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Wurzen Macherner Waldakademie – Cornelia Stieler geht den Identitäten auf den Grund
Region Wurzen Macherner Waldakademie – Cornelia Stieler geht den Identitäten auf den Grund
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00:16 08.08.2017
Bei schönem Wetter zieht es die Trainerin mitunter hinaus an die frische Luft. Gerade Klienten aus der nahen Großstadt schätzen die waldreiche Umgebung sehr, da sie in den Sitzungen so besser zur Ruhe kommen. In einem Video auf www.lvz.de/wurzen stellt sich Cornelia Stieler vor. Quelle: Fotos: Michael Bader
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Machern

Erst als die Mutter nicht mehr lebte, traute sie sich, über ihren Großvater zu recherchieren und Dinge in Frage zu stellen. Die familiäre Loyalität. Die unbequemen Wahrheiten. Die Zweifel. Die Schuldgefühle. Heute weiß Cornelia Stieler, weshalb ihre Vorfahren so quälend lange über Großvaters „Geheimnis“ geschwiegen, es buchstäblich mit ins Grab genommen hatten: „1938. Mein Opa musste seine Arbeit in der Grube aufgeben, nachdem er zwei Tage verschüttet war. Dann seine Chance zum beruflichen Neubeginn – bei der Reichsbahn. Als kriegsdienstverpflichteter Lokführer, in direkter Umgebung von Auschwitz.“ Die heute 52-jährige Enkelin hat viele Puzzleteile zusammen gefügt: Unter welchen Bedingungen der Großvater ja gesagt hat, an welchen Stellen er möglicherweise zurück gekonnt und welche Konsequenzen dies bedeutet hätte. Das Verdrängte, das Nichtausgesprochene, die Krankheit – sie habe ihn als Kind erlebt, erst heute als Erwachsene verstehe sie sein Verhalten. „Es ist einfach, den Stab über die Vorfahren zu brechen. Doch wie schwer ist es heute, Zivilcourage zu zeigen. Und zu leben.“

„Keine Zukunft ohne Herkunft“

Wenn sie die Zeit zurück drehen könnte, würde sie früher nachfragen. Warum? „Weil Wahrheit heilt und die Heilung auch für meine krebskranke Mutter gut gewesen wäre.“ Cornelia Stieler lebt ihre Berufung. Als Biografietrainerin, systemischer Coach und Mediatorin hilft sie Menschen, aus dem Schneller, Höher, Weiter auszubrechen, eine Rast einzulegen, innezuhalten, durchzuatmen, einen Blick zurück zu werfen. „Keine Zukunft ohne Herkunft“, sagt die Machernerin und begleitet ihre Klienten auf dem Weg zu sich selbst am liebsten sogar im Wald. Dort sei es mal sonnig, mal schattig, mal sei der Weg breit, mal schmal, wie im richtigen Leben. WaldAkademie heißt „ihr Kind“. Die vor fünf Jahren gegründete Weiterbildungsstätte mit eigenem Seminarraum befindet sich im traditionsreichen Macherner Wohngebiet „Waldwinkel“. Der Name der Akademie ist mehr als nur ein Wortspiel. In grüner Umgebung können die oft gestressten, stadtgeplagten Teilnehmer perfekt runterfahren. So würden Arbeitseinheiten an der frischen Luft mitunter zu Ge(h)sprächen.

Gerade die Ostdeutschen im mittleren Alter hätten sich ein Innehalten, eine Inventur, verdient. Vor allem nach der Wende hätten die Ossis extreme Anpassungsleistungen hinter sich bringen müssen. Dies reiche von der beruflichen Neuorientierung bis hin zur Veränderung des gesamten Lebensumfeldes. Es gebe starke Brüche in den Biografien, häufige Arbeits- und Berufswechsel sowie Zeiten, die erklärungsbedürftig seien und die Betroffenen in ihrem Arbeitsleben stigmatisierten. Dass gerade Menschen mit bewältigten Lebensumbrüchen über besondere Fähigkeiten verfügten, sei ihnen oft gar nicht bewusst. Nur selten hätten sie Anerkennung ihrer Leistungen erfahren.

Cornelia Stieler weiß, wovon sie spricht. Als Christ in Thüringen aufgewachsen durfte sie nicht auf die EOS. Dabei wollte sie so gern Lehrerin werden. Stattdessen lernte sie Bauzeichnerin, studierte später Heizung, Lüftung, Sanitärtechnik. Mit 20 heiratete sie, mit 21 und 22 kamen die beiden Kinder. Doch dann kam die Wende. Der Job war futsch. Cornelia Stieler gab nicht auf. Als Außendienstlerin verkaufte sie Werbung für alle möglichen Zeitungen, die sich neu gründeten, eingingen, fusionierten. Sie bildete sich ständig fort, brachte es zuletzt bis zur Geschäftsführerin von zwei Anzeigenblattverlagen. Zwischendurch hatte ihr Mann einen schweren Autounfall, ist seitdem erwerbsunfähig: „Plötzlich war ich Alleinverdiener in unserer Familie. Und pendelte beruflich bis Frankfurt/Main. Da war ich 36, genauso alt wie meine Oma, als sie in Oberschlesien auf die Flucht ging.“

Begeisterung für Omas „Feind“

Innerhalb eines Jahres hatte die Großmutter viele Menschen verloren: Der Vater wurde misshandelt. Die Mutter starb an Hungertyphus. Der Schwiegervater verbrannte bei lebendigem Leibe. Die Schwägerin verblutete an einem Bauchschuss. Sie selbst nutzte ihre drei Kinder als lebendige Schutzschilde, um der Vergewaltigung russischer Soldaten zu entgehen.

