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Wurzen Moderne Forschung bringt Panitzscher Glocke wieder zum Klingen
Region Wurzen Moderne Forschung bringt Panitzscher Glocke wieder zum Klingen
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06:02 31.03.2018
Die drei Glocken der Panitzscher Kirche: Die große Glocke aus dem Jahre 1459 (mitte), die mittelgroße Glocke von 1385 (li.) und die kleine Glocke von 1756 (re.). Quelle: Foto: Andreas Döring
Borsdorf/Panitzsch

Eigentlich sollten zum österlichen Festgottesdienst in der Panitzscher Kirche die Glocken seit Langem erstmals wieder im Dreiklang rufen. Der größten und ältesten war 2015 wegen eines Risses Schonung verordnet worden. Dank moderner Forschung ist die Zwangspause auch bald vorbei, aber wegen Verzögerungen im Bauablauf nun wahrscheinlich erst zu Pfingsten.

Glocke sollte eingeschmolzen werden

Es war nicht die erste Pause. Die Glocke, 1459 gegossen, wiegt etwa 680 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 1,048 Metern. „Zusammen mit ihren kleineren Schwestern von 1385 und 1756, 400 und 200 Kilogramm schwer, war sie im II. Weltkrieg schon mal auf dem Glockenfriedhof in Hamburg zum Einschmelzen“, weiß Pfarrer i.R. Reinhard Freier.

Die drei Glocken der Panitzscher Kirche: Die große Glocke aus dem Jahre 1459 (M.), die mittelgroße Glocke von 1385 (li.) und die kleine Glocke von 1756 (re.). Quelle: Andreas Döring

„Die Kirchgemeinde hat sie nach 1945 wieder zurückgeholt – leicht lädiert.“ Erst 2006/07 wurden sie in der Glockenschweißerei Lachenmayer im bayrischen Nördlingen saniert. Insgesamt hatte die Gemeinde damals für die Sanierung ihres Gotteshauses 333 000 Euro in die Hand genommen, allein 45 000 Euro für die Glocken, die elektrische Läuteanlage sowie den neuen hölzernen Glockenstuhl.

„Zum Glück konnte ich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz damals gewinnen, ein Drittel der Kosten für die Glocken zu übernehmen“, erinnert sich Freier.

Sachverständiger entdeckte Kreuzriss

2015 waren die wertvollen Ritzzeichnungen von Nicolaus Eisenberg auf der großen Glocke Teil einer Ausstellung der Glockengießerei Schilling aus Apolda mit einer Sammlung solcher Bildnisse in der Kirche. „Eine Fügung“, wie Freier glaubt.

Die Kirche in Panitzsch Quelle: Klaus Peschel

Die Schau zog auch den Glockensachverständigen Friedemann Szymanowski an. „Als er auf den Turm stieg, um die Zeichnungen auf der Glocke im Original zu sehen, machte er mit Entsetzen auf dem Faltenwurf des Erzengels Michael einen 20 Zentimeter langen Kreuzriss aus, zum Glück nur oberflächlich“, erzählt Freier. „Ohne Szymanowski wäre der Riss vielleicht noch heute unentdeckt. Denn gehört hat man den Schaden nicht.“

Freier schlug Alarm

Dafür schlug Freier umso lauter Alarm, und Roy Kreß, Baupfleger der Landeskirche, vermittelte den Kontakt zum Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken ECC-ProBell der Fachhochschule Kempten. Das ECC forscht seit 2005 an Glocken, um diese wertvollen Kulturgüter vor Schäden zu schützen. Neben der Beurteilung von Läutebedingungen und Klangqualität werden Schäden untersucht und Reparaturkonzepte erarbeitet. Ihr Knowhow haben die Kemptener bereits an über 200 Glocken in Europa angewandt.

