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Ortschronist führte am Wochenende über Wurzener Friedhof

Rundgang Ortschronist führte am Wochenende über Wurzener Friedhof

Ob Ferdinand Becker auch wirklich mannshoch wie sein Grabstein war? Kaum 18 Lenze zählte er an jenem schicksalhaften 5. November 1933, als er, der Wurzener Bürgermeistersohn, bei der harten Landung auf dem Flugplatz Leipzig-Mockau tödlich verunglückte. Neben drei weiteren Wurzener Gymnasiasten ließ er sich zuvor für die sonntägliche Pilotenausbildung anwerben.

Grab mit riesigem Propeller: Ortschronist Wolfgang Ebert, Ehrenbürger Wurzens, am Grab des 1933 verunglückten Flugschülers Ferdinand Becker.

Quelle: Haig Latchinian

Wurzen. Ehrenbürger Wolfgang Ebert, Mitglied im Geschichts- und Altstadtverein, erinnerte am Wochenende bei seiner Friedhofsführung nicht ohne Grund an den Jungen: "Er wäre vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden." Die zahlreichen Besucher erfuhren, dass zur Bestattung sage und schreibe 1200 Trauergäste erschienen. Die Todesnachricht habe die Wurzener damals schwer getroffen, berichtete Ebert: "Der Propeller wurde erst nachträglich am Stein niedergelegt. Es heißt, er soll von der Unglücksmaschine des Flugschülers stammen." Der Stein mahnt heute zum Frieden, denn die drei Mitschüler von Ferdinand fielen wenig später allesamt im Gefecht: "Nie wieder Krieg", ist auf einer Informationstafel zu lesen.

Am 7. Oktober 1944 erlebte Wurzen den schwersten der drei Bombenangriffe mit über 40 Toten. Mehrere Reihen von Holzkreuzen erinnern an Soldaten, Zwangsarbeiter und Zivilisten. Ortschronist Ebert führte an die Stelle, an der sich noch bis vor kurzem das Grab der Holländerin Katharina Finders befand: "Mit 17 ist sie gestorben. Sie war Luftwaffenhelferin. Weshalb ihr Grab aufgelöst wurde und ihr Kreuz fehlt, müssen wir noch ermitteln - vielleicht wurde sie ja in ihre Heimat überführt."

Am Grab des 1900 verstorbenen Wurzener Ehrenbürgers, Kommerzienrates und Begründers des Stadtparkes, Petter Andreas Georg Juel, präsentierte Ebert bisher noch unveröffentlichte, neueste Erkenntnisse. "Ursprünglich blieb Juels Ehe ja kinderlos. Und doch wurde 1956 in seinem Grab auch eine gewisse Ottilie Dancovici bestattet, die bis zu ihrem Tode in einer Villa in der Torgauer Straße wohnte." In Wurzen, so Ebert, halte sich das Gerücht, wonach Juel eine weitere Beziehung zu einer Wiener Schauspielerin pflegte. Weil die beim Ringtheaterbrand zu Tode gekommen sei, habe er deren zwei Kinder nach Wurzen geholt. "Doch seit wenigen Tagen weiß ich und kann das auch mit Dokumenten belegen: Juel wollte Kinder adoptieren und schaltete deshalb eine Anzeige in der österreichischen Zeitung ,Daheim'. Daraufhin meldete sich eine Familie aus Stuttgart - so kamen Ottilie und ihr Bruder vom Neckar an die Mulde."

Flugschüler Ferdinand, Luftwaffenhelferin Katharina, Adoptivtochter Ottilie - drei Kinderschicksale, zwei Gräber. Übrigens: Das Grab von Ehrenbürger Petter Andreas Georg Juel bekommt demnächst eine würdige Einfassung: Ein Wurzener Kunstschmied, Mitglied im Geschichtsverein, übernimmt das. Sein Name: Ernst Petter. Gewissermaßen ein Namensvetter des Ehrenbürgers.

Haig Latchinian

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