Cornelia Stieler erinnert sich an ihre Schulzeit: „Ich war neugierig aufs Leben, wollte fremde Sprachen lernen und andere Völker treffen. Mit der russischen Sprache und der Sowjetunion ging das am einfachsten. Ich siegte in der Russischolympiade, las Sowjetliteratur – Aitmatow, Tolstoi, Dostojewski, liebte Tschaikowskis Musik und reiste mit meiner Klasse nach Kiew.“ Doch die Oma distanzierte sich immer mehr von ihr. „Erst heute kann ich nachvollziehen, wie schwer es für sie gewesen sein musste. Zum einen erkannte der Staat das erlebte Leid nicht an, zum anderen begeisterte er das eigene Enkelkind auch noch für den ,Feind’. Ihr fehlten damals die Worte, sie blieb einfach stumm, und wir lebten bis zu ihrem Tod innerlich distanziert zusammen.“

Cornelia Stieler hat ganz viele Nachfahren aus dem oberschlesischen Ort ihrer Familie ausfindig gemacht und gründet gerade mit ihnen einen Verein. „Die meisten unserer Großeltern haben bis zu ihrem Tod von Heimat gesprochen und meinten damit das seit 1945 polnische Oberschlesien. Unsere Eltern haben versucht, ihre Flüchtlingsidentität hinter sich zu lassen und sich anzupassen. Wir, die nächste Generation spüren, dass das auch mit uns und unserer Identität zu tun hat.“

Identitäten wirken über Generationen

Stieler, die sich in der katholischen Kirchgemeinde in Wurzen engagiert, gestaltete erst kürzlich einen offenen Abend zum Thema „Flucht und Vertreibung – das alles gab es schon einmal“. Als Leiterin der Leipziger Kriegsenkel-Gruppe hört sie immer wieder ratlose Reaktionen wie „Meine Großmutter? Die stammt irgendwie aus Polen, keine Ahnung.“ Dabei sei es gerade heutzutage wichtig, von der eigenen Flüchtlingsgeschichte zu wissen. Dann sehe man die Fremden auch mit anderen Augen, ist Cornelia Stieler überzeugt: „Jedes traumatische Erlebnis, und dazu zählen Krieg und Vertreibung, hat auch lichte Momente. Da waren fast immer Menschen, die Essen zugesteckt, einen Schlafplatz zugewiesen oder gar Leben gerettet haben. Diese Erfahrungen gilt es, fürs Heute nutzbar zu machen.“ Ein Ansatz, den der Wurzener Pfarrer Uwe Peukert sehr interessant findet: „Wer erfährt, dass seinen Vorfahren auf der Flucht geholfen wurde, könnte zum Entschluss kommen, Flüchtlingen von heute zu helfen.“ Peukert schätzt sein engagiertes Gemeindemitglied sehr: „In unseren Gottesdiensten trägt sie die Lesungen vor.“

Nachbarschaftskonflikte, Ehekrisen, Mobbing – Cornelia Stieler weiß Rat in fast allen Lebenslagen. Ob in Einzelgesprächen oder Kleingruppen – oft führt der Weg unweigerlich in die DDR: Nein, es gehe ihr nicht um Ostalgie, um die Sehnsucht nach der heilen Welt, in der gut und böse klar definiert waren. „Viele der aktuellen Empfindungen, die Ostdeutsche heute haben, resultieren aus ihren DDR-Erfahrungen. Dazu gehören zum einen das autoritäre Schul- und Gesellschaftssystem, vorgegebene Meinungsbilder und wenig Gestaltungsspielraum für den Einzelnen. Aber genauso gute Dinge wie der soziale Zusammenhalt, die existenzielle Grundabsicherung und anderes.“ Jeder Lebenslauf habe seine Daseinsberechtigung, jeder sei selbst „Autor“ seiner ganz persönlichen Geschichte und behalte die Deutungshoheit – das sei das Besondere an biografischem Arbeiten. „Ein Coach begleitet, regt Denkprozesse und kritische Reflexionen an. Er wird jedoch das Leben des Klienten nie beurteilen oder gar verurteilen.“ Verletzungen entstünden dann, wenn eigene Lebensgeschichten von anderen abgewertet würden, wie dies Ostdeutsche oft erlebten. Ob Kinder von Ex-Stasimitarbeitern oder ehemalige Oppositionelle – die Bandbreite der Klienten ist Abbild der Gesellschaft.

Den Lebensrucksack sortieren

Die Machernerin spricht auf dem Waldweg oft davon, dass man den „Lebensrucksack“ von Zeit zu Zeit aufräumen muss, damit man die nächste Etappe leichter gehen und optimistisch in die Zukunft schauen kann. Trotz oder gerade wegen der Globalisierung: „In wenigen Wochen werde ich gleich zweimal hintereinander Oma. Meine Tochter, die in der Nähe von Madrid mit einem Spanier verheiratet ist, erwartet genauso ein Baby wie mein Sohn, der in Dresden mit einer Hongkongerin glücklich ist.“

Von Haig Latchinian

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