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Nach den Angriffen an Wurzener Schule: Mädchen wollen wieder zum Unterricht

Reportage Nach den Angriffen an Wurzener Schule: Mädchen wollen wieder zum Unterricht

Die Nachricht zu den Attacken auf zwei Flüchtlingskinder an der Pestalozzi-Oberschule Wurzen diese Woche hat bundesweit Aufsehen erregt. Die Familien der beiden verletzten Mädchen schwärmen von netten Nachbarn und suchen den Kontakt zu den Familien der gewalttätig gewordenen Jungs. Das wird ihnen ausgeredet.

Die Oberschüler haben am Freitag eindeutige Reaktionen auf die Vorfälle in der Pesta gezeigt.
 

Quelle: Frank Schmidt

Wurzen.  An den Fenstern grüßen bunte Bildchen von Schneemännern und Posaunen. Dazu leuchtet der Schriftzug „Frohe Weihnachten“. Den Kindern hätten die bunten Lichter so gut gefallen, dass ihnen die Nachbarn die Dekoration gleich überließen, sagt der Familienvater aus Mazedonien voller Dankbarkeit. In einem Wohnblock bei Wurzen ist er mit seiner Familie untergekommen, und er kann nur Gutes über die Menschen im Dorf berichten: „Wir waren zum Kaffeetrinken in der Kirchgemeinde eingeladen, wir bekamen Möbel und Kleidungsstücke, die Kinder bastelten Adventskalender mit den deutschen Freunden.“ Die Flüchtlingskinder hätten sich so auf Weihnachten gefreut, „obwohl wir ja eigentlich Moslems sind“.

Sie kann nicht verstehen, was sie verbrochen hat

Ein 14-jähriges bildhübsches Mädchen mit schwarzen Haaren sitzt stumm auf dem Sofa. Ihre scheuen Augen blicken tieftraurig drein. Genau wie die drei Jahre jüngere, ebenfalls aus Mazedonien stammende Freundin, erträgt sie ihre Schmerzen tapfer. Sie kann immer noch nicht verstehen, was sie verbrochen hat, dass sie in der Wurzener Pestalozzischule von einigen Kindern seit Wochen geärgert wird. Sie und ihre Freundin wurden beschimpft, mit Eicheln beworfen und am Mittwoch gar schwer verletzt. Sie selbst zog sich Quetschungen zu, ihre Freundin erwischte es noch schlimmer, die brach sich den Arm.

Schulleiter Steffen Rößler stellt einen Knaben zur Rede, der gerade ein Flüchtlingskind angebellt hat. „Haben wir seit neuestem etwa Hunde an der Schule?“, ist er sichtlich böse. Dem jungen, unkonventionellen Direktor ist die politische Brisanz der Auseinandersetzungen zwischen deutschen und ausländischen Kindern bewusst. Vor wenigen Wochen musste er vier Jugendliche vom Westbalkan der Schule verweisen, nachdem die sich immer wieder daneben benahmen. Energisch aber wehrte sich Rößler gegen Gerüchte, wonach es tätliche Übergriffe auf eine Lehrerin gegeben habe (die LVZ berichtete).

 „Wir haben viel für ein gutes Miteinander getan. Hier sehen Sie nur diesen Sprachenbaum: Ausländische Schüler haben an den Zweigen allerhand Wörter aus ihrer Heimat verewigt – einheimische Mädchen und Jungen sollen versuchen, sie sich anzueignen.“ Lehrerin Judith Müller betont, dass sie und ihre Kollegen bei Konflikten immer wieder das Gespräch suchten: „Nein, wir sind alles andere als passiv. Aber du kannst halt nicht in den allerletzten Schüler hinein schauen. Garantien gibt es nicht.“

Der Sprachenbaum zur besseren Verständigung

Der Sprachenbaum zur besseren Verständigung: Ausländische Schüler der Pesta haben Worte in ihrer Muttersprache aufgeschrieben und erklärt.

