Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wurzen Ringelnatzbilder für Polymobil: Ist Deal zwischen Museum und Privatsammler Faschingsscherz?
Region Wurzen Ringelnatzbilder für Polymobil: Ist Deal zwischen Museum und Privatsammler Faschingsscherz?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:58 10.11.2017
Auf ihrer „Rundblick“-Reportagefahrt durchs Wurzener Land vor gut einem halben Jahrhundert: Hans Ufer und Manfred Müller versuchen das Polymobil wieder zum Laufen zu kriegen. Die kleinen Zaungäste schauen ihnen genau auf die Finger. Quelle: Foto: Archiv
Wurzen

Fahnen und Wimpel im Sommerwind. Ein dichtes Spalier Schaulustiger. Und mitten drin das Polymobil. Wurzens vermutlich erstes Auto war zur 1000-Jahr-Feier am 18. Juni 1961 der große Hingucker. „Der Herr mit dem Fotoapparat links neben dem Polymobil ist Manfred Müller aus Hohburg, der sich das Ganze für eine Reportage im ,Rundblick’ nicht entgehen ließ“, sagt Ortschronist Wolfgang Ebert. Er kramte den Schnappschuss von Gerd Müller als Beweisfoto heraus: „Sie sehen, die Wurzener lieben ihr Polymobil, es gehört ins Museum.“

Wie berichtet, hat der Stadtrat am 6. Dezember darüber zu befinden, ob der prominente Oldtimer, der gegenwärtig in der Remise des Kulturhistorischen Museums geparkt ist, künftig in die Privatsammlung der Familie Hühn übergeht. Die würde der Stadt im Gegenzug originale Ringelnatz-Gemälde vermachen. Seit 2010 ist Sabine Jung die Leiterin des Museums: „Wenn der Tausch zustande kommt, wäre das für Wurzen, das Museum und auch für mich persönlich ein Erfolg.“ Viola Heß, Vorsitzende des Ringelnatzvereins, spricht gar von einem großen Coup: „Das Museum besitzt schon jetzt eine der größten und bedeutendsten Ringelnatzsammlungen. Wenn besagte Bilder zusätzlich ins Eigentum der Stadt und damit des Museums übergingen, wäre das eine Bereicherung von bemerkenswerter Dimension. Da guckt ganz Deutschland hin.“ Wurzens Markenkern als Ringelnatzstadt würde gestärkt. Heß bezeichnet den Wurzener Privatsammler Matthias Hühn als profunden Kenner sowohl des Ringelnatzschen Werkes als auch der Industrie- und Automobilgeschichte: „Ich bin sicher, das Polymobil ist bei ihm in sehr guten Händen.“

Matthias Hühn, der eigentlich im Hintergrund bleiben wollte, versicherte am Donnerstag einmal mehr: „In meiner mittelfristig zu besichtigenden Präsentation sächsischer Automobile würde dem Polymobil eine herausragende Rolle zukommen. Es ist das erste Auto, das in Wurzen gefahren ist.“ Das Polymobil sei in der Vergangenheit nicht immer fachmännisch instandgesetzt und zum Laufen gebracht worden: Das Verdeck passt nicht, eine moderne Zündspule wurde eingebaut, ein Scheinwerfer fehlt. Er wolle den edlen Nobel-Hobel möglichst in den Originalzustand zurück versetzen, so Hühn.

Was halten Sie von dem Tauschgeschäft Gemälde gegen Polymobil?

Ein echtes Tauschgeschäft planen derzeit die Wurzener Familie Hühn und die Stadt Wurzen. Erstere will der Stadt mehrere Ringelnatz-Gemälde überlassen, wenn sie im Gegenzug ein Polymobil von 1907 ihr Eigentum nennen darf.

Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
Was halten Sie von dem Tauschgeschäft Gemälde gegen Polymobil?
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Der Oldtimer wurde 1907 von den Polyphon Musikwerken in Leipzig-Wahren gebaut. Hühn hat sich intensiv mit der Geschichte der Herstellung von mechanischen Musikinstrumenten befasst: „Um 1900 waren damit allein in Leipzig rund 60 000 Menschen beschäftigt. Als die Schellackplatte aufkam, musste die Wahrener Firma umdenken und versuchte sich als Automobilhersteller. So entstand das Polymobil“, sagt Hühn, der in seiner künftigen Schau neben dem prominenten Oldtimer auch Musikinstrumente aus dem Hause Polyphon zeigen möchte. Die Ringelnatzbilder seien dagegen besser im Museum aufgehoben: „Für mich war es nie leicht, bei den Versteigerungen der Gemälde den Zuschlag zu bekommen. Auch Bieter aus anderen Orten mit Ringelnatzbezug wie etwa Cuxhaven waren am Start.“

Stadträtin Martina Schmerler (SPD) hat aus der Zeitung vom möglichen Tausch erfahren: „Ich bin Lehrerin in Wurzen. Immer wenn wir das Zeitalter der Industrialisierung behandeln, schaue ich mir mit meinen Schülern das Polymobil an. Es sollte auch künftig im Museum stehen.“ Das sagt auch Kurt Hesse, Wurzens Bürgermeister zu DDR-Zeiten: „Als ich das in der Zeitung las, dachte ich, es wär’ ein schlechter Faschingsscherz.“

Zurück zum Bild der 1000-Jahr-Feier: Manfred (Rundblick)-Müller, der Herr mit dem Fotoapparat links neben dem Polymobil, könnte sich dagegen schon vorstellen, dass Familie Hühn das Polymobil wieder flott bekommt. Hauptsache, das Auto bleibe in Wurzen, auch dann, wenn Herr Hühn irgendwann mal nicht mehr sein sollte: „Mit Hans Ufer hatte ich im Polymobil schon vor der 1000-Jahr-Feier eine Spritztour durchs Wurzener Land unternommen. Bei der unvergesslichen Reportage galt es einige Abenteuer zu bestehen – mit Zylinderdichtung, Kühlwasser und verlorenem Eisenstöpsel. In Zschorna beorderte uns ein Bauer auch noch zu einer kalbenden Kuh. So wurden wir zu unfreiwilligen Geburtshelfern.“

Von Haig Latchinian

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Beseitigung der durch Herwart verursachten Sturmschäden im Landkreis Leipzig läuft auf Hochtouren. Der Netzbetreiber von EnviaM ist dabei, Strommasten und Seile von Hoch- und Mittelspannungsleitungen zu ersetzen. Durch Arbeiten an den Ortsnetzen kann es weiterhin zu Ausfällen kommen. Die Kosten belaufen sich auf Summen im sechsstelligen Bereich.

12.11.2017

Aus ihrer Privatsammlung bietet die ortsansässige Familie Hühn der Stadt Wurzen mehrere Ringelnatz-Gemälde an, im Gegenzug würde sie das im Wurzener Museum ausgestellte Polymobil, Baujahr 1907, in ihren Besitz nehmen. Der Stadtrat entscheidet am 6. Dezember darüber, ob der Tausch zustande kommt.

11.11.2017

Am Montagabend hat der Macherner Gemeinderat über die Vergabe der Bauleistungen zur Sanierung des Schulhofs entschieden. Sowohl für die Finanzierung von Mehrausgaben als auch die Beauftragung einer Leipziger Firma gab es eine deutliche Mehrheit.

08.11.2017