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Wurzen Kühren – das Dorf der Elefanten
Region Wurzen Kühren – das Dorf der Elefanten
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13:33 27.09.2018
In der Kührener Gaststätte von Kerstin Reinicke dreht sich alles um Dickhäuter. Quelle: Haig Latchinian
Wurzen/Kühren

Wo gibt es Elefanten? In Afrika. In Asien. Aber auch in Kühren. Nicht einen, nicht zwei, nicht drei – aktuell 1557 Stück. Das „Reservat“ liegt nicht etwa bei Wagadugu, sondern nahe Wurzen. In dem Dorf verehrt man den Elefanten wie in Bayern den röhrenden Hirsch. Er wird gemalt, geklöppelt, sogar ein Denkmal haben ihm die Kührener gesetzt. Der Kindergarten heißt „Rüsselchen“. Die Schule schmückt eine elefantastische Sonnenuhr. Handwerker führen den Elefanten im Logo. Ein Stoffelefant wird zur Einschulung mit Zuckertüten behängt. Und: Kerstin Reinicke, Wirtin vom Gasthaus „Zum Elefanten“, sammelt die Jumbos.

In Kühren bei Wurzen dreht sich (fast) alles um die Dickhäuter

Nicht immer begeisterten sich die Kührener für Dickhäuter. Eher dünnhäutig reagierten sie zunächst auf spottende Wurzener. Die hätten sich genüsslich die Geschichte vom „Kührener Elefantenmord“ erzählt und dabei die Dörfler aufs Korn genommen. 1888 ließ der Kaufmännische Verein zu Wurzen bei einem Sommerfest einen riesigen, seidenen Ballon steigen. Das Ungetüm von der Form eines Elefanten flog davon und ging in Kühren auf einem Weizenacker nieder. Die Kührener schworen Stein und Bein, ein Spaßvogel habe zwei Schüsse aus der Schrotflinte abgefeuert, woraufhin dem Elefanten die Luft ausging. Nach Wurzener Lesart sei eine ganze Kührener Streitmacht mit Forken und Dreschflegeln gegen den verdächtigen, wenn auch nur aufgeblasenen Eindringling zu Felde gezogen. Wie auch immer: Über die Räuberpistole können die Kührener heutzutage trefflich lachen. Zur 130-Jahrfeier stellten Laiendarsteller den Elefantenmord auf der Bühne nach.

Die Dorfgaststätte „Zum Elefanten“

Wirtin Reinicke gilt als Institution im Dorf. Aufgewachsen in einer redseligen Friseur-Familie ist sie mit „Elefanten-Runden“ groß geworden. Am 1. Mai 1990 übernahm sie die Gaststätte und gab ihr den Namen „Zum Elefanten“. Die Kührener seien ein blutrünstiges Völkchen, hätten sogar einen Elefanten ermordet, tönt sie selbstbewusst zwischen Leber, Rostbrätl und Schnitzel. Sie ist Köchin und Kultkneiperin zugleich, sie ist die Kür in Kühren. Humor satt. Kein Wunder: Die „14-Jährige“ erblickte nicht nur in einem Schaltjahr, sondern noch dazu an einem Rosenmontag das Licht der Welt. Beine machte sie bereits dem Männerballett des Kühnitzscher Karnevalclubs.

Elefantitis aus aller Herren Länder

Ihre vielen Stammgäste denken sogar im Urlaub an sie. Ob ein Bast-Elefant von den Malediven, eine Elefanten-Uhr aus Dubai oder ein lederner Elefant aus der Türkei – so gut wie kein Reisender kommt mit leeren Händen zurück. Johannes Jähnigen überreichte ein Bild. Darauf ein Elefant, der aus lauter Briefmarken besteht, wobei auf jeder einzelnen Marke ebenfalls ein Elefant zu sehen ist. Roland Lochas überraschte die Wirtin gar mit einem Elefanten-Gemälde, das er auf seiner Hochzeitsreise in Kenia erstanden hatte.

