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Wurzen Lutz Vertel aus Borna fährt seit 50 Jahren Trabi
Region Wurzen Lutz Vertel aus Borna fährt seit 50 Jahren Trabi
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00:30 03.03.2018
Trabi-Fan Lutz Vertel liebt seinen knapp 30 Jahre alten Trabi, der in diesem Jahr das H-Kennzeichen bekommen kann. Quelle: Andreas Döring
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Borna

Lutz Vertel seht in seiner Garage. Liebevoll trommelt er mit den Fingern aufs Dach des hellen Trabis. „Der 601er ist eine Legende“, sagt der 74-Jährige aus Borna und lacht. „Für mich ist es reine Liebhaberei.“

Schon sein ganzes Leben liebt er fahrbare Untersätze. Die auf zwei und vier Rädern. Mit 16 hatte er seinen Führerschein, fuhr seitdem alle Motorräder, die für ihn erreichbar waren. Mit 24 kaufte er seinen ersten Trabant, gebraucht unter der Hand. Der gelernte Schlosser wollte auch beruflich hinterm Lenkrad sitzen. 40 Jahre lang war er Kraftfahrer im Braunkohlenwerk Borna.

Ein Trabi steht seit 50 Jahren in seiner Garage. „Das ist doch ein prima Auto. Hier passen vier Leute rein, es hat ’ne Hängerkupplung und man kann fast alles selbst reparieren.“ Im Sommer verbringt er viel Zeit mit ihm. „Da muddle ich jeden Tag rum“, meint der Sachse. Putzen, tanken, waschen, irgend was kontrollieren und reparieren, „das macht mir Freude“. Bei jeder Fahrt lauscht er auf das Getucker, „ich höre genau, wenn da was klappert“. Ja, in Borna würde man ihn kennen. „Die Leute sagen: ,Da kommt der alte Vertel wieder mit seinem Trabi.“

Ein Trabi für 150 D-Mark

Kurz nach der Wende konnten nur wenige seine Begeisterung verstehen. Begehrlichkeiten nach West-Autos bestimmten den Markt. So kaufte der Bornaer damals einen Trabant für 150 D-Mark. „Ich habe darüber mal mit einem Westdeutschen geredet. Der konnte das gar nicht verstehen und meinte: ,Dafür kriegt man doch nicht mal ein Fahrrad’.“

Lutz Vertel aus Borna gehört zu einer wachsenden Schar von Trabi-Liebhabern. Der 74-Jährige hat das kultige Gefährt allerdings nicht erst vor kurzem entdeckt. Seit er 26 ist, steht ein Trabant bei ihm in der Garage. Hier einige Fotos von Andreas Döring.

Bis heute findet er es schade, wie die Trabis damals verschleudert wurden: „Was die Leute eingebüßt haben.“ Er nutzte die Zeit. Zehn Pkw dieser Art standen im Laufe der frühen 90er-Jahre auf seinem Hof, aus denen er wichtige Ersatzteile baute. „Die hab’ ich zerlegt“, jahrelang konnte er damit reparieren. Das sei eben wirklich schön am Trabi, „Motor, Getriebe, Bremsen, man kann viel selbst machen“.

Trabant ist Kult

Heute gibt es keinen Trabant mehr für kleines Geld. Für seinen jetzigen hat er tausend Euro bezahlt. Es ist sein Zweitauto. Dahinter parkt ein Mercedes. „Aber bei dem gucken die Leute nicht, beim Trabi schon“, sagt der Rentner lachend. Selbst kleine Kinder zeigen staunend mit dem Finger auf das Gefährt.

Kult ist der Trabi schon eine ganze Weile und der Bornaer steht mit seiner Begeisterung bei weitem nicht allein da. Der Markt für historische Autos wächst, die Zahl der Oldtimer nimmt zu, darunter auch Trabant und Wartburg. Inzwischen gibt es auch zahlreiche Trabantfreundeskreise, zum Beispiel im Muldental. Auch Trabitreffen finden regelmäßig in der Region statt. Viele Leute lieben inzwischen Rennpappe, Plastebomber und Kugelporsche.

Tankstelle in Altenburg verkauft Benzin-Öl-Gemisch

Allerdings sollte man mit diesem Auto auch so einiges beachten, mahnt Vertel. Zum Beispiel wenn’s so kalt ist wie jetzt. Er steigt in seinen Trabi, zieht den Choke und startet. „Das Fahrzeug muss mit Choke angelassen werden und dafür braucht man ein gutes Gespür“, sagt der Experte. Junge Leute hätten oft zu wenig Geduld und „würgen ihn ab“. Er nicht. Aus dem dünnen Auspuffrohr puffen blaue Wölkchen, es knattert „Reng-Teng-Teng“ und riecht eindeutig nach Zweitakter.

Guten Morgen! Heute vor 25 Jahren rollte in Zwickau der letzte Trabant vom Band. Welche Erinnerungen habt Ihr an die Pappe? Foto: dpa

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Freitag, 29. April 2016

Autobahnen meidet der Bornaer nach Möglichkeit, „ich fahre so 70, 80, da hupen mich dauernd Lkw an“. 105 Kilometer pro Stunde schafft sein Kleiner, aber das reizt er selten aus. Mit dem Abstand zum voraus fahrenden Auto sollte man immer genau aufpassen, die Bremsen sind eben nicht so fix. Das Benzin-Öl-Gemisch gibt es an einer Tankstelle bei Altenburg.

Bis dass die Gesundheit sie scheidet

Gern fährt er mit seiner Frau in ein 200 Kilometer entferntes Thermalbad in Westdeutschland, allerdings mit dem Mercedes. Die Wirtin von dort bittet den Bornaer seit Jahren, doch mal mit dem Trabant zu kommen, sie will ihn gern Probe fahren. Er überlegt noch.

Wieder klopft der Trabi-Liebhaber auf seinen 601er, Baujahr 1988, und sagt: „Den behalte ich. Nicht bis der TÜV uns scheidet, sondern bis der Gesundheitszustand uns scheidet.“ Jetzt muss er beim Arzt ein Rezept holen. Natürlich fährt er mit dem Trabant hin.

Trabant

Trabant heißt die ab 1958 in der DDR im VEB Automobilwerk Zwickau in Serie gebaute Pkw-Baureihe. Zur Zeit seiner Einführung galt er als moderner Kleinwagen und ermöglichte die Massenmotorisierung in der DDR. Während seiner langen Bauzeit wurde er nur im Detail weiterentwickelt, so dass er in späteren Jahren letztlich die Erstarrung der DDR-Wirtschaft widerspiegelte, so das Onlinelexikon wikipedia.

Relativ große Stückzahlen erreichte von 1964 bis 1991 insbesondere der Trabant P 601, der 1989/1990 zu einem Symbol der Wiedervereinigung Deutschlands wurde. Ähnlich wie der VW Käfer entwickelte sich der oft liebevoll Trabi genannte Wagen zu einem Kultfahrzeug mit umfangreichem Freundeskreis. Bis in die frühen 1980er-Jahre war der Trabant auch in internationalen Rallye-Wettkämpfen erfolgreich.

Ostdeutschland profitiert knapp 30 Jahre nach dem Ende der Trabi-Produktion noch immer von seinen früheren Autowerken, heißt es. Wegen des gut ausgebildeten Personals siedelten sich gleich nach der Wende mehrere große Autobauer in Sachsen und Thüringen an. Bis heute hängen viele Jobs von der Autoindustrie ab.

Von Claudia Carell

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