Die Glocke hat eine Riss in der Form eines Andreas-Kreuzes auf einer Länge von fast 25 Zentimetern: Die große Glocke der Panitzscher Kirche aus dem Jahre 1459. Quelle: Andreas Döring

Auch in Panitzsch. 2016 rückte Professor Michael Plitzner zweimal mit spezieller Messtechnik an und erfasste den Klang der Glocke. Eine Aufnahme von Szymanowski von 2008 diente zum Vergleich. „Die Ursache für die Rissbildung ist nicht zweifelsfrei zu beurteilen“, lautete sein Urteil, er geht jedoch aufgrund ihres Verlaufs davon aus, dass die Risse durch einen Stoß auf die untere Flanke der Glocke verursacht wurden. Außerdem stellte er fest, dass der Klöppel ungünstigerweise auf das Schweißgut schlägt, das weniger fest ist als das Originalmaterial – Ermüdungserscheinungen vorprogrammiert.

Musikalischer Fingerabdruck

Mehr als der optische Eindruck verriet dem Experten jedoch der musikalische Fingerabdruck, sozusagen ein Blick unter die Bronzehaut. „Der beschreibt das charakteristische Schwingverhalten einer Glocke, das insbesondere durch ihre Teiltöne repräsentiert“ und durch „Fehlstellen wie Verschleiß, Porosität, Hohlräume, aber auch Inschriften sowie Risse beeinflusst“ wird. „Insbesondere Ermüdungsschäden können durch wiederholte Schwingungsanalysen frühzeitig identifiziert werden“, erklärt Plitzner.

Tonintervalle verraten Schadensumfang

Aus den Veränderungen in bestimmten Tonintervallen schlussfolgerte der Professor, dass sich der Schadensumfang seit 2008 über die Hälfte der Glockenrippe ausgedehnt hat. Außerdem weisen sie auf Abweichungen der Rotationssymmetrie im Bereich des Schlagrings, also am unteren Rand der Glocke, hin – vermutlich eine Folge der Schweißarbeiten.

Glocke musste nicht erneut abgehängt werden

Das ECC hat daraus Empfehlungen abgeleitet. Erneutes Schweißen gehört nicht dazu, „da sich der Schaden nicht im Bereich hoher Beanspruchungen befindet“. „Wir waren erleichtert, dass wir die Glocke nicht erneut abhängen mussten“, sagt Freier.

Die große Glocke der Panitzscher Kirche aus dem Jahre 1459 hat, wie Pfarrer i. R. Reinhard Freier zeigt, einen Riss von 20 Zentimeter Länge. Verziert ist die 680 Kilogramm schwere Glocke mit wertvollen Ritzzeichnungen von Nicolaus Eisenberg, der Riss zieht sich über das Gewand des Erzengels Michael. Quelle: Andreas Döring

Er erinnert sich noch, wie 2007 die Schallluke nach Süden aufgehackt werden musste, um das Geläut aus der Glockenstube zu holen. Stattdessen wurde für schonendes Läuten eine kürzere Läutedauer und vor allem ein optimierter Klöppel angeraten, den die Bernhard Zachariä Glocken- und Läuteanlagen Leipzig nun einbaut.

Regelmäßige Überwachung geplant

„Der von 2007 wog 30 Kilogramm, 20 wären völlig ausreichend gewesen“, sagt Freier. Vorsorglich werden auch die beiden anderen Glocken umgerüstet. Neu ausprobiert hat das ECC eine Drehung der Glocke um circa 30 Grad, damit der Klöppel nun auf das Originalmaterial der Glocke schlägt. Dafür muss sie in ein neues Joch; Veränderungen für die Drehung am alten hätten dessen Statik beeinträchtigt. Und schließlich wird es eine regelmäßige Überwachung mithilfe des musikalischen Fingerabdrucks geben.

Noch einmal sind für all das 15 000 Euro zu berappen, wobei die Landeskirche zwei Drittel, die Kirchgemeinde den Rest trägt. Was den Pfarrer tröstet, ist nicht nur, dass durch das jetzige Eingreifen weiterer Schaden abgewendet wurde. „Mit den neuen Klöppeln werden die Glocken bestimmt noch schöner und weicher klingen“, ist er überzeugt.

Von Ines Alekowa

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