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Leulitzer kann nichts wegwerfen

Leulitzer kann nichts wegwerfen

Bennewitz/Leulitz. Schuttgruben haben Manfred Straßberger schon immer magisch angezogen. Hier barg er bereits in den 1970er Jahren, was andere beim modernen Umbau ihrer Häuser für verzichtbar hielten.

. Inzwischen hat der 63-Jährige mit seinen Fundstücken und um sie herum ein Haus gebaut: die ehemalige Schmiede in Leulitz .

Der Fachwerkbau von 1789 war 200 Jahre später so vernachlässigt, dass sein Schicksal besiegelt schien. Doch der Museologe nahm sich in jahrelanger Geduldsarbeit mit Gespür und Sachkenntnis der alte Bausubstanz an und bewies, dass sich Wohnen im Denkmal durchaus mit zeitgemäßem Komfort verbinden lässt. Im Landeswettbewerb zur Erhaltung und Pflege ländlicher Bausubstanz wurde seine Arbeit 1995 mit einer bescheidenen Prämie zumindest symbolisch gewürdigt.

In der Hitze der vergangenen Wochen war Straßbergers Sommerwohnung im ehemaligen Hühnerstall ein idealer Aufenthalt. Diesen Durchgang zum Garten kennen auch die Leulitzer, denn zu den traditionellen Dorfesten ist auch die alte Schmiede offen für jedermann. Hohe Vitrinen, die einst irgendwo zur Ladenausstattung gehörten, ein Geschenk des Nachbarn von gegenüber, nehmen hier viel von dem „Krismkrams" auf, den Straßberger in Jahrzehnten zusammengetragen hat – scheinbar wertloses Gerümpel von Schuttplätzen und aus Abrisshäusern, kurz bevor alles in einer Staubwolke zusammensank.

Die grauen Regale hat der Leulitzer wie in einem Museum in einzelne Abteilungen untergliedert, die stundenlang Gespächsstoff liefern. Da gibt es Fundstücke, die der Hausherr entdeckte, als die alte Schmiede noch eine Baustelle war. Nach dem sogenannten Feierabendziegel, der auf dem Krüppelwalm zum Vorschein kam, hatte er zwei Tage lang gesucht. Hier finden sich auch das Bild einer Wasserburg aus dem elften Jahrhundert, eine unspektakuläre Anlage mit Wohnturm und Palidsadenwall, die in Luftlinie 200 Meter im Wald lag. Auch auf Schmiedeschablonen, Ofenkacheln, Butterformen und eine Klistierspritze für Tiere stieß Straßberger auf seinen Streifzügen und fand sie natürlich zum Wegwerfen viel zu schade.

Auf Augenhöhe von Kindern pflegt er die Erinnerung an Dr. Paul Hösemann. Der Wurzener Arzt diente dem ausgestellten Foto zufolge, 1893 in den Schutztruppen der deutschen Kolonien in Afrika. Straßberger erzählt dazu gern eine haarsträubende Geschichte: Hösemann habe sich im Dschungel verirrt und sei von einem Krokodil angefallen worden, das ihm die Hand abbiss. Mit Schnaps aus einer mitgeführten Feldflasche sei er soweit bei Kräften geblieben, um mit einem Horn Hilfe herbeizututen. Die Story ist glatt erfunden, gibt Straßberger aber die Möglichkeit, einer seltsamen Wachshand, einem Blechblasinstrument und einer Krokodilhaut in seinem Regal zu großem Auftritt zu verhelfen.

Zu dem Reptil freilich hat er eine nicht minder unglaubliche Geschichte in petto. Sie soll allerdings nicht erfunden sein. In einem Abrisshaus stieß er „in schwerem Dreck" auf einen herrenlosen Jutesack, in den tatsächlich fünf getrocknete Krokodilhäute eingenäht waren. „Sah aus wie originalverpackt, muss Jahrzehnte dort gelegen haben", vermutet der Entdecker des bizarren Fundes.

In der Wendezeit, „war traurig, was da alles weggeworfen wurde", trennten sich die Menschen besonders leicht von allem, das von Spuren der Vergangenheit gezeichnet war. Viel altes Baumaterial konnte Straßberger so bewahren und in die alte Schmiede einbauen. Mitunter hat er säuberlich notiert, wo er die Teile geborgen hat – alte Biberschwänze, Sandsteingewände, unglasierte Fußbodenplatten oder die Tür einer Mühle, die im Eilenburger Raum abgerissen wurde. „Bei Wind und Wetter ist Gott unser Retter" hatte der Müller auf den Rahmen gekritzelt. Es berührt tief, dass dieser naive Schriftzug als persönliche Botschaft eines Unbekannten die Jahrhunderte überlebte.

Was für ein Glücksfall, dass die Tür, wie so vieles andere in der Leulitzer Schmiede, in die Hände eines Menschen geriet, der nichts wegwerfen kann.

Ingrid Leps

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