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Wurzen Macherner Pfarrerin geht nach Budapest
Region Wurzen Macherner Pfarrerin geht nach Budapest
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18:03 20.08.2018
Barbara Lötzsch: In der Macherner Kirche hat sie elf Jahre lang die Gottesdienste gehalten. Quelle: Ines Alekowa
Machern

Vorm Pfarrhaus in Machern steht ein Tisch mit Büchern zum Verschenken. „Wir ziehen um“, steht auf einem Zettel. Am 1. September tritt Pfarrerin Barbara Lötzsch ihren neuen Dienst an – in Budapest, Ungarn.

Natürlich falle der Abschied schwer. „Aber nach zehn Jahren – ich bin elf hier – sollten Pfarrer wechseln. Das halte ich für sinnvoll, denn sie prägen eine Gemeinde. Und Leute, die mit einem nicht können – auch ich habe Ecken und Kanten – müssen wieder auftauchen dürfen.“ Machern war Lötzschs erste Pfarrstelle. 1969 in Leipzig geboren, wuchs sie in Nerchau auf. „Ich habe als Schülerin noch Farben in der Fabrik sortiert“, erzählt sie. Nach Studium in Leipzig und Marburg führte sie ihre Probezeit 2002 zurück ins Muldental, nach Böhlitz und Röcknitz. Dort wurde ihr viertes Kind geboren, nach der Erziehungszeit wechselte sie auf die nach Pfarrer Süß’ Tod drei Jahre vakante Stelle in Machern. Die Frage, mit welchen Ideen sie hierher kam, findet Lötzsch irritierend. „Ich bin da, eine Gemeinde zu begleiten und dabei zu schauen, was die Leute brauchen.“ Und Machern, ist sie sich sicher, habe nicht auf sie gewartet. „Das ist eine quirlige, sehr selbstständige Gemeinde.“ Wahrscheinlich, vermutet sie, weil es kein traditionelles Dorf ist, sondern viele Leute aus Leipzig hergezogen sind. „Die Gemeindemitglieder trugen sich damals zum Beispiel mit dem Gedanken, in dem unterversorgten Ort ein kirchliches Kita-Angebot zu unterbreiten.“ In Lötzschs Amtszeit wurde das Projekt verwirklicht. Ebenso wie, auf Anregung der Jungen Gemeinde, der neue Gemeindesaal. „Ein echter Volltreffer“, sagt Lötzsch. Müssen Pfarrer halbe Baufachleute sein? „Ich musste inhaltlich wie finanziell zwar den Überblick bewahren, konnte mich aber auch immer auf gute Leute verlassen“, lobt sie und hat dabei auch Altenbach im Blick, wo eine neue Glocke gegossen und die Kirche trockengelegt wurde.

Kinder stehen im Mittelpunkt

Es waren Projekte für Jung und Alt. „Mir ist wichtig, dass die Gemeinde Anlaufpunkt für alle Generationen ist“, sagt Lötzsch und nennt klassische Angebote wie Frauenkreis oder Seniorenfahrten, die übrigens der Püchau-Bennewitzer Pfarrer Handschuh übernommen habe, betont sie die gute Zusammenarbeit. Und doch kreisen ihre Erinnerungen vor allem um den Nachwuchs. Neun Jahre lang hat sie die Viertklässler für drei Tage in die Kirche eingeladen. „Es war schön zu beobachten, wie sie mit dem Raum vertraut wurden. Und oben auf dem Turm haben wir über Gott und die Welt geredet.“

Taufen sind für Barbara Lötzsch traumhafte Momente. Das Taufgitter in der Macherner Kirche erinnert an all die Taufen, die die Pfarrerin in den vergangenen elf Jahren vorgenommen hat. Quelle: Ines Alekowa

Überhaupt habe sie Hunger nach geistlicher Begleitung gespürt. „Ich bin dankbar, dass die Gottesdienste in Machern stabil von 20 bis 40 Leuten besucht werden.“ Sie mit vielen Menschen zu feiern, wie den zum Schulanfang, der am 12. August zugleich ihr Abschied war, gehöre zu ihren schönsten Erlebnissen. „Vor allem Taufen sind traumhafte Momente. Die letzte fand auf Wunsch der Eltern im Kindergarten statt. Das zeigt, Kirche ist, wo Leute im Glauben versammelt sind.“ Dass der Dienst in Leulitz mangels Teilnehmer eingestellt wurde, macht sie deshalb zwar traurig. „Es ist aber auch befreiend, weil damit Kräfte frei werden für andere Dinge.“ Sie weiß, Leulitz ist kein Einzelfall. Lötzsch ist seit 2014 Mitglied der Landessynode. „Mir war immer wichtig, über die eigene Gemeinde hinaus zu schauen. Dass jede Teil eines Verbundes ist und das praktisch heißt, zum Beispiel Personal und Geld solidarisch aufzuteilen, ist den Leuten nicht immer präsent.“

Neue Herausforderung

Jetzt will sie ihren Blick wieder ein Stück weiten. „Für mich war schon länger klar, auch mal im Ausland leben und arbeiten zu wollen“, freut sie sich auf die neue Herausforderung. Nach Budapest wird nur ihre jüngste Tochter (13) mitgehen. „Beide Jungs sind längst ausgezogen, es gibt schon zwei Enkelinnen“, erzählt sie. „Und meine Große macht gerade Bundesfreiwilligendienst in Israel.“ Ihr Mann wird ihr zuliebe Berufspendler. Lötzsch hatte sich auf die für sechs Jahre ausgeschriebene Stelle der seit 1992 organisierten deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Budapest beworben. Deren 250 Mitglieder sind Nachfahren Ungarn-Deutscher, Auswanderer, Mitarbeiter deutscher Firmen – über Budapest hinaus. „Herzstück ist der Sonntagsgottesdienst mit Kirchencafé. Wer in der Stadt fremd ist, muss sich darauf verlassen können, hier Kontakt zu finden.“ Die Pfarrerin wird außerdem für Gefangenenseelsorge zuständig sein. „Davor habe ich Manschetten“, gibt sie zu.

Ungarn im Umbruch

Lötzsch ist nicht das erste Mal in Budapest. „1989 stand ich auf dem Bahnhof zufällig vor den Zügen in den Westen. Ich hätte einsteigen können. Aber ich wollte die interessante Umbruchzeit nicht auf der sicheren Seite verpassen.“ Auch jetzt kommt sie in einer Zeit der Umbrüche und der Flucht. „Anders als sie, gehe ich freiwillig.“ Lötzsch weiß, dass die ungarisch-lutherische Kirche eine kritische ist und ist deshalb gespannt auf deren Position. Denn: „Kirche kann gar nicht anders als sich positionieren“, meint sie. „Als Jesus sein Brot teilte, war das auch Politik.“ Lötzsch erhofft sich aber auch Erfahrungen für die Zukunft angesichts der zurückgehenden Anzahl an Christen in Deutschland. „Die Lutheraner befinden sich in Ungarn gegenüber Katholiken und Reformierten in einer Minderheitensituation – ich möchte mir anschauen, wie das funktioniert.“

Sprache ist dabei eine Brücke. „Ich will ja auch Kontakte außerhalb der Gemeinde knüpfen“, sagt Lötzsch. „Inzwischen weiß ich aus den Sprachkursen schon, was Schildkröte auf Ungarisch heißt und Ritter Blaubart, ich denke, damit komme ich klar“, scherzt sie.

Von Ines Alekowa

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