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Wurzen Seit 30 Jahren: Wurzener Jens Haubner ehrt die Geschwister Scholl
Region Wurzen Seit 30 Jahren: Wurzener Jens Haubner ehrt die Geschwister Scholl
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00:33 25.02.2018
Zum 75. Todestag der Geschwister Scholl bringt Jens Haubner (54) drei weiße Rosen am Straßenschild an. Quelle: Andreas Döring
Wurzen

Der 22. Februar ist dem Wurzener Jens Haubner heiliger als der 24. Dezember. Es ist der Tag, an dem er in der Geschwister-Scholl-Straße immer drei weiße Rosen befestigt: eine für Sophie Scholl, eine für deren Bruder Hans und eine für dessen Freund Christoph Probst. Donnerstag, am helllichten Tag und bei strahlendem Sonnenschein, jährte sich sein ganz persönliches Gedenken zum 30. Mal. Als er die Blumen 1988 erstmals am Straßenschild anbrachte, war es dagegen tiefe Nacht. Er wollte unerkannt bleiben, wusste, dass seine Familie zu viel wusste: „Zum Beispiel, dass Stasi-Chef Erich Mielke ein Mörder ist.“ Ein Satz, der in der DDR eine Ungeheuerlichkeit dargestellt hätte.

Jens Haubner (54) gedenkt mit drei weißen Rosen in Wurzen der Geschwister Scholl und ihrem Begleiter Christoph Probst. Quelle: Andreas Döring

Inzwischen traut sich der 54-jährige Haubner, offen über seinen Großvater zu sprechen. Der war in Berlin aktives Mitglied des KPD-Selbstschutzes, einer paramilitärisch organisierten Gruppe und jederzeit nah dran an den Größen der Partei. Aus seinem direkten Umfeld wurden auf dem Bülowplatz die tödlichen Schüsse auf zwei Polizisten abgefeuert. Nach der Razzia in der KPD-Zentrale geriet er in die Fänge der SS. Im Folterkeller des berüchtigten Columbiahauses verlor sich 1933 seine Spur – für immer. Haubner wittert Verrat der eigenen Genossen. Aber das sei eine andere Geschichte, sagt er mit finsterer Mine. Die lichtet sich erst, als er über seine Oma Gretchen erzählt. „Was viele nicht wissen: Auch in der Wurzener Region wurden die Flugblätter der Weißen Rose als Kettenbrief abgeschrieben, vervielfältigt und weitergeleitet. Gretchen sorgte unter anderem mit ihrer bei der Post beschäftigten Freundin Liddi dafür.“

Das Denkmal des gefallenen Soldaten auf dem alten Friedhof Wurzen. Dem Gedenken der Stifter Friedrich Hermann Ilgen und Anna Mathilde Ilgen, gewidmet. Quelle: Andreas Döring

Gretchen hatte auch ein ganz besonderes Verhältnis zum 1930 in Wurzen eingeweihten Kriegerdenkmal – für sie ein Denkmal mit einem Friedensengel: „In den Gesichtszügen der von Georg Wrba geschaffenen Krankenschwester erkannte sie Elsa Brändström wieder, die sie zuvor in Leipzig persönlich gesehen hatte“, sagt Jens Haubner. Die 1888 als Tochter des schwedischen Militärattachés in St. Petersburg geborene Brändström kümmerte sich um russische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Zwischen 1915 und 1920 betreute sie die geschundenen Menschen in sibirischen Lagern. Ihr Einsatz zugunsten der deutschen Gefangenen brachte ihr den Beinamen „Engel von Sibirien“ ein. 1915 begleitete sie die vom Roten Kreuz organisierten Rücktransporte deutscher Kriegsinvaliden, die gegen schwer verletzte russische Gefangene ausgetauscht wurden. Sie erkrankte dabei selber und entging nach der Oktoberrevolution nur knapp der Erschießung, weiß Haubner.

In Nischwitzer Sandgrube wurden Säurezünder getestet

Er wurde in der Nacht vom 20. zum 21. Juli geboren, sagt der Wurzener Heimatforscher: „Auf den Tag genau 19 Jahre, nachdem Claus Schenk Graf von Stauffenberg und einige der Mitverschwörer vom 20. Juli 1944 im Hof des Berliner Bendlerblocks erschossen wurden.“ Sein Geburtstag sei kein Zufall, sondern Schicksal, betont Haubner. Seit Jahren forscht er intensiv zum Hitler-Attentat. Vor allem, weil sein Heimatdorf Nischwitz bei Wurzen getrost als Widerstandsnest bezeichnet werden könne. „Mein Onkel Heinz, Jungkommunist und Vertrauter von Albert Kuntz, hatte in der Nischwitzer Sandgrube jenen Typ Säurezünder getestet, welcher später von Graf Stauffenberg in der Wolfsschanze eingesetzt wurde.“ Es habe sich um ein britisches Fabrikat gehandelt, das über Verschwörer aus der Abwehr beschafft wurde.

