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Wurzen Reinhard Freier: Panitzsch ist zum Wallfahrtsort geworden
Region Wurzen Reinhard Freier: Panitzsch ist zum Wallfahrtsort geworden
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13:00 24.10.2017
Pfarrer Reinhard Freier hat die Panitzscher zu einem Wallfahrtsort für Kulturinteressierte gemacht. Quelle: Ines Alekowa
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Borsdorf/Panitzsch

Der ganz große Preis, der Sächsische Bürgerpreis, ist es nicht geworden, dafür sammelt Reinhard Freier seit Jahren viele kleine. An einem Baum im Foyer der Panitzscher Kirche hängen unzählige Zettel mit Besucherlob zu gelungenen Konzerten oder Ausstellungen – gleichsam reife Früchte seiner Arbeit. Denn dank seines Engagements ist hier neben der Gottesdienst- auch eine Kulturgemeinde entstanden. Seit 2016 ist die Kirche Mitglied der „Straße der Musik – unerhörtes Mitteldeutschland“.

Dafür hatten ihn Kirchenvorstand und Borsdorfs Bürgermeister Ludwig Martin für den Bürgerpreis vorgeschlagen. Etwas enttäuscht war Freier schon, dass er diesen nicht mit nach Panitzsch nehmen konnte. Aber er sei auch ein bisschen „blauäugig“ der Einladung nach Dresden gefolgt, schmunzelt er. „Erst dort wurde mir bewusst, dass viele nominiert sind, aber nur wenige auserwählt.“

Nun, für Panitzsch aber muss Freier wohl berufen sein. Nur wenige Pfarrer belässt die Landeskirche fast ihr gesamtes Berufsleben an einem Ort. Zunächst Ephoralvikar in der Leipziger Nikolaikirche, wird der aus Bärenstein im Erzgebirge Stammende erst in Taucha ansässig und übernimmt 1979 die vakante Stelle in Panitzsch. Die Kirche hier wacht auf einem 142 Meter hohen Berg über die Parthelandschaft – ein guter Ausguck auf die übersichtliche Kulturszene: Übers Jahr vier Hausmusiken in der Kirche. Nach der von Kantor Wolfgang Bjarsch initiierten Restaurierung der Flemming-Orgel von 1786 und ihrer Weihe zum Reformationsfest 1993 sagt Freier, der sich zum Hausgebrauch gern selbst mal ans Klavier setzt: „Jetzt lege ich einen anderen Gang ein.“ Es sollte der Turbo werden – nicht ohne Hintersinn, denn Freier hält es ganz mit Luther: „Wer singt, betet doppelt.“

Er hebt eine Veranstaltungsreihe aus der Taufe, im Wortsinne. Denn zum Auftakt spielt das Raabe-Trio aus Halle – ein Dankeschön Raabes, dessen Tochter Freier getauft hat. Aus anfänglich fünf Konzerten werden 1995 schon 20. Aktuell sind es 25 Veranstaltungen, nur etwa fünf davon mit Eintritt – die Reihe, nicht gefördert, lebt vor allem von Spenden. Die Inhalte sind breit gefächert von geistlicher über weltliche bis Weltmusik – die Musiker schätzen die hervorragende Akustik in der Kirche. Lesungen, Kabarett sind weitere Facetten. Im Sommer gibt es auch Freilichtkonzerte, zum Beispiel mit Bachs Kaffeekantate oder der Pastorale von Beethoven. Dazu gesellen sich vierteljährlich wechselnde Ausstellungen namhafter Maler, Grafiker, Bildhauer. Denn als 1997 der in Panitzsch wohnende, ehemalige LVZ-Chefreporter Thomas Mayer übern Zaun fragt: „Wollen wir nicht eine Kunstausstellung machen“, sagt Freier prompt: „So was hat mir gerade noch gefehlt.“

Schon lange klingeln die Künstler bei Freier, nicht umgekehrt. Bassist Gunther Emmerlich war schon in Panitzsch, das Ensemble Amarcord, Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze, immer wieder Organist Matthias Eisenberg... „Und dass Thomaskantor Gotthold Schwarz seit 2004 mit dem Concerto Vocale hier auftritt, zeigt eine Verbundenheit, die dankbar aufgenommen wird“, sagt Freier und freut sich schon auf 2018, wenn Schwarz hier erstmals Händels Messias aufführt. „Ich kann auswählen, im Sinne des Publikums.“ Das 50+ mag am liebsten Klassik, auch Dixieland. 100 Personen kommen durchschnittlich – wenn Petrus nicht gerade Gartenwetter schickt. Allerdings sind nur 15 Prozent davon Panitzscher, bedauert Freier. Das Gros reist aus Leipzig und dessen Speckgürtel an. „Panitzsch ist Wallfahrtsort geworden“, sagt er und verrät sein Geheimnis für die überregionale Ausstrahlung: „Das Kulturangebot ist für mich Herzenssache.“ Dafür fährt er 2000 im Einvernehmen mit seinem Dienstherrn seine Arbeit als Pfarrer auf die Hälfte herunter und kann sich so noch intensiver seiner ehramtlichen widmen. „Aber auch das Umfeld muss stimmen“, betont er und krempelt immer wieder die Ärmel hoch. Dreimal wurde die Kirche saniert – 1991/92, 2006/07 und nach dem Schwelbrand 2012, dazwischen bringt er noch die Sanierung der ursprünglich der Kohle geweihten Kirchen in Seehausen, Göbschelwitz, Hohenheida, Gottscheina auf den Weg.

Immer auf Achse, ist der 69-Jährige – seit vier Jahren im (Un-)Ruhestand, denn er predigt noch immer – fit wie ein Turnschuh. Seit 1990 in Panitzsch wohnend, radelt er jeden Morgen zum Autobahnsee Beucha, schwimmt 20 Minuten, aktuell bei 12 Grad – Wohlfühltemperatur für den Eisbader. Man darf also noch einige Programme von Freier erwarten. „Zumal“, scherzt er, „bei der Preisverleihung in Dresden gesagt wurde: Das Ehrenamt verlängert das Leben um sieben Jahre.“

Von Ines Alekowa

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