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Rüdiger Kleine aus Threna beginnt zweites Studienjahr auf Elite-Uni in Oxford

Auslands-Stipendiat Rüdiger Kleine aus Threna beginnt zweites Studienjahr auf Elite-Uni in Oxford

Der Flieger brachte Rüdiger Kleine am Sonntag nach England. In ein paar Tagen wird es ernst, sein zweites Jahr an der Eliteuniversität Oxford beginnt. Das bisherige Studium, in das der Volksentscheid zum Brexit fiel, hat der Threnaer bestens bestanden. Mittlerweile weiß er, wie der Hase läuft.

Rüdiger Kleine mit seiner traditionellen Kleidung im elterlichen Garten. Seit einem Jahr studiert er in Oxford, jetzt beginnt die zweite große Runde.

Quelle: Thomas Kube

Belgershain/Threna. Der Flieger brachte Rüdiger Kleine am Sonntag nach England. In ein paar Tagen wird es ernst, sein zweites Jahr an der Eliteuniversität Oxford beginnt. Das bisherige Studium, in das der Volksentscheid zum Brexit fiel, hat der Threnaer bestens bestanden. Mittlerweile weiß er, wie der Hase läuft.

„Wir beginnen mit einer Feierwoche, in der sich die Neuankömmlinge beweisen müssen“, sagt Kleine, der vor einem Jahr zu jenen Frischlingen zählte. „Man fragt die Anderen, woher sie kommen, wie sie heißen, was sie studieren. Abends wird in einer Bar, einem Pub, einer Disco oder in unserem Gemeinschaftraum gefeiert, der nach der Woche verwüstet ist.“

Erst das Vergnügen, dann das Studium

Doch schon in dieser Zeit trudeln die ersten Aufgaben ein. Die Studenten müssen Essays zu Themen schreiben, die sie später in Tutorials mit ihren Professoren im Zwiegespräch auswerten. Dazu kommen ab der zweiten Woche die Vorlesungen, dann beginnt der harte Alltag von drei Trimestern, die jeweils acht bis neun Wochen andauern.

„Inhaltlich bin ich im vergangenen Jahr gut mitgekommen. Ich war zwar eine Weile krank, bekam aber viel Hilfe von Lehrern und Mitschülern“, blickt Kleine zurück. Das Fach Politik schloss er als Bester ab. „In Wirtschaft hat’s ein bisschen gehapert, und Philosophie war ganz schick“, urteilt er. Diese Kombination will er auf alle Fälle weiter studieren bis zum Bachelor-Abschluss.

Finanziell bedeutet das allerdings einen Kraftakt. Der junge Mann muss pro Jahr 9000 Pfund allein fürs Studium zahlen. Dafür nahm er einen Kredit vom britischen Staat auf; wenn er später über 30 000 Pfund verdient, hat er ihn zu tilgen.

WG mit zwei Türken und einem Ungar

Die relativ hohen Lebenshaltungskosten muss er anderweitig decken. Allein mit dem deutschen Kindergeld und dem Unterhalt von den Eltern käme er nicht über die Runden, deshalb jobbte er bisher nebenbei als Barkeeper. Jetzt übernimmt er die zum Campus gehörende Bar zusammen mit einem Engländer für zwölf Monate als Manager, was zusätzliches Geld für Miete und Nahrungsmittel bringt. Da nur für ein Jahr das Wohnheim genutzt werden darf, musste er es verlassen. Mit zwei Türken und einem Ungar macht er jetzt in einem studentischen Szeneviertel eine Wohngemeinschaft auf. Zu zahlen hat er 110 Pfund pro Woche, umgerechnet 125 Euro.

