklige Deich bedroht nicht nur den 80-Seelen-Ort Kollau. "Vor allem hängt von seiner Standfestigkeit die Trinkwasserversorgung für 600 000 Menschen ab", erklärt der Feuerwehrchef den Hintergrund der Rettungsaktionen. Rund 400 Brunnen der Kommunalen Wasserwerke Leipzig (KWL) entlang der Mulde fördern das kostbare Nass aus einer Tiefe von bis zu 25 Metern. Von etlichen war seit der Überflutung in der Nacht zum vorigen Montag nichts mehr zu sehen. Die Süd- und die Nordfassung des Wasserwerkes Thallwitz standen komplett unter Wasser. In Canitz war nur noch die Südfassung in Takt. "Die Hälfte der Brunnen mussten wir vorsorglich außer Betrieb nehmen", schildert Hans-Joachim Reinke, KWL-Teamleiter, das Ausmaß der Schäden. "Wir setzen dennoch alles daran, die Trinkwasser-Qualität zu sichern."

Auch gestern ragen die Fassungen am Wasserwerk Thallwitz nur knapp aus der braunen Brühe. Das THW pumpt und pumpt, will den Pegel senken. 400 Meter Schlauch wurden bereits ausgerollt, befördern das Nass zurück in den Fluss. Im Dorf Kollau laufen ebenfalls Pumpen - insgesamt hat das THW hier Technik konzentriert, die knapp 40 000 Liter pro Minute wegsaugt. Als wir uns mit Thomas Pöge der mit Big Bags aus der Luft gestopften Stelle nähern wollen, überschlagen sich die Ereignisse. "Das Wasser steht schon wieder Oberkante letzte Sandsackreihe", bringt ein THW-Vortrupp keine guten Botschaften von der Mulde-Front mit. Die vorderste Reihe der weißen Riesenbeutel, die der Heli am Freitag abwarf, hat sich die Mulde erneut geschnappt. "Nicht schon wieder!", stöhnt Thomas Pöge, der sich nach Tagen des absoluten Ausnahmezustandes gestern eigentlich mal um seine Metallbaufirma kümmern wollte. "Erst am Freitag waren wir bis spät Abends am Damm, haben die Sandsäcke so gut es ging verdichtet. Jetzt läuft das Wasser erneut rein, das darf nicht wahr sein", ist er am Verzweifeln. Auch an der zweiten Bruchstelle unterhalb von Canitz lässt ein 100-Meter-Leck den Fluss wieder bedrohlich nahekommen.

Wann gibt die Mulde endlich Ruhe? Wann können die Einsatzkräfte durchatmen? Wann verschwinden Sandsäcke, Gummistiefel und geländegängiger Katastrophen-Fuhrpark wieder aus dem Dorfbild? Bei Kollau sind über eine Woche nach der ersten Alarmierung darauf keine Antworten möglich. "Die Leute sind am Ende", bekennt Pöge, den ein Haufen Adrenalin dennoch funktionieren und schnelle Entscheidungen treffen lässt. Auch gestern ist sein kühler Kopf gefragt: Im Laufe des Nachmittags bleibt dem Wehrleiter nichts weiter übrig, als weitere Kameraden unter anderem aus Machern, Wurzen und Bad Lausick anzufordern. Da die Kraftreserven erschöpft sind, sollte bis 18 Uhr entschieden werden, zusätzlich die Berufsfeuerwehr Leipzig zu aktivieren. Am Abend forderte der Krisenstab noch 200 Bundeswehrsoldaten an. - Noch ist im Norden des Landkreises kein Ende im Kräftemessen zwischen Mulde und Anrainern in Sicht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.06.2013

Simone Prenzel

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