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Letzte Ruhe zwischen den Wurzeln eines Baumes

Friedwald Bennewitz Letzte Ruhe zwischen den Wurzeln eines Baumes

Sonntag, Sonne, sommerliche Wärme – eigentlich kein Tag, um sich mit Tod und Trauer zu beschäftigen. Oder doch? Auf dem Parkplatz am Ortsrand von Leulitz reiht sich am Sonntagmittag Fahrzeug an Fahrzeug. 350 Besucher haben sich angemeldet, um an Sonderführungen durch den Friedwald im Planitzwald teilzunehmen. Der Friedwald auf dem Territorium der Gemeinde Bennewitz wurde vor genau einem Jahr – am 19. Juni 2015 – als erster Bestattungswald in Sachsen eröffnet und umfasst insgesamt 66 Hektar.

Die Bestattung im Friedwald erfolgt in einer biologisch abbaubaren Urne aus Holz.

Quelle: Ines Alekowa

Bennewitz/Leulitz. Sonntag, Sonne, sommerliche Wärme – eigentlich kein Tag, um sich mit Tod und Trauer zu beschäftigen. Oder doch? Auf dem Parkplatz am Ortsrand von Leulitz reiht sich am Sonntagmittag Fahrzeug an Fahrzeug. 350 Besucher haben sich angemeldet, um an Sonderführungen durch den Friedwald im Planitzwald teilzunehmen. Der Friedwald auf dem Territorium der Gemeinde Bennewitz wurde vor genau einem Jahr – am 19. Juni 2015 – als erster Bestattungswald in Sachsen eröffnet und umfasst insgesamt 66 Hektar.

Die Idee dahinter: Einen Bestattungsort, unabhängig von Konfession und frei von sozialen Zwängen, zu bieten, an dem man sich schon zu Lebzeiten wohl gefühlt hat – den Wald. Sie zu verwirklichen, hatten sich die Gemeinde Bennewitz als Träger, die Familie Rauchhaupt als Waldbesitzer und die Friedwald GmbH, in deren Händen die Verwaltung der derzeit 56 Friedwälder in ganz Deutschland liegt, zusammengetan, informiert Anna Pothmann, Försterin und Regionalbetreuerin von der Friedwald GmbH. Sie nimmt eine der Besuchergruppen, welche ein Shuttlebus zum Infopunkt gebracht hat, mit auf eine 45-minütige Tour.

„Nicht jeder Baum ist ein Bestattungsbaum“, betont Pothmann und bleibt am Fuße einer mächtigen Buche stehen, während Radfahrer vorbeifahren. Denn der Bestattungswald, ohne Zaun und Tor, ist öffentlich. „Bei der Auswahl wurde geschaut, wie vital ein Baum ist, ob er 99 Jahre durchhält – so lange gilt der Erbbaupachtvertrag für den Bestattungswald, die letzte Beisetzung muss 20 Jahre vor dessen Ablauf erfolgen, die Liegezeit aber ist unbegrenzt.“ Die ausgewählten Bäume sind durch eine Plakette mit einer Nummer gekennzeichnet. „Die Plaketten sind mit GPS-Daten hinterlegt, so dass man seinen Baum immer wiederfinden kann“, erklärt die junge Frau. Die Farbe eines um den Stamm geschlungenen Bandes verrät, ob es sich um einen Familienbaum (blau) oder einen Einzel- oder Partnerbaum (rot), passenderweise ein Doppelstamm, handelt. Die dritte Kategorie sind Gemeinschaftsbäume (gelb), um die – mit einem Abstand von zweieinhalb Metern, um die Wurzeln nicht zu schädigen – zehn Grabstellen möglich sind. „Es sind keine anonymen Beisetzungen, wie gemeinhin angenommen wird“, zeigt Pothmann auf Namenstafeln. „Aber man kann bei Gemeinschaftsbäumen verfügen, ob man darauf erscheinen möchte, und bei Familienbäumen kann auch etwas Persönliches wie ein Leitspruch eingraviert werden.“

Der Weg führt die Teilnehmer über kleine Brücken, zwischen Baumstümpfen und Reisighaufen hindurch, der Boden ist stellenweise von Reifenspuren zerfurcht. „Die Bestattungsflächen werden vor ihrer Freigabe noch einmal durchforstet, denn dann ruht die Forstwirtschaft bis auf die Verkehrssicherung“, erklärt Pothmann. Dabei wurden aber nicht nur Bäume gefällt, um Platz für Gräber zu schaffen, sondern auch junge Bäume gepflanzt, so wie die Nummer 38 – eine Buche. „Da kann man zusehen, wie der eigene Baum groß wird“, erklärt Pothmann und erzählt von einem Kegelclub, der sich gemeinsam einen Baum gekauft hat. Einmal im Jahr vorbeikommt, den Stammzuwachs misst und fröhlich darauf anstößt, dass noch alle leben.

