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Wurzen Mückenfledermäuse in Thallwitz – Forscher begeistert, Mieter sauer
Region Wurzen Mückenfledermäuse in Thallwitz – Forscher begeistert, Mieter sauer
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10:00 29.07.2016
Die seltene Mückenfledermaus – hier ein original Thallwitzer Exemplar – sucht sich ihr Quartier oft in Gebäuden. Quelle: Foto: hochfrequent Meisel & Roßner GbR
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Thallwitz

Die seltene Mückenfledermaus hat vor einiger Zeit Gefallen an einem Neubaublock in Thallwitz gefunden. Der Ort im Norden des Landkreises Leipzig gilt als Heimstatt der größten Kolonie dieser Art in Sachsen. Ursprünglich waren die nachtaktiven Flattertiere im „Kinderhaus Fledermaus“ – der örtlichen Kindertagesstätte – beheimatet. Als dort 2012 saniert wurde, gab es zwar eine ökologische Baubegleitung. „Doch trotz aller Bemühungen waren die Fledermäuse im darauffolgenden Jahr nicht mehr an dem Objekt nachweisbar“, berichtet Frank Meisel. Der Experte vom Büro Hochfrequent Leipzig hat sich auf die Arbeit mit den dämmerungsaktiven Wesen spezialisiert, deren versteckte Lebensweise nach wie vor viele Überraschungen bereit hält. So fallen Fledermäuse dadurch auf, dass sie in der Suche ihres Quartiers ziemlich wählerisch sind. „Als die Kita saniert wurde, sind die Fledermäuse offenbar bedingt durch die Störungen während der Reproduktionsphase in den Neubaublock umgezogen“, vermutet Meisel. Obwohl an der Kita zusätzliche Kästen angebracht und auch der Zugang zum Dachboden optimiert wurde, kehrten die winzigen Namensgeber der Kita den Rücken. Über den Verbleib der damals auf rund 200 Alttiere geschätzten Kolonie rätselten die Experten.

Flugmanöver vorm Fenster

Bis im Juni 2014 Mieter des gut 200 Meter entfernten Neubaublocks Flugmanöver vor ihren Fenstern vermeldeten. Offenbar hatten Spalten in der Fassade – nach Darstellung von Hochfrequent durch eine Sanierung in den 1990er-Jahren entstanden – die Tiere magisch angezogen. Der Wohnblock am Sportplatz 8-14 ist seitdem Schauplatz von Naturschutz-Bemühungen, aber auch Bewohner-Kritik und sogar staatsanwaltlichen Ermittlungen. „Seit erste Konflikte zwischen Mensch und Tier aufkamen, haben wir Lösungen angeboten und auch darauf hingewiesen, dass eine Vertreibung oder ähnliches aus naturschutzfachlicher Sicht nicht in Frage kommt“, erklärt Brigitte Laux, Sprecherin des Landratsamtes. „Es passiert oft, dass Fledermäuse Gebäude besiedeln. Insbesondere solche Fugen, wie sie an dem Wohnblock existieren, dienen den Tieren dann als Schlupfloch“, erläutert Meisel. Gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises habe sich die Fachfirma intensiv bemüht, Lösungen zu finden. „Dass eine Bewohnerin die Wochenstube der Tiere unter ihrem Fensterbrett vorsätzlich verschlossen hat, warf uns in unseren Bemühungen natürlich zurück“, berichtet Meisel. Die Staatsanwaltschaft Leipzig, ergänzt Brigitte Laux, habe das auch als Straftat geahndet. Laut Bundesnaturschutzgesetz stehen besonders die Wochenstuben der Tiere unter besonderem Schutz.

Obwohl es zu diesem Zwischenfall gekommen sei, habe er die Landesstiftung für Natur und Umwelt überzeugen können, die Sicherung des Thallwitzer Bestandes großzügig zu fördern, ergänzt der Experte. „Die Eigentümer der 32 Wohnungen müssen nur zehn Prozent der Kosten tragen, die für die Arbeiten anfallen.“

Die Anstrengungen und das Interesse der Fledermausschützer begründet Frank Meisel mit der Bedeutung der Population. „Unsere Annahme, dass es sich in Thallwitz um das größte bekannte Wochenstubenquartier der Mückenfledermaus in Sachsen handelt, hat sich bestätigt.“ Jüngste Beobachtungen würden sogar vermuten lassen, dass es sich mit um eines der größten Vorkommen deutschlandweit handelt. Die Mückenfledermaus gilt ohnehin als kleine Sensation. Pipistrellus pygmaeus – so ihr exakter Titel – ist nur daumengroß. Doch das ist nicht das Besondere: Die Art versetzt Experten vor allem deshalb in Erstaunen, weil sie erst vor rund 15 Jahren entdeckt wurde. Deshalb ist das wissenschaftliche Interesse an den Thallwitzer „Untermietern“ offenbar auch besonders ausgeprägt.

Bewohner-Sorgen bleiben

Einen weniger wissenschaftlichen Zugang haben einige Bewohner des Neubaublocks. „Fakt ist, dass die Tiere die von der Firma geschaffenen Quartiere gar nicht annehmen“, ärgert sich Gerd Pielok (72), einer der Betroffenen. Auch die Tafel, die unter dem hart umkämpften Wohnzimmerfenster montiert wurde, werde von den Tieren gemieden. „Dort gucken Spatzen raus, keine Fledermäuse! Die sind stattdessen zwei Etagen über uns in einen Schlitz gekrochen. Den Kot haben wir jetzt jeden Tag auf unserem Fenstersims“, ärgert sich Pielok.

Haben die ganzen Maßnahmen also gar nichts gebracht? Meiden die Tiere jetzt den aufwendig präparierten Neubaublock? „Das kann man so nicht sagen“, entgegnet Frank Meisel. „Fledermäuse sind wie gesagt unberechenbar, was ihre Wohnungssuche betrifft. Quartierwechsel sind immer wieder zu beobachten und keine Seltenheit.“ Der Experte ist zuversichtlich, dass besonders die großflächige Verkleidung am Südgiebel langfristig zum neuen Lieblingsplatz der Flattertiere werden kann. „Sie bietet den Tieren unterschiedliche Hangplätze. Der Kot kann hier frei nach unten auf die Wiese fallen, so dass er auch nicht die Mieter belästigt.“ Und die Kästen auf dem Wäscheboden seien ohnehin für Mauersegler bestimmt.

Um künftige Konfliktherde auszuschließen, sei entschieden worden, weitere Fugen zwischen Fensterbrettern und Dämmung zu verschließen. Einerseits, um die Situation für die Bewohner weniger konfliktträchtig zu gestalten. „Andererseits, um zu verhindern, dass sich hinter der Dämmung Kot ansammelt, die Bausubstanz schädigt oder sich Tiere hinter der Dämmung verfangen und verenden.“

Von Simone Prenzel

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