Quelle: Haig Latchinian

Die Eskalation am Mittwoch ist für alle ein schwerer Rückschlag: Auf der Hofpause werfen Siebtklässler mit kleineren Geldstücken in Richtung der ausländischen Kinder. Zwei mazedonische Mädchen suchen Schutz im Schulhaus. Kurz vor der Tür kommt es zu weiteren Provokationen. Aufsichtspersonal geht dazwischen, dann passiert es: „Einer der Siebtklässler tritt gegen die Tür. Und das in vollem Wissen, dass die Mädchen dahinter stehen“, ärgert sich Schulleiter Rößler. Die Mädchen werden ins Krankenhaus gebracht, die Eltern informiert. Rößler fährt die Väter mit dem eigenen Auto persönlich zu ihren Töchtern.

Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos) kann da nur den Kopf schütteln: „Wie verroht sind wir denn inzwischen? Fliegende Türen oder gar fliegende Fäuste – Gewalt hat an unseren Schulen nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Die Regeln gelten für alle.“ Der OB erinnert an die 90er-Jahre, als Wurzen als bundesweites Synonym für eine national-befreite Zone herhalten musste. Er werde es nicht zulassen, dass all die zwischenzeitlichen Fortschritte und der längst wieder hergestellte gute Ruf der Stadt von einigen wenigen in den Dreck getreten wird, so der Stadtchef.

Anhörung nächste Woche geplant

Nächste Woche wird es eine Anhörung in der Schule geben. Pädagoge Rößler warnt vor allzu schnellen Aburteilungen. „Vergessen wir nicht: Wir haben es mit Kindern zu tun. Die beiden Jungen saßen hier bei mir und waren den Tränen nah. Ob aus Angst vor einer möglichen harten Bestrafung oder aus Mitleid mit den Opfern – das vermag ich im Augenblick nicht zu sagen.“

Das sagt die Polizei

Die Polizeidirektion Leipzig hat Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. Es sind Anzeigen gestellt worden. Wie Polizeisprecher Andreas Loepki Freitag auf Anfrage erklärte, „wird jetzt mit allen Beteiligten der Vorfälle gesprochen. Mit den Tätern, die uns jetzt namentlich bekannt sind. Und mit den Familien der Opfer. Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Schüler zu der Gruppe gehören, die ausländische Mitschüler offenbar mehrfach attackiert haben“, so Loepki. Bei den Siebtklässlern, die ein elfjähriges und ein 14-jähriges Flüchtlingsmädchen mazedonischer Abstammung schwer verletzt haben sollen, handelt es sich um einen 14- und einen 15-Jährigen.

Ob die Tat politisch motiviert war, sei Bestandteil der Ermittlungen. Dass die Eltern der tatverdächtigen Schüler in einschlägigen Internetforen eine rechtsextreme Gesinnung nicht verheimlichen, sei momentan nicht mehr als ein Indiz, das „aktuell kein Schwerpunkt der jetzigen Polizeiarbeit“ sei, so Loepki. Die Tatsache wäre den Ermittlern aber bekannt. Der polizeiliche Staatsschutz werde „das im Auge behalten“, hieß es weiter. Die Schulleitung hatte von einem Gespräch zwischen den Eltern der Opfer und der mutmaßlichen Täter abgeraten. Es soll mit dem Vater eines der gewalttätigen Schüler bereits Schwierigkeiten in der Schule gegeben haben.

Die Polizeidirektion hatte in Abstimmung mit der Bildungsagentur Sachsen und der Leitung der Pestalozzi-Oberschule am Donnerstag unter dem Eindruck der Geschehnisse mitgeteilt: „Schule ist jedoch kein Ort, wo eine mögliche rechtspolitische Gesinnung die Norm bestimmt. Dies wird auch daran deutlich, dass sächsische Bildungsagentur, Schulleitung und Polizeidirektion Leipzig nicht gewillt sind, dem Heranwachsen einer neuen Generation dumpfer Jungnationaler tatenlos zuzusehen, nur weil die Eltern es möglicherweise tolerieren oder gar honorieren.“

 Laut Polizei sind die Schüler der „DaZ-Klasse“ seit Wochen Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt. Innerhalb eines kurzen Zeitraums ereigneten sich demnach bereits fünf verbale und körperliche Übergriffe auf die Kinder seitens ihrer deutschen Mitschüler. Die Kinder würden von ihren Eltern vorerst nicht mehr zur Schule geschickt, weil dort ihre Sicherheit nicht gewährleistet werden könne. Das sächsische Kultusministerium kündigte an, dass die Mädchen am Montag wieder in die Schule gehen werden.

