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Wurzen Mit der alten Vespa durch halb Europa – auf Werbetour zugunsten brandverletzter Kinder
Region Wurzen Mit der alten Vespa durch halb Europa – auf Werbetour zugunsten brandverletzter Kinder
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00:19 02.09.2017
Auf Höllenritt mit Tempo 70: der 62-jährige Tischler Hans-Jürgen Meteling.  Quelle: Karin Stork
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Wurzen

 Das Moped ist stolze 34 Jahre alt und bekommt derzeit viele Streicheleinheiten. Die hat es auch bitter nötig. Denn Hans-Jürgen Meteling kitzelt auf der Fahrt seines Lebens die letzten Reserven aus seiner treuen Vespa heraus. Der 52-jährige gelernte Tischler will von seinem Heimatort Borken an der holländischen Grenze über den Harz, Bautzen, Polen, Frankfurt/Oder und Rügen nach Schweden, Dänemark und Hamburg tuckern, um nach insgesamt gut zwei Wochen wieder in der Heimat, im westlichen Münsterland, einzutreffen. Auf den 2500 Kilometern verteilt er Flugblätter, um für „Paulinchen“ zu werben, eine gemeinnützige Initiative zugunsten brandverletzter Kinder.

Auf seinem Höllenritt bei Tempo 70 über Stock und Stein machte der Familienvater jetzt auch in Wurzen Station. Dort übernachtete er, lief abends durch die einsamen, romantisch illuminierten Gassen, tafelte beim Chinesen und tankte so neue Kraft. „Mein Sohn Henning ist jetzt 20, steht mit beiden Beinen mitten im Leben und ist nach wie vor aktiver Sportschwimmer. Bei den Wettkämpfen versteckt er sich nicht, zeigt seinen freien Oberkörper, obwohl die Narben noch deutlich zu sehen sind.“ Als Henning zwei war, kippte er sich – neugierig wie er war – Mamas frisch gebrühten Kaffee über Kinn, Hals und Nacken. Mit lebensgefährlichen Verletzungen musste der Junge ins Krankenhaus gebracht werden.

Jedes Jahr erleiden deutschlandweit knapp 6000 Kinder und Jugendliche ein ähnliches Schicksal. Die Ursachen sind bei Kleinkindern in 80 Prozent der Fälle heiße Flüssigkeiten oder das Berühren heißer Gegenstände. Ältere Mädchen und Jungen sind häufiger in Missgeschicke beim Grillen oder im Umgang mit Strom sowie Säuren verwickelt. Nicht nur die Haut leidet, auch die Seele des kleinen Erdenbürgers. Die Behandlung in der Klinik ist extrem schmerzhaft und langwierig, die Trennung von den Familien belastend, die Therapie anstrengend. „Paulinchen“ gibt es seit 1993. Der Verein hatte sich gegründet, um betroffene Eltern in jeder Phase zu beraten und vorbeugend über Unfallursachen aufzuklären.

Für die gute Sache opfert Hans-Jürgen Meteling seinen ganzen Urlaub. Überall, wo er anhält, verteilt er seine Infohefte, in der Hoffnung, dass die Adressaten für „Paulinchen“ spenden. Das Geld sei gut angelegt, sagt er: „Bei einem Spezialisten in Bochum hatten wir vor 17 Jahren den Flyer des Vereins entdeckt und kamen so mit anderen betroffenen Eltern ins Gespräch.“ Ihn und seine Frau habe es damals getröstet zu sehen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein waren. Dass auch andere Kinder unschöne Brandnarben hatten.

Für die Hilfe des Vereins revanchiert sich der Borkener fortan. Im Schweiße seines Angesichts. Hart am Fahrtwind. Für „Paulinchen“ lässt er sich von ganzen Kolonnen an Autos zum Teil rabiat überholen, weicht Rehen aus und betet zu Gott, dass seine Vespa durchhält: „Schrauben kann ich im Ernstfall selber, Werkzeug und einen Ersatzkolben habe ich immer dabei“, sagt der kühne Recke der Landstraße. Unterkünfte sucht er sich immer ganz spontan und erst kurz bevor ihn die Müdigkeit übermannt. Sein Gepäck fällt recht spartanisch aus: Sechs Shirts, eine Ersatzhose, Unterwäsche, Socken, ein Handtuch sowie ein Regencape – das muss reichen, schließlich braucht er den Stauraum für seine Informationsbroschüren. Er weiß, sein Sohn wird stolz auf ihn sein, wenn er wieder heil im Städtchen Borken, etwa zehn Kilometer von der holländischen Grenze entfernt, ankommt. Genauso stolz ist der Papa auf seinen Sohn: „Er hat sich mit den Narben arrangiert, kann längst damit leben.“

Von Haig Latchinian

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