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Wurzen Mit 79 beim Ringelnatzlauf: Ernst Petter, der Mann mit der zweiten Puste
Region Wurzen Mit 79 beim Ringelnatzlauf: Ernst Petter, der Mann mit der zweiten Puste
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00:36 09.08.2015
Ernst Petter startet beim Ringenatzlauf. Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Er wirkt eher wie 59. Von seiner putzmunteren Art sogar wie 31. Das mag daran liegen, dass er 1984 ein zweites Mal geboren wurde. Damals, nach dem Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Dessau. Vier Stunden lang flickten Ärzte den Schädel des bewusstlosen Wurzeners zusammen. Mit Erfolg.

Petter hatte eben schon immer die zweite Puste. Vor 40 Jahren fing der einstige Technische Direktor im VEB Luftfiltertechnik an zu joggen, um Stress abzubauen. Inzwischen rennt er zwar nicht um sein Leben, aber für sein Leben gern. Ob Rennsteiglauf über 45 Kilometer oder Kernberglauf über 25 Kilometer - nie stockt ihm der Atem. 1990 gründete er seine Kunstschmiede mit 30 Beschäftigten in Spitzenzeiten. Aus seiner Hand stammen die Balkone am Leipziger Wintergartenhochhaus, die stilvollen Gitter der Kellerfenster in Barthels Hof, das schmiedeeiserne Tor in Wurzens Albert-Kuntz-Straße 5. Als Mitglied im örtlichen Geschichts- und Altstadtverein führte er Regie bei der Sanierung der Postmeilensäule. Noch immer macht er sich im Betrieb seines Juniors nützlich.

Auch wenn ihn seine Frau für verrückt halte, am Sonntag hält ihn nichts, er läuft über die fünf Kilometer, komme, was wolle. Das ist Musik in den Ohren von Thomas Zittier. Der Vorsitzende des veranstaltenden Verschönerungsvereines "Stadtwandler" hofft bei den zwischen 9 und 11 Uhr startenden vier Läufen auf 400 Teilnehmer aus ganz Sachsen. Das Meldebüro im Markt 5 ist ab 7.30 Uhr geöffnet. Kurzentschlossene können sich bis jeweils eine halbe Stunde vorm Rennen in die Läuferlisten eintragen. 400 Starterbeutel sind gepackt, 40 Helfer eingewiesen.

"Petrus spielt bestens mit. Für Sonntag erwarten wir ideale 20 Grad Celsius", so die Organisatoren. Der Havelländer Michael Mirscher reist extra in seine alte Heimat, um die Läufer in der Kannengießerstraße zu erfrischen. Für das dort in Bottichen samt Schwämmen bereitstehende kühle Nass sorgt Mike Jopke mit seinen Feuerwehrleuten.

Überhaupt hat der Erfolg viele Väter: Das Wurzener Nahrungsmittelwerk spendiert Knabbereien. Der Kulturbetrieb Wurzen finanziert den Moderator. Das Autohaus Eichardt stiftet 250 Euro für den Sportverein, der die meisten Läufer ins Ziel bringt. Die Stadtverwaltung übergibt einen Präsentkorb für den originellsten, selbst verfassten Zweizeiler zu Wurzen und Ringelnatz.

Das Laufen an der frischen Luft bringe das Blut in Wallung und die grauen Zellen in Bewegung - kurz: Das Rennen hilft dem Reimen auf die Sprünge, weiß der siebenfache Großvater Ernst Petter. Er selbst jedoch versuche sich nicht als schreibender Ringelnatz: "Ich bin kein Dichter, ich bin Techniker. Und leidenschaftlicher Hobbymaler! Naja, gemalt hat Ringelnatz doch auch. Wer also einen gefälschten van Gogh braucht, kann sich bei mir melden."

Die sonntägliche Wettkampfstrecke mit vier Anstiegen hat Petter bereits getestet. Für ihn eher Alltag. Dreimal pro Woche schnürt er die Laufschuhe. "Ich jogge auch im Urlaub, in Ägypten, Thailand und im Vogtland." 32 000 Kilometer hat er bereits zurück gelegt, holt der Junggebliebene aus, um mit Wehmut nachzuschieben: "Gern hätte ich die Welt umrundet, aber die nötigen 40 000 Kilometer schaffe ich altersbedingt nicht mehr." Wie bitte? Als 31-Jähriger?!

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.08.2015
Haig Latchinian

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