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Rahn’sche Häuser: Gedenktafel für Jugendstil-Ensemble in Wurzen

Tourismus Rahn’sche Häuser: Gedenktafel für Jugendstil-Ensemble in Wurzen

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte die Wurzener Kaufmannsfamilie Rahn eine rege Bautätigkeit. Jene Gebäude, die damals entlang des Badergrabens entstanden, prägen noch immer als Jugendstil-Ensemble das Stadtbild. Für eine Erinnerung mittels touristischem Wappenschild setzte sich die Gerda Hettwer (93) ein.

Anfang des 20. Jahrhunderts ließ der Kaufmann Moritz Rahn das Eckgebäude Badergraben/Wenceslaigasse als Mode- und Wohnhaus errichten. Über die Jahre schuf sein Sohn Rudolf entlang des Badergrabens ein Jugendstil-Ensemble, das noch immer das Stadtbild prägt.

Quelle: Thomas Kube

Wurzen. Seit Neuestem erinnert ein touristisches Wappenschild im Badergraben an die Wurzener Kaufmannsfamilie Rahn und ihre rege Bautätigkeit vor über 100 Jahren. Jene Initiative geht auf Gerda Hettwer zurück, die – „angeregt durch alte Fotos“ – bereits im Vorjahr ein Essay über das noch immer Stadtbild prägende Jugendstil-Ensemble schrieb. Hettwer wuchs im Haus Barbaragasse 3 auf, wo ihr Vater Max Lohmann eine Modelltischlerei betrieb. Ihren Text griff der Geschichts- und Altstadtverein auf und veröffentlichte ihn auf seiner Internetseite unter der Rubrik Fachbeiträge.

Zugleich aber regte die 93-jährige Wurzenerin an, per Gedenktafel das Modehaus Rahn (jetzt Ernsting’s family) und die nachfolgenden Gebäude wieder ins Gedächtnis zu rufen. Daher suchte sie den Kontakt zu Bettina Kretzschmar, Leiterin des Kulturbetriebes Wurzen. Um die Plakette zu finanzieren, sprang der Kulturbetrieb selbst als Sponsor ein. Die gute Nachricht freut insbesondere Gerda Hettwer, deren lang gehegter Wunsch nun endlich in Erfüllung geht. Schließlich verbindet sie mit Rahn und dem Gebäudekarree schöne Kindheitserinnerungen. Zum Beispiel an Zeichenlehrer Otto Hempel (1886 – 1959), der seinerzeit das einzige Radio im Haus Barbaragasse 3 besaß und die Kleinen ab und an zuhören ließ. Mit Beginn der Nazizeit und dem ständigen Gebrülle aus dem Äther meldete Nachbar Hempel, „der vom Gymnasium an die Knabenschule degradiert wurde und später in Thallwitz unterrichtete“, seinen Rundfunkempfänger ab. Unvergessen sind Hettwer ebenso die beiden Fräuleins Anna Schiffel und Käthe Leonhardi. „Im Alter von acht Jahren schenkte mir Fräulein Schiffel sogar eine Korallenkette.“ Den Schmuck besitzt Hettwer noch und hütet ihn wie einen Schatz.

Die Rentnerin weiß viel zu erzählen und schwärmt vom Modehaus Rahn, welches zwischen 1903 und 1905 an der Ecke Wenceslaigasse/Badergraben entstand. „Das Geschäft mit einer Handarbeitsabteilung hatte höchstes Niveau und sehr gute Fachverkäuferinnen. Durch das Modehaus wurde das Ansehen Rahns, der seine Kunden mit Handschlag begrüßte, erst so richtig populär.“ Doch Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt nicht nur der einst zwei Meter schmale Eingang zum Badergraben ein neues Gesicht. In Reih’ und Glied wuchsen stattliche Wohn- und Geschäftshäuser mit prächtigen Fassaden und Erkern empor. Bereits ab 1905 folgte das Haus 2 a. Familie Uhlemann verkaufte dort im Erdgeschoss Salamander-Schuhe und Käthe Hannover betrieb einen Hut-Laden.

Besitzer der Immobilie 2 b – 1904 erbaut – war Kaufmann Gustav Freimark. Nach dem Ersten Weltkrieg zog in die Räume der Delikatessen- und Südfruchthandlung Freimark die Gewerbebank ein und von 1939 bis 1945 die Volksbankfiliale. Rudolf Rahn legte seine Hände nicht in den Schoss, sondern finanzierte 1906 das Objekt Badergraben 2 c, bis 1945 Sitz der Reichsbanknebenstelle. Vier Jahre später – 1910 – fielen schließlich die Gerüste für den Badergraben 4, in dem sich ebenfalls ein Geldinstitut – die Städtische Sparkasse/Stadtgirokasse – bis 1938 einmietete. Damit schloss sich 1911 die Häuserfront bis zur Einmündung „Unter der Tanne“. „Im gleichen Jahr erwarben Rahns von Glasermeister Robert Wagner das Grundstück Barbaragasse 3 und errichteten bis 1913 das Wohnhaus, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin“, so Gerda Hettwer. Rudolf Rahn starb 1912, seine Frau Thekla 1919. Die Söhne Walter und Georg führten das Erbe fort. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges enteigneten die neuen Machthaber das Brüderpaar.

Die Nachkriegszeit sei nur zum Teil ein Aufatmen gewesen, berichtet Hettwer zum Schluss. „Eine schlechte Nachricht löste die andere ab. So fand man eines Abends die Eheleute Walter und Lieselotte Rahn erschossen hinter der Unterführung am Bahnhof. Der Mord wurde nie aufgeklärt. Manches geriet in Vergessenheit. Schon deshalb war es an der Zeit, eine Erinnerungstafel für Familie Rahn anzubringen.“

Von der Sattlerei zum Modehaus

Gründung der Firma Moritz Rahn (1827 – 1910) am 1. April 1852. Alle Vorfahren wohnten in der damaligen Wenzelsvorstadt Nr. 27. Die Mutter von Moritz Rahn betrieb dort einen Handel mit Bändern, Garn und Knöpfen; Moritz Rahns Bruder Heinrich betrieb die Sattlerei. 1863 erfolgte der Anbau ans Stammhaus durch Hinzukauf des schmalen Aufstiegs zur Wenceslaikirche. 1870/1871 errichteten Rahns dann das Geschäftshaus Ecke Wenceslaigasse/Barbaragasse. Moritz Rahns Sohn Rudolf führte das Unternehmen seit 1. April 1890, kaufte das Beyerlein’sche Anwesen und ließ es abreißen. Damit verbreiterte sich das damals lediglich zwei Meter enge Zugangsgässchen zum Badergraben. Von 1903 bis 1905 entstand das „Modehaus Rahn“ sowie 1905 das Wohn- und Geschäftshaus Badergraben 2 a. Gustav Freimark errichtete 1904 den Badergraben 2 b und Rudolf Rahn 1906 das Objekt Badergraben 2 c sowie 1909/1910 den Badergraben 4. Ebenfalls zum Jugendstil-Ensemble gehört das Wohnhaus Barbaragasse 3 / 5, bis 1913 um- und ausgebaut. Nach dem Tod von Rudolf Rahn am 5. Dezember 1912 übernahmen seine Söhne Walter und Georg das Geschäft.

Von Kai-Uwe Brandt

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