Der angekündigte Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union kam ihm zu pass, weil er jetzt viel mehr Pfund für seine Euro erhält. Die Zeit bis zum Referendum hatte er aber als Schlammschlacht von beiden Seiten erlebt. „Es wurde viel mit Schlagwörtern gearbeitet, falsche Zahlen kamen in Umlauf. Die Leute waren emotional geladen“, beschreibt er die Situation. „Die höhere Bildungsschicht, die in Oxford studiert, war klar gegen den Brexit. Meiner Meinung nach ist es aber legitim, dass Großbritannien austritt. Das ist eine große Chance für das Land, alles hängt nun davon ab, was bei den Verhandlungen herauskommt.“

Brexit: zwischen Chance und Gefahren

Im Schrumpfen erkennt Kleine aber auch eine Chance für die EU. „Es zwingt zum Handeln. Ein Bundesstaat wie die USA ist zurzeit nicht denkbar. Demokratischer wären sowieso Stadtstaaten nach griechischem Vorbild, aber auch das lässt sich wohl nicht durchsetzen“, meint er. Auf alle Fälle sei eine einheitliche Währung in einem nicht einheitlichen Staat ein Widerspruch in sich, wobei Kleine den Euro durchaus für sinnvoll hält.

Was auch immer bei den kommenden Veränderungen geschieht, in einem ist er sich sicher: „Der Brexit betrifft mich nicht persönlich.“ Mit der Antragstellung durch die britische Regierung beginnen mindestens zweijährige Verhandlungen. Bis dahin hat Kleine sein drittes und letztes Studienjahr beendet – vorstellen kann er sich, ein Masterstudium in den USA anzuschließen.

Angetrieben fühlt er sich von Mitstudenten, die gleichaltrig sind und schon Forschungsprojekte vorlegen, für große Zeitungen schreiben oder genau wissen, dass sie in die Politik gehen wollen. Politiker möchte er zwar nicht werden, aber einen Beruf als politischer Berater zieht er in Erwägung. Den Entscheidungsträgern will er Entscheidungshilfen geben.

Politisches Topthema ist die Demografie

Als eines der Topthemen für die nächsten 100 Jahre sieht er die Demografie. „Deutschland ist in einer schwierigen Lage. Die Wachstumsrate der Bevölkerung liegt deutlich unter 1,5 Kindern pro Paar. Bei so einem Wert ist es schwierig, den Abwärtstrend aufzuhalten und die Entwicklung wieder auf ein vernünftiges Niveau zu bringen“, meint er.

Flüchtlinge könnten den Sozialstaat nicht retten. Entweder würden sich ihre Kinderzahlen den deutschen angleichen, dann gebe es in 20 bis 30 Jahren das gleiche Problem. Oder sie haben viele Kinder, das führe zu sozialen Schwierigkeiten. „Sie bringen bildungstechnisch nicht das mit, was wir brauchen“, schätzt Kleine ein.

Ein weiteres Problem sei, dass die Menschen älter werden und damit länger Sozialleistungen beziehen. „Auf Dauer bedeutet das weniger Rente oder eine Belastung der Nachkommenden“, erläutert er. „Das heißt, wir müssen die Lebensarbeitszeit verlängern oder wir schauen uns das japanische Modell ab, wo Rentner soziale Arbeiten übernehmen.“

Liberales Oxford

Seine Ansichten darf Rüdiger Kleine in Oxford frei äußern. Es handelt sich um eine sehr liberale Universitätsstadt mit Schwulenszene und großem Ausländeranteil, gepiercte und tätowierte Studenten sind keine Seltenheit. Und die Professoren akzeptieren andere Meinungen als ihre eigenen, solange sie begründet werden. „Das müssen sie auch, denn wir bezahlen sie ja und wollen entsprechend etwas geboten bekommen“, kommentiert der Threnaer, der gerade seine letzten Ferientage genießt.

Nach Warschau und Münster ist er getrampt, später auch nach Prag. Eine Woche hat er mit Freunden an der Müritz gezeltet. Die Seele konnte er einfach mal baumeln lassen ohne den Bammel vor dem Ungewissen, den er vor einem Jahr hatte. So simple Fragen wie jene, ob er in der Uni im Anzug erscheinen muss oder ein T-Shirt reicht, bewegten ihn damals. Jetzt weiß er: „Alles egal, ich könnte sogar mit freiem Oberkörper kommen.“

Nur für bestimmte Anlässe, wie beispielsweise Prüfungen, ist die festliche Kleidung oberste Pflicht. Zu ihr gehören Anzug, Blume im Jackett, der Goen genannte Überwurf und der Hut, der als Motar Board bezeichnet wird. Bei aller Freizügigkeit bewahrt Oxford seine Traditionen. So läuft nun mal der Hase, das weiß Rüdiger Kleine.

Von Frank Pfeifer

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