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Nepperwitz: Drängende Fragen an Deichverhinderer

Nepperwitz: Drängende Fragen an Deichverhinderer

Es war eine Katastrophe mit Ansage. Zumindest in den Augen der meisten Nepperwitzer. Für sie ist es sechs Tage nach der erneuten Überflutung ihrer Ortschaft Zeit, die Schuldfrage zu stellen.

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Fassungslos stehen Neugierige vor dem gebrochenen Damm bei Grubnitz. Am Montag gab es für die Mulde nur eine Richtung - sie strömte durch ihr altes Bett und setzte Nepperwitz unter Wasser.

Quelle: Frank Schmidt

Bennewitz/Nepperwitz. Elf Jahre warten sie nun schon vergeblich auf den Beginn längst versprochener umfassender Schutzmaßnahmen.

Bereits seit 2002 machten die Bewohner des nördlichsten Bennewitzer Ortsteils Druck. Was sie antrieb: die pure Angst, dass die Mulde erneut von ihrem 120-Seelen-Dorf Besitz ergreift. Am Montag wurden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Wie schon 2002 suchte sich der Fluss über ein Leck weiter südlich seinen Weg, strömte durch sein altes Bett. Dass der Damm genau an dieser Stelle wieder nachgab, überrascht Eingeweihte nicht. Von halbherzigen Versuchen, die Deichschäden von 2002 zu beheben, ist die Rede. An einigen Punkten sollen Spundwände ausgelassen worden sein, um die Schutzanlagen zu wappnen. Einige Eisenteile hat die Mulde am Montag einfach auch mitgerissen und auf den Feldern verstreut.

"Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit musste Nepperwitz eine so genannte Jahrhundertflut ertragen", erklärt Knut Becker, Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins. Im fernen Italien erreichten ihn die Hiobsbotschaften von der Mulde. Bis 2009 sei vor ihrer Haustür gar nichts passiert. Seitdem engagiere sich der Heimat- und Dorfverein "Wir für Nepperwitz" für einen besseren Hochwasserschutz. "Zuerst wurde zumindest der alte Damm notdürftig geflickt", berichtet Becker weiter. Was die Arbeit wert war? Zu Wochenbeginn gab es darauf schmerzliche Antworten.

Immer wieder wurde den Nepperwitzern versprochen, dass es nun los geht. Nach quälendem Stillstand hatte man 2010 endlich auf den Baubeginn gehofft. Die Behörden machten den Weg frei für einen vorzeitigen Start. Ein höherer und stabilerer Damm schien greifbar nahe. Zuletzt war beim Bennewitzer Flutfest im August 2012 die Rede davon, dass es nun endlich einen Durchbruch in Sachen Hochwasserschutz geben soll. Den gibt es in der Tat - allerdings klafft er als gigantische Lücke im Deich.

"Für uns unverständlich, nicht nachvollziehbar und empörend, dass Grundstücksbesitzer mit immer neuen Einwänden und rechtlichen Winkelzügen den Bau eines solchen Dammes verhinderten. Persönliche, möglicherweise auch finanzielle Interessen wurden über das Allgemeinwohl gestellt", kritisiert der Vereinschef. Die Politik meint bei ihrer aktuellen Diskussion Fälle wie diesen, in denen Einzelne den Schutz für ganze Landstriche torpedieren. Aber auch die Natur hält sich nicht an den Dienstweg.

Deprimiert schauen die Nepperwitzer auf Orte wie Eilenburg oder auch Erlln, denen neue Wälle oder Mauern das Wasser vom Hals hielten. Wo Flutschutz realisiert wurde, so die Erkenntnis, hat er auch gewirkt. Das beste Beispiel liegt nur einen Kilometer flussaufwärts. In Bennewitz und Grubnitz haben die nach der Flut investierten Millionen das Schlimmste verhindern helfen. "Die neu errichteten Deiche", bestätigt auch der Bennewitzer Vize-Bürgermeister Wolfram Böttger (CDU), "haben die Wassermassen aufgehalten." Auch wenn nur 20 Zentimeter bis zur Krone fehlten.

Etliche Nepperwitzer hingegen hatten die Mulde in ihren Häusern zu Gast. Dabei ließ der Heimatverein in den vergangenen Jahren nichts unversucht, an der bedrohlichen Lage etwas zu ändern. Verantwortlichen wurde immer wieder auf die Füße getreten, um vor einer vergleichbaren Katastrophe wie 2002 geschützt zu sein. Der Verein richtete Schreiben an jene Grundstückseigentümer, die ihre Erlaubnis für den Deichbau zwischen Grubnitz und Püchau verweigerten sowie an deren Rechtsanwalt in München. "Lassen Sie sich zur Verantwortung ziehen, wenn Einwohner unseres Dorfes in den Ruin getrieben werden? Werden Sie für Hochwasserschäden aufkommen, wenn der Deichbau durch die von Ihnen zu verantwortenden Verzögerungen nicht erfolgt?", mussten sich die Adressaten bereits 2011 unbequeme Sätze anhören.

Jetzt, wo Nepperwitz tatsächlich heimgesucht wurde, werden die Fragen drängender und auch öffentlich gestellt: "War es das wert? Wie verhaltet ihr euch gegenüber den Betroffenen? Übernehmt ihr Verantwortung? Helft bei der Schadensbeseitigung?", wendet sich der Heimatverein an die vermeintlichen Verursacher der Misere. "Die Gemeinschaft in Nepperwitz", so Knut Becker abschließend, "ist stark. Die Deichverhinderer müssen sich fragen lassen, ob sie Teil einer solchen Gemeinschaft sind."

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.06.2013

Simone Prenzel

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