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Wurzen Röcknitzer Posaunenchor wird 50
Region Wurzen Röcknitzer Posaunenchor wird 50
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18:15 30.10.2018
Der Röcknitzer Posaunenchor bereitet sich auf das Jubiläumskonzert vor. Quelle: Bert Endruszeit
Thallwitz/Röcknitz

Werner Maiwald ist ein viel beschäftigter Mann. Er ist Krankenpfleger von Beruf, hat einen Geschenkeladen, führt mit seiner Frau ein Café und – ist organisatorischer Leiter des Röcknitzer Posaunenchores. Um alles unter einen Hut zu bekommen und nie auf dem letzten Loch zu pfeifen, muss alles akkurat geplant sein, zählt im wahrsten Sinne des Wortes jede Minute. Deshalb auch öffnet sein Geschäft in der Wurzener Innenstadt an Markttagen um 10.01 Uhr. Deshalb bitten er und seine Frau Maria an Sonn- und Feiertagen ab 15.01 Uhr zum legendärem Kartoffelkuchen. Deshalb beginnt das Jubiläumskonzert der Bläser am Reformationstag exakt 14.01 Uhr.

Der Posaunenchor Röcknitz feiert seinen runden Geburtstag am Reformationstag mit einem Jubiläumskonzert

Die Geschichte des Röcknitzer Posaunenchores ist dagegen nicht in einer Minute erzählt. Er, Maiwald, heute 64, war von der ersten Minute an dabei. Am Reformationstag des Jahres 1968 hatte der damalige Konfirmand zusammen mit dem ebenfalls halbwüchsigen Hartmut Eberius seinen allerersten Auftritt. „Nun danket alle Gott“ hieß der Choral, den sie vor der Kirche schmetterten. Die Jungs auf der Trompete, Pfarrer Gotthard Kircheis auf dem Horn. Kircheis gilt als der Begründer der Röcknitzer Posaunengruppe.

Alles hört auf mein Kommando: Bei den Proben sind die Männer hoch konzentriert. Quelle: Bert Endruszeit

82-jährig reist er zum festlichen Jubiläumskonzert extra aus Dresden an. Dort ist der einstige Superintendent von Aue längst zu Hause. Während Landesposaunenpfarrer Christian Kollmar am Mittwoch die Predigt hält, führt Kircheis durch den Gottesdienst, zu dem bis zu 250 Besucher erwartet werden. Die Röcknitzer um Rainer Hoffmann, Frank Matthäus, Günter Koch, Dietmar Schneider, Martin Carlitz und natürlich Werner Maiwald haben befreundete Bläser aus der Region um sich geschart, so dass die Posaunen in St. Nicolaus nicht nur erklingen, sondern auch wirklich erschallen werden.

Unvergessen: Turmblasen in der Silvesternacht

So wie damals, in der Anfangszeit der Gruppe. Denn schon bald kamen weitere Bläser dazu: Armin Proske, Dietmar Schneider, Winfried und Christian Tempel sowie Dietmar Schmidt, der den Posaunenchor 44 Jahre lang mit Herzblut geleitet hatte. Unvergessen geblieben ist das Turmblasen in der Silvesternacht: In drei Stürmen wurde geläutet, dazwischen weithin hörbar geblasen. Tradition war auch das Blasen am Ostermorgen in Zwochau, Böhlitz und Röcknitz sowie das Pfingstblasen zu den Waldgottesdiensten. „Dazu bestiegen wir einen geschmückten Pferdewagen, der von Rudolf Bocks Rappen gezogen wurde“, erinnert sich Gotthard Kircheis. Mit seinen Jungs fuhr er in den Winterferien 1970 zur Bläserrüste nach Bärenfels ins Osterzgebirge, wo auch Skilaufen angesagt war.

Der einstige Pfarrer Gotthard Kircheis hatte den Röcknitzer Posaunenchor vor 50 Jahren gegründet. Quelle: privat

Kircheis stammt aus Schneeberg. Dort ist er aufgewachsen und bis zum Abitur zur Schule gegangen. Mit 18 beteiligte er sich an einem Laienwettbewerb für Instrumentalisten. Der junge Mann schaffte den Einzug ins Finale und wurde in Dresden bester Nachwuchs-Hornist der DDR. Er studierte Theologie in Leipzig und bekam zwischenzeitlich private Gesangsausbildung in Berlin. Der kinderlos gebliebene Arzt und Mäzen der Familie, Wilhelm Köhler, überwies dafür monatlich 200 Mark. Kircheis wohnte in Zossen, südlich der Hauptstadt, und arbeitete in der dortigen Kirchgemeinde als geistliche Hilfskraft. Im April 1962 trat er am Stadttheater Brandenburg sein erstes Engagement als Opernsänger an. Nach bestandener Bühnenreifeprüfung wechselte er für weitere drei Jahre an die Städtischen Bühnen Magdeburg. Trotz aller Erfolge war irgendwann klar: Mit 1,65 Metern ist er zu klein für eine große Opernkarriere. Und so wurde er Pfarrer.

1967 kam Kircheis nach Röcknitz

Die Landeskirche schickte ihn im August 1967 zur praktischen Ausbildung nach Röcknitz. Mit seiner Frau Brunhilde und den Kindern bezog er das dortige Pfarrhaus: „Ich war jung und unternehmungslustig. Ich konnte singen und blasen.“ Also baute Gotthard Kircheis in dem kleinen Dorf bei Wurzen eine Kurrende, einen Kirchenchor und – den Posaunenchor auf. Ob Erntedank, Kirchweihfest oder Konfirmation – nirgendwo durften Posaunen und Sänger fehlen. Mittendrin statt nur dabei: Pfarrer Kircheis. Nur einmal verpasste sein Chor den Einsatz: „Das war in der Bachkantate ,Gott der Herr ist Sonn’ und Schild’. Eigens dafür kam der Solotrompeter des Leipziger Gewandhauses nach Röcknitz. Als der loslegte, waren wir derart überwältigt, dass wir zunächst keinen Ton rausbrachten.“ Die Genossen verfolgten die Entwicklung argwöhnisch. Sie beschlossen, eine Blaskapelle zu gründen – ein Hauch Don Camillo und Peppone in der sächsischen Provinz.

