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Wurzen "Lass uns einen ruppen"
Region Wurzen "Lass uns einen ruppen"
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05:00 23.08.2012
Immer mehr Klienten kommen zu Nadine Voigt. Die 30-Jährige ist Suchttherapeutin in Wurzen, und das aktuelle Problem heißt Crystal. Quelle: Klaus Peschel
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Wurzen

Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

„‚Lass uns einen ruppen‘, so lautet der Begriff in der Wurzener Szene", sagt Nadine Voigt, Suchtberaterin des Trägerwerkes Soziale Dienste in Sachsen. So flach wie dieser Satz, so niedrig ist auch die Schwelle zum ersten Konsum von Crystal. Meist werde durch die Gruppendynamik animiert, wenn Kumpels locken: Diesen Kick musst du erlebt haben. „Es ist besser als jeder Orgasmus sagen die Klienten", berichtet Voigt: Diese Glücksexplosion sei aus der normalen Perspektive nicht nachvollziehbar. Durch die überdimensionierte Ausschüttung von Glückshormonen komme es zu gesteigertem Selbstwertgefühl und -bewusstsein. Nach dem Ruppen startet häufig ein ganzes Party-Wochenende, drei Tage wach. Crystal ist sowohl Alltags- als auch Spaßdroge und in der Breite der Gesellschaft angekommen. Nach einer bis zu 48-stündigen Wirkung muss der Körper wieder zur Ruhe kommen. Häufig wird dazu Cannabis genutzt. „So ergibt sich ein ständiger Wechsel. Reicht das eine nicht mehr, dann kommt das andere wieder." Ein Wechsel aus „up and down". Frei übersetzt bedeutet es aufputschen und beruhigen. „Manche Menschen können nach so einem Wochenende auch noch arbeiten gehen", sagt Voigt. Diese nehmen Crystal gleich morgens und gehen zur Arbeit, denn sie sind ja fit. Auch das Empfinden eines gesteigerten Leistungsvermögens spielt eine Rolle. „Das alles macht sehr schnell psychisch abhängig", sagt die 30-jährige Suchttherapeutin. Viele würden depressiv und könnten das normale Leben gar nicht mehr genießen. Das selbst herbeigezauberte Strahlen lasse die Freude an gewöhnlichen Dingen wie Sonnenstrahlen verblassen. Der Wunsch, die Glücksexplosion wieder zu erleben, dominiere, auch um im Alltag zu funktionieren. Die schlimmen Folgen stellen sich erst nach einigen Monaten oder Jahren ein: Zahnausfall, Crystal-Akne – warnende Bilder über den äußerlichen Verfall gibt es im Internet mehr als genug. „Die Klienten haben massive Konzentrationsprobleme und können dem Gespräch nicht folgen. Es ist ein jahrelanger Kampf, wieder davon wegzukommen", sagt Voigt. In Wurzen ist die Droge in der Mitte der Gesellschaft angekommen, bei normalen Arbeitnehmern und Hartz-IV-Empfängern. Ein Gramm Crystal koste hier zwischen 50 und 80 Euro. „Und es sind auch einige Eltern mit kleinen Kindern dabei", sagt Voigt. Die richtige Vorbildfunktion für Kinder sei das sicher nicht. Nach dem Leipziger Fall einer Drogentoten und dem anschließenden Verdursten ihres kleinen Kindes haben solche Fälle eine besondere Brisanz. „Es ist ein Abwägen zwischen Schweige- und Meldepflicht, ob das Jugendamt eingeschaltet wird", erklärt Voigt.

In Wurzen waren es im ganzen vergangenen Jahr insgesamt 16 Klienten mit einem Crystal-Problem, die die Außenstelle des Grimmaer Gesundheitsamtes aufsuchten. Die Suchtberatung wird über das Trägerwerk Soziale Dienste in Sachsen angeboten. Bis August 2012 zählt Voigt bereits 18 Klienten. Einige schaffen es auch aufzuhören. „Doch ich halte eine stationären Entzug bei dieser Droge für sinnvoll. Einmal in der Woche ein Termin zur Suchtberatung reicht eigentlich nicht aus." Sie leiste eher Vorarbeit, dass die Menschen überhaupt über diese Sucht reden können. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials der Droge hält Voigt besonders die Präventionsarbeit an den Schulen für wichtig. „Allerdings ist es erstaunlich, dass einige 14-Jährigen bereits sagen können, was es in Wurzen für Drogen gibt."

Matthias Pöls

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