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Raus aus der Schuldenfalle

Beratungsstelle Wurzen Raus aus der Schuldenfalle

Fast jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist in finanziellen Nöten. Ein Beispiel aus dem Muldental und wie man der Schuldenfalle entkommen kann.

Wege aus der Schuldenfalle – Beratungsstellen können dabei helfen.

Quelle: Andreas Döring

Wurzen. Steffen Kirmse (Name geändert) ist verschuldet, aber er sieht endlich Licht am Ende des Tunnels. „Ich kann jetzt wieder ruhig schlafen. Sonst hatte ich schon morgens beim aufstehen Angst, dass wieder ein gelber Brief da ist oder der Gerichtsvollzieher an der Tür klingelt“, sagt er und erzählt seine Geschichte – eine von 6,7 Millionen Geschichten überschuldeter Deutscher. Laut Schuldneratlas 2015 ist fast jeder zehnte Erwachsene in akuten Zahlungsnöten.

Bei Steffen Kirmse, der im Muldental lebt, begann es als Jugendlicher. „Ich bin ein Wendekind. Da kam die schöne bunte Welt, an der man teilhaben wollte“, erinnert er sich. Er bestellte gern und viel im Katalog. Der Schuldenberg wuchs, es begannen die Schwierigkeiten. Irgendwann sagte seine Mutter, die selbst in der Schuldnerberatungsstelle betreut wird, zu ihrem Sohn: „Geh da mal hin, die können dir helfen.“

Der junge Mann ließ sich beraten. Schreiben an seine Gläubiger wurden aufgesetzt, nach einem Schuldenplan zahlte er das Geld zurück. Zunächst klappte das auch recht gut, er bekam sein finanzielles Leben wieder in den Griff, arbeitete als Handwerker.

Rückfall in den Konsumrausch

Doch nach einigen Jahren begann der Konsumrausch erneut – „ich war wieder in dem alten Trott“. Es sollte das coole Handy sein, das spezielle Auto, die neuesten Klamotten, „damit man mithalten konnte“, wie er sagt. Sein Lohn reichte dafür bei weitem nicht aus. Hinzu kam dann noch eine Krankheit, durch die er seit zwei Jahren arbeitsunfähig ist, er bekommt Hartz IV. „Ich hab’ das alles irgendwie verdrängt, das steht ja nur auf dem Papier, dachte ich mir immer“, berichtet er. Doch die gelben Briefe, Mahnbescheide des Amtsgerichtes, häuften sich. Schließlich stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Eine Unterschrift unter einem Vertrag, den er nicht hätte unterschreiben dürfen, brachte das Fass zum Überlaufen.

Der Weg zur Schuldnerberatungsstelle sei damals schwierig gewesen. „Man muss den inneren Schweinehund überwinden, das ist nicht so einfach. Ich werde ja gesehen, wenn ich hier reingehe und dann ist klar, warum ich hier bin“, sagt Kirmse. Doch er ging den Schritt. Regelmäßig besucht er nun seine Beraterin. Jetzt gibt es einen Plan, wie er aus dem ganzen Schlamassel wieder heraus kommen kann. Vielleicht klappt es sogar ohne die Privatinsolvenz. „Hier wird mir auch mal der Kopf gewaschen, aber ich empfinde das trotzdem als familiär. Da sitzt kein Schlipsträger, der einem alles vorhält“, sagt der Betroffene.

Wegbegleiter in ein neues Leben

Sandra Winkler hilft Menschen wie Steffen Kirmse in der Schuldnerberatungsstelle der Diakonie Leipziger Land in Wurzen. Die 40-Jährige ist Sozialarbeiterin und versteht so auch ihren Job: „Ich werde keinem etwas vorhalten, sondern sage: Was bis gestern war, ist die eine Sache. Aber heute versuchen wir ein neues Leben ohne Schulden zu beginnen. Die alten Schulden sind jetzt da, das ist nicht zu ändern und wir müssen sehen, wie wir das Problem lösen können.“ Das sei nicht immer von Erfolg gekrönt, aber vielen Betroffenen konnte sie schon helfen.

