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Wurzen Kulturelle Vielfalt im Dreiseithof Polenz
Region Wurzen Kulturelle Vielfalt im Dreiseithof Polenz
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20:54 07.11.2018
Sammlung landwirtschaftlicher Geräte und Utensilien auf dem Dreiseithof in Polenz: Eine Rarität ist dieser Lerchenspiegel, mit dessen Hilfe die Vögel angelockt und gefangen wurden. Quelle: Ines Alekowa
Brandis/Polenz

Brustpflug und Pferdekummet, Hacken, ein Torfschneider – auf dem großen Heuboden des Dreiseithofes in Polenz, führen jede Menge landwirtschaftliche Geräte und Utensilien ein Schattendasein. Der Verein Einigkeit 4, benannt nach der Adresse des Hofes, will sie ans Licht holen. Mehr noch, Vereinsvorsitzender Adam Jones (68) und sein Stellvertreter Tobias Bauer denken über ein „Multifunktionales Kultur- und Bildungszentrum auf dem Land“ nach. Das Programm Landkultur des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das innovative Projekte fördert, die kulturelle Aktivitäten und Teilhabe in ländlichen Räumen erhalten und weiterentwickeln, könnte dem Vorhaben die finanzielle Basis geben.

Der Dreiseithof lockt mit Konzerten. Jetzt will er auch landwirtschaftliche Geräte und Utensilien aus Mitteldeutschland, Afrika und Wales präsentieren und damit Heimatverbundenheit befördern.

Doch der Weg dahin ist steinig. 900 Bewerber rief die Ausschreibung aus Bonn auf den Plan. „Im Sommer erhielten wir die Information, dass wir in die engere Wahl – das sind 300 Anträge – gekommen sind und haben vor Kurzem einen detaillierten Antrag eingereicht“, berichtet Jones. Nun hofft er auf einen positiven Bescheid.

2019 sind wieder Konzerte geplant

Bekannt ist der 220 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende und 1800 Quadratmeter große Dreiseithof bisher vor allem für seine musikalischen Veranstaltungen – 2016 fand das 100. Hauskonzert statt – allein für das erste Halbjahr 2019 sind wieder acht Konzerte geplant. „Aber daneben gibt es einige Sammlungen, deren Potenzial noch nicht genug genutzt wird“, sagt Jones. Gerade neu gestaltet wurden mit Fördermitteln von Stadt und Sparkassenstiftung die 50 Tafeln zur Ortsgeschichte in der Scheune. Die zweite Sammlung betrifft Landschaftsmalereien. Jones besitzt rund 60, darunter einige „Himmelsbilder“ des Wurzener Malers Hans-Peter Hund und Werke des verstorbenen Leipziger Künstlers Karl Krug. Vor allem aber hält er engen Kontakt zu dem in Polenz geborenen und in Berlin lebenden Eberhard Purrucker (91), der auch Mitglied im Verein ist. Jones hütet etwa 25 seiner Aquarelle, die unter anderem Polenz und Umgebung zeigen.

Am umfangreichsten aber ist die Sammlung landwirtschaftlicher Geräte – 200 stammen aus Mitteldeutschland, 100 aus Jones’ Heimat Wales, 30 aus Afrika. Einiges sind noch vom Vorbesitzer des Hofes, Martin Günther, vieles hat Jones geschenkt bekommen, manches vom Flohmarkt geholt. Die afrikanischen Geräte hat Jones, bis 2016 an der Uni Leipzig Professor für Geschichte Afrikas, von seinen zahlreichen Reisen mitgebracht. „Diese hier im Handgepäck“, zeigt er auf kleine Hacken. „Das wäre heute undenkbar.“ Der dritte Teil, zu dem ein Brustpflug gehört, hat Jones von seinem Vater geerbt, der sie in Wales zusammengetragen hat. „In mehreren Fuhren haben wir sie in einem Ford Fiesta hierher gebracht“, erzählt der Wahlpolenzer.

Museumspädagogen, Restaurator und Sachbearbeiter werden gebraucht

Im Falle einer Förderung möchte der Verein für zwei Jahre auf 450-Euro-Basis zwei Museumspädagogen, einen Restaurator und einen Sachbearbeiter engagieren, die die Sammlungen dokumentieren, zur Bedeutung der Stücke recherchieren, die Ausstellung konzipieren und auf potenzielles Publikum mit Führungen und Projekten aktiv zugehen. Zielgruppen wären beispielsweise Schulklassen, „denn manche Kinder glauben ja, dass die Milch aus dem Supermarkt kommt“, sagt Jones. „Deshalb wäre mir auch wichtig, dass nicht alles in Vitrinen steht, sondern angefasst und ausprobiert werden kann.“ Vorgesehen sind auch diverse Baumaßnahmen, so müsste der wurmstichige Fußboden des Heubodens in Teilbereichen repariert, die Beleuchtung verbessert werden. Der bröcklige Zementfußboden in Scheune soll wieder einem Stampflehmboden weichen. Unterm Strich hat der Verein dafür rund 83 000 Euro beantragt. „Wir haben uns noch nie um so eine große Förderung beworben“, sagt Jones, zumal der 40-köpfige Verein kaum Eigenmittel aufbringen kann. Landkultur aber verspricht eine Förderquote von bis zu 100 Prozent.

Etliche Preise gingen schon nach Polenz

Natürlich sei es ein Wagnis, heutzutage eine solche Ausstellung zu planen, räumt Jones ein. „Aber wenn man nichts wagt, kommt nichts zustande.“ Und es geht um viel. Als Jones und seine Frau, die Pianistin Mariko Mitsuyu, den Hof 2003 erwarben, befand er sich in desolatem Zustand. Seitdem sanieren sie ihn Stück für Stück. 2007 gewannen sie den ersten Preis im Landeswettbewerb „Ländliches Bauen“, 2014 den von Landkreis Leipzig und Leipziger Volkszeitung gestifteten Heimatpreis. „Wir denken, dass es schöne Dinge gibt, die der Nachwelt wichtig sein und erhalten werden sollten“, sagt Jones. Das Ehepaar hofft deshalb, den gesamten Hof eines Tages in eine Stiftung überführen zu können, die Vereinsgründung 2012 war ein erster Schritt in diese Richtung. Ein „Multifunktionales Kultur- und Bildungszentrum“ könnte den Stiftungsgedanken inhaltlich untermauern. Unsere Vision ist eine sich selbst tragende, aber durch Drittmittel für Projekte erweiterbare Institution, die über das Muldental hinaus als Anziehungspunkt dient“, sagt Jones. „Hier sollen die Besucher erleben, dass Heimatliebe und Weltoffenheit, Geschichte und Entwicklung, Klassik und Moderne keine Gegensätze sind.“

Identifikation mit ihrer Heimat

Wie wichtig eine solche, kulturelle Vielfalt bietende Stätte ist, zeigt Jones eine Umfrage der LVZ vom September 2018. Diese spiegelte eine wachsende Kluft in der Beziehung verschiedener Generationen zu ihrer sozialen Umwelt wider. 69 Prozent der über 50-Jährigen, aber nur 37 Prozent der 18 bis 29-Jährigen in Sachsen halten die Identifikation mit ihrer Heimat für wichtig oder sehr wichtig. „Aus dieser Situation“, so Jones, „ergeben sich Spannungen, die keineswegs nur die Politik vor neue Herausforderungen stellen.“

Von Ines Alekowa

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