Artenvielfalt der Dickhäuter

Die Artenvielfalt in der Kührener Gaststube lässt auch den weltbesten Zoo vor Neid erblassen: Elefanten aus Porzellan, aus Keramik oder aus Glas. Elefanten als uniformierter Polizist, als Weinflasche, als Pfefferstreuer. Karl Reuschel aus dem Nachbardorf bestellt Steak „Allgäuer Art“. Mit seiner Frau kommt er immer gern zu Abendbrot oder Abo-Essen: „Klar sind auch einige Elefanten von uns“, sagt der Kühnitzscher. Sammlerin Reinicke versieht jeden Neuzugang mit einem Strich auf ihrer Liste. Wie ein Tankwart aktualisiert sie entsprechend die Anzeigetafel, auf der die Gesamtzahl der Elefanten erscheint: 1557.

Kührener Elefantenmord jährt sich zum 130. Mal

Ihre Gaststätte ist gar nicht zu übersehen. In Sichtweite thront auf dem Platz der legendäre Elefant aus Glasfaser und Polyesterharz, der 2008, zum 120. Jahrestag des Kührener Elefantenmordes, feierlich eingeweiht wurde. Eine Arbeit von Thomas Stern, einem Künstler aus Seifhennersdorf. Es ist nicht der erste Elefant, der an dieser Stelle steht. Bereits vor über 40 Jahren gestaltete Elektriker Friedrich Naumann mit seiner Frau und sechs Kindern das rund eine Tonne schwere Vorgängermodell aus Beton. Die „Schnaps“-Idee zu dem Brunnen entstand 1976 in der Kneipe, weiß Rolf Weber, Vorsitzender vom Heimatverein. Die LPG hatte mit Material ausgeholfen, ergänzt Chronistin Regina Jähnigen. Im Lauf der Jahre platzte der Beton immer mehr ab. Als der alte Elefant abgerissen wurde, stand er bis zum Bauch voll Wasser, sagen die Heimatfreunde.

In der Kührener Gaststätte von Kerstin Reinicke dreht sich alles um Dickhäuter. Quelle: Haig Latchinian

Nichts haut die couragierte Wirtin so schnell um. Kerstin Reinicke murrt auch nicht über die gesperrte Bundesstraße. Seit 28 Jahren kämpfe sie, tagein, tagaus: „Wer heutzutage eine Kneipe hat, ist selbst und ständig. Da gibt es nichts anderes.“ Ohne Rückhalt aus der Familie sei man da aufgeschmissen: „Mein Mann Steffen baut die Regale für die Elefanten, meine Tochter Julia hilft beim Kellnern.“ In den 28 Jahren habe sie sich einen Namen gemacht. Dank der Elefanten, die ihr Glück gebracht hätten. Die Elefanten-Wirtin sei von ihren Gästen sogar schon für die Sendung „Außenseiter Spitzenreiter“ vorgeschlagen worden. Zwar sei Hans-Joachim Wolfram nie gekommen, dafür aber drehte Marijke Amado, die einstige Moderatorin der Mini-Playback-Show, in der Gaststätte.

Nächster Ball am 2. Oktober

Nein, Zeit in den Zoo zu gehen oder Wochenende zu feiern, bleibe nicht. Das Essen, die Gäste, die Elefanten. Und am 2. Oktober steht der nächste Vereinsball an, dazu müssten Silvester und Fasching vorbereitet werden. Die Gaststätte „Zum Elefanten“ sei so etwas wie ein Kulturhaus, Kabaretts aus Leipzig geben sich hier die Klinke in die Hand. So, aber nun müsse sie wieder zurück an den Herd. „Sonst brennt das Steak für Karl Reuschel an und ist am Ende nicht ,Allgäuer’ sondern ,Brandenburger Art’.“

Von Haig Latchinian

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