Es sei nicht so, dass die Leute generell mit Hunderttausenden von Euro in der Kreide stehen, „das kommt auch mal vor, das Gros bewegt sich aber zwischen 8000 und 20 000 Euro“. Ihre meisten Klienten sind Kleinverdiener, „sie haben ein dauerhaft niedriges Einkommen und erhalten oft Aufstockung durch Hartz IV“. Bei vielen fange es mit einzelnen Rechnungen an, die nicht bezahlt werden. Dann würden sie mehr und mehr in die Schieflage geraten, sich aber sagen: „So viel ist das nicht, ich schaffe das schon.“ Schließlich verlieren sie den Boden unter den Füßen, ihr Konto wird gepfändet, sie haben kein Bargeld mehr – und brauchen sofort Hilfe.

Schuldfrage oft nicht zu beantworten

Die Beraterin mag die Formulierung „selbst schuld“ nicht so recht. Ist der junge Mensch, dessen Mutter und Oma regelmäßig in die Schuldnerberatung kommt und der nie auf ein Leben in Selbstständigkeit vorbereitet wurde, selbst schuld? Ist der Kaufsüchtige, der Sachen erwirbt, die er nicht braucht und anschließend wegschmeißt, selbst schuld oder braucht er eher einen Arzt? Ist die mithelfende Ehefrau eines selbstständigen Handwerkers nach dessen Tod selbst schuld, weil sie ein Arbeitsleben lang für ein Mini-Gehalt in der Firma schuftete, aber nicht an die finanziellen Konsequenzen dachte? Ganz zu schweigen von geerbten Schulden oder unerwarteten Lebensereignissen.

Auch ältere Leute seien zunehmend von Verschuldung betroffen. Zum Beispiel wenn sie nicht verheiratet sind. Zu zweit können sie sich 800 Euro für die Miete der schönen, großen Wohnung gut leisten. Stirbt der eine, reicht das Geld nicht mehr. Eine Witwenrente wird nicht gezahlt. Es fällt Senioren häufig schwer sich zu verkleinern, plötzlich im Wohnraum auch zu schlafen.

400 Hilfesuchende in Wurzener Beratungsstelle

Mehr als 400 Menschen werden derzeit in der Wurzener Beratungsstelle betreut. Die Termine sind meistens ausgebucht. „Finanzielle Bildung ist eine wesentliche Erziehungsaufgabe“, sagt Sandra Winkler. Die Konsumverlockungen seien so groß. Wer nicht den vernünftigen Umgang mit Geld gelernt hat, kann schnell straucheln. Sie betreut zum Teil ganze Generationen – Mutter, Kinder, Enkel – die mehr Geld ausgeben als sie haben und deshalb das gesunde Maß auch nicht ihren Söhnen und Töchtern beibringen können.

Privatinsolvenz sei heute glücklicherweise kein Tabu mehr. Pro Jahr gibt es in der Beratungsstelle der Domstadt 60 bis 80 dieser besonderen Insolvenzen, die nach sechs Jahren ein Weg aus der Schuldenfalle sein können. Arbeitgeber würden zunehmend mit solch einer Situation besser umgehen, auch Kontopfändungen seien nicht mehr so peinlich wie einst.

„Ich möchte gern helfen, finanziell im Einklang leben zu können“, sagt die Beraterin. Das beginnt manchmal schon mit dem Ordnen der Kontoauszüge und all der Unterlagen und Mahnbescheide, womit so mancher überfordert ist. Und sie rät Schuldnern bei aller Knappheit auch manchmal zu ein bisschen Luxus, wenn sie sagt: „Sie dürfen ihrem Kind mal eine Kugel Eis holen oder mit ihrer Frau einen Kaffee trinken gehen.“ Das sei wichtig fürs Wohlfühlen in schwierigen Lebenslagen – auch wenn jemand tratschen sollte: „Wieso können die sich denn das leisten?!“

Von Claudia Carell

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