Die Eltern der beiden schwer verletzten Mädchen erstatten Anzeige. Und sie schlagen dem Schulleiter unmittelbar nach der Tat eine Aussprache vor. An ihr sollen die mutmaßlichen Täter mit ihren Eltern genauso teilnehmen wie die Opfer mit ihren Müttern und Vätern. „Ich habe mich gegen dieses Treffen ausgesprochen, zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt“, gesteht der Schulleiter. Er begründet das mit der extremen Gesinnung eines der Elternhäuser, ihm lägen Informationen vor, wonach ein Vater der rechten Szene angehört: „Ich hatte ihn vor Wochen inständig gebeten, seine Überzeugungen nicht in Gegenwart seines Sohnes auszubreiten. Er würde ihn damit gefährden.“

Die Pestalozzi-Oberschule bleibt ein weltoffenes Haus

Die Pestalozzi-Oberschule bleibt ein weltoffenes Haus.

Quelle: Frank Schmidt

Die Jungen, die an den Aktionen gegen die ausländischen Schüler beteiligt waren, dürfen vorerst nicht mehr auf den Schulhof. Stattdessen müssen sie sich in den großen Pausen im Sekretariat melden. Die verletzten Mädchen bekamen Aufgaben und bleiben zunächst zu Hause. Am Montag werden sie von einer Lehrerin vom Busbahnhof abgeholt und zur Schule begleitet.

Miroslav Bohdalek ist ehrenamtlicher Integrationsbeauftragter der Stadt Wurzen. Er weiß: „Ganz Deutschland schaut derzeit auf unsere Stadt. Sat.1 berichtet, auch die Wochenzeitung ,Die Zeit’, sogar die Tagesthemen meldeten sich eben bei mir. Natürlich verurteilen wir das, was in der Schule passiert ist, aber ich will ganz deutlich sagen, dass es auch und besonders in Wurzen viele Menschen gibt, die den Flüchtlingen helfen, ob mit Spenden, Sprachkursen oder einem offenen Café.“

Auch in dem Dorf bei Wurzen ist das so. Manuel Dumjahn, Mitglied im Kirchenvorstand: „Meine Frau Friederike hat die Familien der beiden verletzten Mädchen besucht.“ Dort schwärmt einer der mazedonischen Väter noch immer von Deutschland. Als Kind wuchs er in Baden-Württemberg auf. Mit den Eltern ging er irgendwann wieder zurück nach Jugoslawien, wo wenig später der Krieg ausbrach. „In unserer Heimat hatten wir große Probleme“, sagt er vor einem Teller voller Äpfel, die die Nachbarn gebracht haben. „Die Menschen sind hier alle so gut zu uns. Natürlich, die Kinder haben jetzt Angst, aber sie wollen wieder zur Schule gehen.“

Das sagt die Bildungsagentur Sachsen

Roman Schulz , Sprecher der Bildungsagentur Sachsen versicherte Freitag: „Es gibt nichts zu bagatellisieren. Was passiert ist, kann nicht sein. Es wird Konsequenzen haben.“ Allerdings relativierte Schulz auch, dass Rangeleien in einer Schule zum Alltag gehören. „Zielgerichtete Gewalt ist inakzeptabel. Aber die angesprochenen Taten aus den vergangenen Wochen sind eindeutig nicht im Kontext mit Gewalt gegen Immigranten zu sehen.“

Die Bildungsagentur hatte sich noch am Mittwochabend mit der Schule über das weitere Vorgehen abgestimmt. Es bestehe Konsens, dass die Taten ausgewertet werden müssen und die Täter bestraft werden müssen. „Auch der Schulausschluss wird in Betracht kommen“, erklärte Schulz, der klarstellte, dass eine Beurteilung der Zusammenhänge nicht zustande kommen kann, bevor nicht alle Beteiligten dazu gehört wurden.

Zuvor müssen tatsächlich alle zu Wort gekommen sein. Schulz: „Wir kennen im Moment nur eine Seite.“ Dass die verletzten Mädchen schnell wieder am Unterricht teilnehmen können, habe jetzt Priorität, so Schulz. Der Sprecher bescheinigte der Schule außerdem, „kein Problem mit Rechtsextremismus“ zu haben. Im Gegenteil: „Die Schule ist gut und betreibt gute Präventivarbeit gegen Gewalt.

Von Haig Latchinian

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