Aber auch der letzte Abschied ist weniger strengen Regeln als auf einem Friedhof unterworfen. „Es gab einen Motorradfahrer, der hatte sich gewünscht, dass bei seiner Harley während der Beisetzung noch mal richtig schön Gas gegeben wird“, schmunzelt Pothmann. „Wir machen vieles möglich.“ Vor der Beisetzung kann auf einem Andachtsplatz mit Überdachung, fester Bestuhlung und einem schlichten Holzkreuz eine Grabrede gehalten, Musik gespielt werden. Dann wird die Asche in einer biologisch abbaubaren Holzurne – weshalb eine Umbettung auch nicht möglich ist – circa 80 Zentimeter tief in die Erde versenkt. „Wildschweine brechen den Boden nur etwa zehn Zentimeter tief auf“, beruhigt Pothmann laut gewordene Befürchtungen. Überhaupt nutzen die Teilnehmer, keineswegs nur ältere Leute, den persönlichen Kontakt ausgiebig zu Fragen. Zum Beispiel ob es einen Ersatzbaum gibt, wenn der gekaufte abstirbt, oder warum kein Grabschmuck zu sehen ist. „Der würde auf ein Grab hinweisen, der Naturcharakter aber soll ja erhalten bleiben“, sagt Pothmann und fügt hinzu: „Vielleicht sollte man eher etwas mitnehmen, wie einen Zweig zur Erinnerung.“

Katja Rauchhaupt, Geschäftsführerin der Rauchhaupt.Wald GbR, verfolgt, wie sich eine Gruppe nach der anderen aufmacht, und freut sich über den großen Zuspruch. Ein Zuspruch trotz regelmäßiger Führungen samstags aller zwei Wochen – die Teilnehmerzahl von 25 ist meist ausgeschöpft – und weiteren für bestimmte Personengruppen, zum Beispiel für Hospize. „Solche Sonderführungen wie heute, einmal im Jahr an einem Sonntag, sind gedacht, um auch Personen zu erreichen, die samstags arbeiten müssen“, erklärt sie. Mancher nutzt denn auch die Gelegenheit und sichert sich noch vor Ort einen Baum beziehungsweise einen Platz darunter.

Im Moment sind knapp 500 Bestattungsbäume – die Hälfte Familien-, ein Drittel Partner- und ein Sechstel Gemeinschaftsbäume – ausgewiesen. „Wir hatten im ersten Jahr bereits knapp über 300 Beisetzungen“, berichtet Rauchhaupt. „Wir wussten natürlich, dass Interesse an Bestattungen in einem Friedwald besteht, denn im Zuge des Genehmigungsverfahrens musste eine Bedarfsanalyse erstellt werden. Aber dass es so groß ist, haben wir nicht geahnt.“ Die große Nachfrage führt sie darauf zurück, dass der Bennewitzer Friedwald der bisher einzige in Sachsen ist. „Gedacht ist er für einen Radius von 40 Kilometer, und die meisten Interessenten kommen auch aus dem Muldental. Manche aber auch von weiter her. Viele hatten auf die Eröffnung bereits gewartet.“ Im Herbst, kündigt Rauchhaupt an, der vier Förster zur Seite stehen, werde man neue Flächen taxieren. Das wäre dann schon die zweite Erweiterung. „Wir sind mit 150 Bäumen auf einem Hektar gestartet, das hätte nach Erfahrungen andernorts eigentlich bis zu drei Jahren reichen sollen.“ Doch schon im August 2015 wurde auf drei Hektar ausgedehnt.

Bei Harald Böhland (57) und Ute Richter (52) aus Taucha ist nach der Führung die Entscheidung für einen Baumkauf gefallen. „ Für uns stand schon vorher fest, dass es, so mitten in der Natur, eine tolle Form der Beisetzung ist. Man kann schon jetzt alles regeln und fällt auch als Toter niemandem zur Last“, erklären sie, zumal die Kinder weggezogen sind und die Grabpflege später nicht übernehmen könnten. „So können uns die Kinder besuchen, wenn sie Zeit und Lust haben und das mit einem schönen Spaziergang verbinden.“

Von Ines Alekowa

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