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Wurzen Polenzer erinnern sich ans Kriegsende
Region Wurzen Polenzer erinnern sich ans Kriegsende
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00:18 12.06.2018
In der Scheune des Dreiseithofes weckte ein Luftbild Erinnerungen an das Polenz von 1945. Quelle: Ines Alekowa
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Brandis/Polenz

„Schön, dass so viel Interesse vorhanden ist“, freute sich Adam Jones, Vorsitzender des Vereins Einigkeit 4. Rund 30, vor allem ältere Polenzer waren der Einladung in die Scheune des Dreiseithofes gefolgt, um in Erinnerungen zu kramen. Anlass war eine Luftaufnahme der US-Armee aus 11 000 Fuß Höhe von Polenz vom 10. April 1945, sechs Tage, bevor die Amerikaner in das Dorf einmarschierten. Jones war auf die Möglichkeit, von der Luftbilddatenbank solche historischen Fotos zu erwerben, über einen Bericht in der Muldentalzeitung zu einem ähnlichen Heimatabend im Januar diesen Jahres in Altenbach aufmerksam geworden.

Erinnerungen mit Zeitzeugen

„Natürlich geht das Erinnern nicht ohne Zeitzeugen“, sagte Jones. „Sie werden uns helfen zu verstehen, was wir sehen und was sich seitdem verändert hat.“ Der aus Polenz stammende Maler und Grafiker Eberhardt Purrucker (91) war eigens aus Berlin angereist, seine Werke waren schon mehrfach im Dreiseithof zu sehen. Claus Schilling (79), Sohn des letzten Polenzer Gastwirtes, hatte es aus Brandis schon deutlich näher, ebenso wie der Naunhofer Rolf Andree (87).

Blindflugschule am Flugplatz

Natürlich galt der erste Blick dem Flugplatz in Waldpolenz, jetzt ein Energiepark. Vorstandsvize Tobias Bauer am Laptop zoomte ihn so nah heran, dass die deutschen Flugzeuge zu sehen waren. „Hier war damals eine Blindflugschule, eine von zweien in Deutschland“, erzählte Purrucker. „Nachts mussten die Flugzeuge an einem Peilstrahl entlang landen.“

Gefahren in der Nähe

Das Wohnen in der Nähe konnte durchaus gefährlich sein. Schilling erzählte von einem Flugzeug, das nur 50 Meter neben einem Haus abstürzte, in das gerade die Familie Komischke einziehen wollte – „der Möbelwagen stand noch vor dem Haus“ – und ihre Entscheidung daraufhin ernsthaft anzweifelte. Die Soldaten seien von jugoslawischen Fremdarbeitern aus der Unglücksmaschine geborgen worden. „Die haben die Kanzel aufgebrochen.“ Als sich im April 1945 die Amerikaner näherten, seien alle Flugzeuge gesprengt worden. „Da brannte der ganze Wald.“

Brand im Steinbruch Schwarzer Bruch Altenhain

Auch der Name des Altenhainer Steinbruchs „Schwarzer Bruch“ stamme aus jenen Tagen. „Die Wehrmacht hatte dort Benzin und Öl gelagert, auch das wurde gesprengt. Es hat tagelang gebrannt, noch heute schwimmt ab und zu Öl auf dem Wasser.“ Purrucker hatte den Einmarsch der Amerikaner beobachtet. An der Westfront von einer Panzergranate verletzt und nach Hause geschickt, wollte er sich im im Schloss eingerichteten Lazarett behandeln lassen. „Die Amis kamen von Altenhain hereingefahren, ein Panzer nach dem anderen, das ging über Stunden.“ In Polenz forderte ihre Anwesenheit auch ein ziviles Opfer, wie Andree berichtete. An der Kreuzung, wo an der Straße nach Ammelshain das Gasthaus „Heiterer Blick“ stand, hatte ein Heckenschütze einen Amerikaner getötet. „Einer Frau, die hinter der Gardine stand, wurde ihre Neugier zum Verhängnis, denn sie wurde offenbar für den Täter gehalten und daraufhin erschossen.“

Veränderungen im Dorf

Aber auch im Dorf hat sich seither manches verändert. Allein schon, was die vielen Gewerbe betraf, die damals in Polenz ansässig waren, angefangen bei Försterei und Biberfarm über Kolonialwarenladen und Fleischerei bis Stellmacherei. Auch manches Haus ist aus dem Ortsbild verschwunden, andere, wie an der Macherner Straße, sind anstelle von Gärten hinzugekommen. Kurios ist Andrees Erinnerung an die Schule, das spätere Gemeindeamt, das jetzt von Vereinen genutzt wird. „Im Dachgeschoss wurden Seidenraupen gezüchtet“ – sie zu füttern, waren am Dorfeingang Maulbeerbäume angepflanzt worden –, „aus den Kokons wurde Fallschirmseide hergestellt.“

Nach zwei Stunden beendete Jones die Veranstaltung. Es wird nicht die letzte zu dem Thema gewesen sein, versprach er.

Von Ines Alekowa

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