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Schlachtschiffe aus Wurzen

Schlachtschiffe aus Wurzen

Was eigentlich treibt ein Ruheständler, der einst Dampflokomotivschlosser, Seefahrer und Tischlerausbilder war? Ganz einfach: Er steht unter Dampf und baut Schiffsmodelle.

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Hoch konzentriert: Wenn Werner Huber an seinen Schiffsmodellen arbeitet, lässt er sich nur ungern ablenken.

Quelle: Andreas Röse

Wurzen. Zwar schwört Werner Huber im wahren Leben auf ganz friedliche Ozeanriesen. In seiner Bastelstube aber ist alles anders: Da schießt sich der leidenschaftliche Friemler eher auf Schlachtschiffe ein - mit all den Details: Antennen, Scheinwerfern, sogar Flugzeugen. "Ein Containerschiff wäre dagegen der reinste Langweiler", winkt der 68-jährige Wurzener ab.

Gewissermaßen als "Fingerübung" tastete sich Huber zunächst über Plastemodelle heran - die englische "Prince of Wales", die amerikanische "Missouri", die japanische "Yamato" und die deutsche "Tirpitz" präsentiert er im Maßstab 1:460. Die neun Schlachtschiffe aus Tropenholz sind dagegen wesentlich opulenter: Das kleinste Schlachtschiff, die "Admiral Hipper", misst immerhin 90 Zentimeter, das größte, die "Bismarck", stolze 1,24 Meter. Allein für ein solches Modell benötigt der Tüftler fast ein ganzes Jahr: "Du kannst nicht etwa acht Stunden am Tag durcharbeiten. Alles ist so winzig. Bei Bullaugen oder Ankerketten etwa geht ohne Pinzette gar nichts. Die Reling habe ich selbst gelötet. Irgendwann fangen die Hände an zu zittern." Ehefrau Karin erkennt ihren Mann mitunter gar nicht mehr: "Wenn das Holz geschliffen wird, stiebt es mächtig, da sieht der Werner wie ein Mehlmann aus."

Beide lernten sich 1969 bei der DDR-Handelsflotte kennen. Die aus Thüringen stammende Karin arbeitete zuvor als Stewardess auf der "Fritz Heckert" und der "Völkerfreundschaft", Werner, der Wurzener, heuerte nach Schlosserlehre im RAW Engelsdorf und vier Jahren Volksmarine bei der Handelsflotte an. "Es war die wohl schönste Zeit unseres Lebens", schwärmen beide übereinstimmend. "Wir waren jung, besuchten uns regelmäßig auf unseren Kajüten, na und welcher DDR-Bürger hatte 1969 schon das Glück, nachts um halb eins auf der Reeperbahn zu sein?! Vor allem war die zu der Zeit noch fest in der Hand der Seeleute. Sie kam lange nicht so touristisch daher wie heute", sagt Werner Huber. In kürzester Zeit sah er die halbe Welt, brachte Kartoffeln aus Zypern, Viehfutter aus Ägypten, Bauxit aus Griechenland. "Im Gegenzug transportierten wir Toilettenbecken in den Libanon."

Natürlich habe man die Fernsehserie "Zur See" verfolgt, sagt Werner Huber. Manches sei sicher so ähnlich gewesen wie im Film. "Anderes war geschönt. Unser poetisch veranlagter 1. Offizier wollte ein Buch veröffentlichen. Aber es kam nie raus." Es sei ganz schön zur Sache gegangen. Stichwort Äquatortaufe. "Da wurde schon mal ein Eisenstempel zum Glühen gebracht. Der mit herunter gelassener Hose auf einen Hocker gebundene Täufling erwartete nun jeden Moment das Brandmarken. Tatsächlich aber wurde unter lautem Zischen ein Stück Speck gestempelt, der Betreffende bekam nur Eis auf den Hintern gedrückt, schrie dennoch wie am Spieß." Mit der Seefahrt war es für die angehenden jungen Eltern sehr bald vorbei. Er wechselte ins Wurzener Motorenwerk, ehe er nach der Wende zum Tischler umschulte, sie arbeitete bis zur Rente als Stationshilfe im Wurzener Krankenhaus. Sie haben drei Kinder und drei Enkel.

Bevor sich Werner Huber dem Schiffsmodellbau widmete, hatte er im Garten eine Papageienzucht: "Irgendwann wurde mir das zu aufwendig, wenn du mal verreisen wolltest, brauchtest du immer einen, der nach dem Rechten schaute. Die Modelle sind da wesentlich pflegeleichter." Wenngleich es nicht immer einfach sei, an die Bauzeichnungen zu kommen. Einmal kaufte sich der Friemler sogar ein Plastemodell, um daran die Maße zu nehmen und mit Holz doppelt so lang zu bauen. Bei der Konstruktion der "Admiral Scheer" war ein polnischer Bauplan hilfreich.

Neun Schiffe - das sind neun Jahre Filigranarbeit, ein unschätzbarer Wert. Bei der Schau "Marke Eigenbau" des Hohburger Museums war unlängst auch eines der Wurzener Schiffe zu bestaunen. Die Besucher glaubten ihren Augen nicht, wie viele der mühsam erschaffenen Details, etwa die Bullaugen aus Messing, am Ende unter der Tarnfarbe verschwinden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.02.2014
Haig Latchinian

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