Unstimmigkeiten wie in den besten Familien

Werner Maiwald freut sich auf ein Wiedersehen mit dem Nestor: „Herr Kircheis ist unserem Dorf und unserer Posaunengruppe stets verbunden geblieben – auch wenn er 1974 nach Dresden ging. Als Musikprofi aber auch als Mensch war er für uns Jungs ein echter Glücksfall.“ Die Jahre 2010 bis 2017 seien die schwersten in der Geschichte des Posaunenchores gewesen. „Ja, es stimmt. Bläser halten zusammen wie eine große Familie. Und wie es selbst in den besten Familien vorkommen kann, gab es auch bei uns Unstimmigkeiten. Wegen persönlicher Kränkungen und Problemen mit den Übungszeiten kam es zur Spaltung“, sagt Maiwald. Nestor Kircheis habe sich in der Ferne persönlich um Vermittlung bemüht. Vergeblich. Bis heute scheiterten alle Versuche, die beiden Chorteile wieder zu versöhnen.

Bei der Generalprobe fürs Jubiläumskonzert. Quelle: Bert Endruszeit

Die Posaunen jedoch verstummten nie. Auch weiter gab es Frühlings- und Adventskonzerte. Zu Gottesdiensten oder Goldenen Hochzeiten erschallen sie noch immer. Mehr noch: Als die Schildbürger kürzlich den 500. Geburtstag von Deutschlands ältestem Maulbeerbaum feierten, brachte auch der Röcknitzer Posaunenchor ein Ständchen. Der Legende nach soll der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise von eigener Seide geträumt haben. Jedenfalls wurde auf seine Anordnung hin anno 1518 auf dem Kirchhof des Städtchens Schildau ein Maulbeerbaum gepflanzt, damit die Seidenraupen Futter haben.

Drei Zugaben beim Internationalen Bergfilmfestival

Einen großen Auftritt feierte der Röcknitzer Posaunenchor auch bei der 20. Auflage des Internationalen Bergfilmfestivals am Gaudlitzberg. Programmdirektor Peter-Hugo Scholz: „Um Mitternacht erschien die Gruppe auf der Kuppe. Es war die erlebte Poesie! Der Mond ging auf, dazu das Lied ,Der Mond ist aufgegangen’. Gänsehaut pur. Das Publikum im Tal klatschte und forderte drei Zugaben.“

Die Röcknitzer Kirche. Hier findet die Geburtstagsfeier statt. Quelle: Andreas Röse

Es war exakt 0.01 Uhr, als die Röcknitzer zum Mondscheinkonzert mitten in der Hohburger Schweiz ansetzten. Kein Wunder: Werner Maiwald, der umtriebige Bläser war wieder mit von der Partie. Nach dem Festgottesdienst am Mittwoch lädt er alle Besucher zum lukullischen Teil in sein Café Clematis ein. Ob Himbeer-Mango-Quark-Sahnetorte oder Apfel-Nuss-Streuselkuchen – alles hat seine Frau Maria, im wahren Leben Krankenschwester, selber gebacken. Ab 15.01 Uhr tischt sie alles auf. Genau vier Stunden früher, 11.01 Uhr, heizt sie den Ofen an. Das Rezept für den Kartoffelkuchen soll sie von ihrer Großmutter übernommen haben. Werner Maiwald hat einen Wunsch: Statt die obligatorischen 50 Geburtstagskerzen auszublasen, hofft er darauf, dass sich alle jetzigen und ehemaligen Mitglieder wieder vertragen. Es wäre mehr als nur ein Sahnehäubchen auf der Torte.

Weitere Konzerte am Reformationstag

DEUBEN: Zum traditionellen Orgelkonzert am Reformationstag, 31. Oktober, lädt Rico Feist 17 Uhr in die Kirche nach Deuben ein. Das Orgel-Spezial steht dieses Jahr ganz im Zeichen des Musicals. Die musikalische Reise beginnt bei George Gershwin mit seiner Jazzoper „Porgy und Bess“ und endet beim Großmeister des Musicals, Andrew Lloyd Webber. Dazwischen führt der Weg über den Broadway und das Londoner West End auch nach Deutschland und Frankreich..

PANITZSCH: Kirche Panitzsch, 034291 86547, Lange Str. 17; Mi. 15 Uhr: Orgelkonzert von Sebastian Heindl.

STOCKHEIM: Kirche Stockheim; Mi. 17 Uhr: Orgelkonzert.

WURZEN: Dom St. Marien Wurzen, 03425 905021, Domplatz 9; Mi. 17 Uhr: Reformationskonzert des Leipziger Symphonieorchesters, auf dem Programm stehen die Konzertouvertüre „Die Hebriden“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, die Sinfonie Nr. 7 von Ludwig van Beethoven sowie das Orgelkonzert von Josef Gabriel Rheinberger. Eintrittskarten sind in der Touristinformation, Markt 5 (Tel. 03425 8560400), der LVZ-Geschäftsstelle, Badergraben 2 c (Tel. 03425 902943), der Wenceslai-Buchhandlung, Wenceslaigasse 13 (Tel. 03425 925701) und an der Tageskasse erhältlich.

Von Haig Latchinian

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