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Wurzen Schulden – Diakonie hilft mit Beratern aus der Krise
Region Wurzen Schulden – Diakonie hilft mit Beratern aus der Krise
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10:00 12.06.2018
Schuldnerberatung im Haus der Sozialarbeit der Diakonie Leipziger Land in Wurzen. Quelle: Andreas Döring
Wurzen

Wer den Überblick über seine unbezahlten Rechnungen verloren hat, von Inkassodiensten unter Druck gesetzt wird oder sich vor dem Gerichtsvollzieher fürchtet, braucht Hilfe. In Wurzen findet er die in der Schuldnerberatungsstelle bei Sandra Winkler, die derzeit Kontakt zu 450 Haushalten hat. Wir haben mit der Diplom-Sozialarbeiterin über Schuldenfallen, ein glückliches Leben trotz aufgeschobener Wünsche und schnelle Hilfe im Notfall gesprochen.

Sandra Winkler, Schuldnerberarterin bei der Diakonie im Landkreis Leipzig. Quelle: Cornelia Killisch

Seit 2012 beraten Sie in Wurzen Menschen, die in Schulden feststecken. Welchen Trend haben Sie über die Jahre beobachtet?

Es fällt auf, dass immer mehr Ältere Rat suchen. Da spielen oft auch Trennung und Scheidung eine Rolle. Von zwei kleineren Renten lässt sich vielleicht noch ganz gut leben, aber mit einer wird es eng. Erst neulich hatte ich eine Klientin hier, die – gesundheitlich angeschlagen – in ein Betreutes Wohnen gezogen ist, es sich aber eigentlich nicht leisten kann. Unsere Klienten kommen aber grundsätzlich aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Oft sind auch Kinder involviert.

Was empfehlen Sie den Eltern?

Viele haben eine große Scheu und wollen ihre Kinder schützen. Hier mache ich Mut, offen darüber zu reden und zu erklären, warum manches eben gerade nicht geht. Kinder können damit in der Regel besser umgehen als mit Willkür. Außerdem lernen sie dabei etwas fürs Leben.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Was sind die häufigsten Ursachen für Schulden?

An erster Stelle stehen niedrige Einkommen. Betroffen sind auch Alleinerziehende mit mehreren Kindern, die gar nicht voll arbeiten können. Weitere häufige Gründe sind Drogen oder das Thema Scheidung nach Hausbau. Wir haben auch immer wieder ältere Selbstständige, die nicht mehr arbeiten können und privat krankenversichert sind. Die kommen da nicht mehr raus. Und ja, manche haben einfach nicht gelernt, mit Geld umzugehen. Übersteigerter Konsum begegnet mir aber in der Beratung nicht sehr oft.

Den Betroffenen zu sagen „Selbst schuld“ wäre also oft die falsche Reaktion.

Tatsächlich kann es jeden treffen, denn vieles haben wir nicht in der Hand. Die meisten schämen sich und kommen viel zu spät. Dabei ist im Notfall schnelle Hilfe wichtig. Viele wissen auch gar nicht, dass es Schutzmechanismen gibt, zum Beispiel das Pfändungsschutzkonto-Konto und Freigrenzen bei Lohnpfändungen.

Was unterscheidet Ihre Schuldnerberatung von der, die beispielsweise ein Anwaltsbüro anbietet?

Bei unserer sozialen Schuldnerberatung geht es darum, die Ursachen mit in den Blick zu nehmen und nicht nur die Symptome. Unser Ziel ist, dass dem Einzelnen dauerhaft geholfen wird und da muss man oft viel tiefer ansetzen. Wir wollen den Menschen kennenlernen, denn die Schulden haben ja Gründe. Zuerst einmal lasse ich mir deshalb immer ein bisschen was erzählen: Wie leben Sie? Wo arbeiten Sie? Gibt es Menschen, die Ihnen helfen? Dann erst schauen wir uns die Schulden an.

Wie helfen Sie den Betroffenen dann konkret?

Wir verhandeln mit Gläubigern und wickeln Verträge ab. Außerdem schauen wir, was noch an Sozialleistungen möglich ist, etwa über das Bildungs- und Teilhabepaket. Hilfreich sind auch praktische Tipps, wie man seine Unterlagen ordnet oder einen Haushaltsplan aufstellt - eine hohe Kunst.

Vor welchen Schuldenfallen sollte man sich schützen?

Auch in Zeiten von Niedrigzinsen ist es empfehlenswert, erst zu sparen und dann zu kaufen. Es lohnt sich immer zu überlegen, was ich wirklich brauche. Man kann auch lernen, trotz Verzicht glücklich zu sein oder mit gebrauchter Kleidung und Dingen von Ebay-Kleinanzeigen gut zu leben. Ich warne auch vor Umschuldungen, die oft keine große Hilfe sind, sondern dafür sorgen, dass sich die Schulden hochschaukeln. Hier sollte man sich beraten lassen, aber nicht von einer Bank.

Sie hören oft von persönlichen Katastrophen und schlimmen Schicksalen. Wie gehen Sie damit um?

Ich nehme relativ wenig mit nach Hause. Mein fordernder Alltag ist gut ausgefüllt mit Familie, Arbeit, Ehrenamt und Kirchgemeinde. Alles im Leben hat seinen Platz. Dabei hilft mir die enge Verbindung zu Gott, die ich als Christin habe. Ich weiß, ich bin in seiner Hand – so wie alle Menschen, denen ich begegne. Aus dieser Verbindung zu Gott heraus sehe ich unseren Auftrag als Diakonie darin, den Menschen Barmherzigkeit und offene Türen zu zeigen – aber auch klare Grenzen.

Beispiel für gelungene Beratung

Die Verbindung mit manchen Klienten bleibt über Jahre bestehen. Sandra Winkler erinnert sich zum Beispiel gut an einen jungen Mann, der seit 2012 immer wieder in der Beratung war. „Er hatte einen riesigen Ordner mit nicht bezahlten Rechnungen und war vor dem Gerichtsvollzieher und der Polizei geflohen“, erzählt sie.

Nachdem er erst einmal eine Unmenge an Strafstunden abgeleistet hatte, ermutigte sie ihn zunächst zu einem Bundesfreiwilligendienst und dann zu einer Ausbildung, die er durchgehalten hat. „Jetzt hat er ein regelmäßiges Einkommen“, sagt Winkler, „wichtig ist doch, erst einmal die Grundlage für ein schuldenfreies Leben zu schaffen“.

Er habe nun einen Insolvenzantrag gestellt und sei auf einem guten Weg. Sein „Fall“ sei vorläufig abgeschlossen - die Tür zur Beratungsstelle stehe ihm trotzdem jederzeit offen.

Kontakt: Diakonie Leipziger Land, Schuldnerberatung Wurzen, Tel. 03425 9184776, sb.wurzen@diakonie-leipziger-land.de; weitere Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Diakonie in Grimma: Tel. 03437 925014, sb.grimma@diakonie-leipziger-land.de; Borna, Markkleeberg, Markranstädt und Geithain: Tel. 03433 274020, sb.borna@diakonie-leipziger-land.de; in Borna, Wurzen und Grimma jeden Dienstag 9-12, 13-15 Uhr offener Sprechtag ohne vorherige Terminabsprache

Von lvz

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