Schloss Nischwitz bei Wurzen. Quelle: Andreas Döring

Haubners Vater, Siegfried, soll als Heranwachsender mit eigenen Augen gesehen haben, wie sich im Nischwitzer Schlosspark regelmäßig hohe Generäle sowie Leipziger Amtsträger begegneten. Laut Haubner könnten diese Treffen durchaus im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf das Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 gestanden haben. Schlossherr Hans-Georg von Zimmermann galt als sehr liberal, weltoffen und Nazigegner. Rennfahrerlegende Manfred von Brauchitsch, so Haubner weiter, drehte auf dem Rondell des Nischwitzer Schlosses seine Runden. Dessen Onkel, Walther von Brauchitsch, wurde 1941 nach einer schweren Auseinandersetzung mit Hitler über den weiteren Verlauf der Operationen in Russland als Oberbefehlshaber des Heeres entlassen.

Das Archivbild aus dem Jahr 1939 zeigt die Rennfahrerlegende Manfred von Brauchitsch beim Besteigen seines Rennwagens vor dem Training zum Wiener Höhenstraßenrennen. Quelle: dpa

Im Sommer 1928 hätten sich Manfred von Brauchitsch und Stauffenberg auf einem zehnmonatigen Lehrgang in der Infanterieschule Dresden kennengelernt. Von Brauchitsch über Stauffenberg: „Im preußischen Sinne war er nie ein zackiger Soldat, in seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem leicht wiegend Gang eher salopp ... unmilitärisch. Das hervorstechendste Merkmal an ihm waren seine hervorragenden geistigen Fähigkeiten, sein Verstand.“

Stauffenberg habe direkte Wurzeln im Muldental, sagt Haubner: „Seine Großmutter, Valeria von Hohenthal, wurde in Püchau geboren. Sie war die Enkelin des Generals August Neidhardt von Gneisenau. Valeria, verheiratete Uexkuell-Gyllenband, hatte vier Kinder. Darunter Stauffenbergs Mutter Caroline sowie Alexandrine, Tante Stauffenbergs und Freundin von besagter Krankenschwester Elsa Brandström. „Nikolaus Graf von Uexkuell-Gyllenband, mit Kontakten zu Carl Friedrich Goerdeler, wollte seinen Neffen Stauffenberg schon 1939 für den Widerstand gewinnen“, sagt Haubner. Und: „Stauffenberg sollte Adjutant des Generaloberst und späteren Generalfeldmarschalls von Brauchitsch werden. Stauffenberg lehnte ab.“

Haubner nennt einen weiteren Namen: Konrad von Uexkuell-Gyllenband. „Er war ein hochrangiger Offizier bei den Fallschirmjägern. Mein Onkel Heinz aus Nischwitz diente in dessen Einheit. Beide kannten sich, sprangen über Kreta ab. Konrad von Uexkuell-Gyllenband wollte bereits für einen Militärputsch 1941 einige seiner Fallschirmjäger zur Verfügung stellen.“ Onkel Heinz, der den von Stauffenberg genutzten britischen Zünder in der Nischwitzer Sandgrube getestet haben soll, war bekannt als Experte: „Er entschärfte zum Beispiel die Sprengladung an der Rotterdamer Maas-Brücke“, weiß Haubner. Onkel Heinz hat das Attentat auf Hitler nicht mehr erlebt. Er fiel am 9. September 1943 in Italien und liegt am Monte Cassino begraben.

Scholl-Visionen heute wieder aktuell

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!“ Man müsse sich jetzt vom Nationalsozialismus befreien, denn sonst würden die Deutschen „dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist“, zitiert Jens Haubner einige Sätze aus den Flugblättern der Weißen Rose. Um künftig Kriege zu verhindern, hätten die Geschwister Scholl ihre Vision von einem föderativen Deutschland in einem vereinten Europa entwickelt. „Sie sind also aktueller denn je und waren schon damals weiter als manch führender Politiker heute“, kann sich Haubner einen Seitenhieb auf den Rückfall ins Nationale nicht verkneifen.

Eine Archivaufnahme von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst (v.l.), die als Mitglieder der Münchner Widerstandsbewegung „Weiße Rose" vom NS-Regime am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden. Quelle: AP

Schon Tage im Voraus bestellte er in einem Wurzener Blumengeschäft drei weiße Rosen. Am Donnerstag holte er sie wie vereinbart ab und machte sich auf den Weg in die Geschwister-Scholl-Straße. Seine kleine aber feine Ehrung sei gerade in Wurzen wichtig, findet er. Denn jener Mann, der vor 75 Jahren maßgeblich daran beteiligt war, dass mit der Weißen Rose „kurzer Prozess“ gemacht wurde, sei Otto Georg Thierack, Reichsjustizminister und gebürtiger Wurzener. Er persönlich habe angeordnet, dass Todesurteile unverzüglich zu vollstrecken seien, so Haubner: „Als die Eltern von Hans und Sophie Scholl an einem Gnadengesuch arbeiteten, wussten sie nicht, dass ihre Kinder schon hingerichtet worden sind.“

Von Haig Latchinian

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