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Wurzen Sieben Sprachen im Billardraum
Region Wurzen Sieben Sprachen im Billardraum
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14:36 11.03.2018
Matthias Buchold im Jugendinteressenzentrum in Borsdorf. Im Hintergrund spielen Jason, Luca und Ben Billard. Quelle: Foto: André Kempner

Farbenfroher mexikanischer Poncho, rotes Hemd, Kopftuch mit Federmotiv – Matthias Buchold spricht die Lebensmaxime aus den Kleidern wie wenigen. Buntheit nämlich ist ein Hauptfaktor, der das Leben und Arbeiten des 39-Jährigen bestimmt. Seit über vier Jahren leitet er das Jugendinteressenzentrum in Borsdorf. Motivation des Mannes, hier etwas zu bewegen: hoch. Tendenz der Besucherzahlen: steigend.

Ideale Lage am Bahnhof

Schon allein optisch ist das alte Fachwerkhaus in der Leipziger Straße Nummer sechs ein Magnet: Helle, freundliche Fassade in Gelb, durchzogen von hellgrünen Holzbalken. Mit lediglich 500 Metern Entfernung vom Bahnhof der ideale Standort, um nicht nur Borsdorfern Abwechslung zu bieten: „Die Leute kommen aus Althen, Panitzsch, Wurzen und anderen Orten“, sagt Buchold. Zu ihnen gehören Jason und Ben aus Beucha. „Außer diesem Zentrum gibt’s hier in der Gegend nichts“, bemerkt der 14-jährige Jason. „Wir sind gern und regelmäßig hier“, ergänzt sein 13-jähriger Kumpel.

Anfang der 1990er-Jahre wurde die marode Immobilie rekonstruiert und zum Freizeitzentrum umgebaut. Als Treffpunkt vor allem für Jugendliche bietet es Platz für Tischtennis- und Billardtisch, für Dartspiel, Fernsehen und Internet sowie Fitness und einen geräumigen, hellen Dachboden, in den sich andere Vereine einmieten können, zum Beispiel für Seminare oder Kurse wie Pilates.

Unterstützung

Wer mag, kann das Jugendinteressenzentrum unterstützen. Benötigt werden aktuell Billardqueues und ein Fachmann, der neuen Belag für den Billardtisch anbringen kann. Auf der Wunschliste steht auch ein Darts-Automat – und jemand, der die Spielgeräte bei Bedarf warten kann. „Das muss nicht kostenlos sein“, betont Leiter Matthias Buchold. Darf es aber. Kontakt zum Zentrum gibt’s über die Telefonnummer 034291 20411 und per Mail an jugendclub@borsdorf-online.de.

Wenn Buchold mit seinen Schützlingen spricht, schwingt stets Freundlichkeit mit, die auch mal mit Bestimmtheit angereichert wird, wenn es um Respekt vor Grenzen geht. Ein Junge namens Yves ist eine dreiviertel Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit im Haus und braucht Hilfe beim Einrichten des Bluetooth-Zugangs fürs Musikhören. „Du bist ein bisschen früh da – sobald ich Zeit habe, zeige ich dir, wie es geht.“ Klingt so simpel wie nachvollziehbar. Und sitzt.

Bürokratie raubt Kraft

Vor seiner Tätigkeit in Borsdorf leitete Buchold das Grimmaer Jugendhaus „Come in“ und arbeitete in Kindergärten, dann kam die Anfrage aus dem Ort, in dem er seit 2007 mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Berufsbegleitend studiert der Mann, der aus Hennigsdorf bei Oranienburg stammt, gerade Sozialpädagogik in Mittweida. Ein ziemlich volles Leben, dessen lebhaftester Punkt das Jugendzentrum ist. Anstrengend? „Das Zusammensein mit den Teenagern gibt mir Energie, Kraft raubt da eher die Büroarbeit zwischen Organisation und Stellen von Förderanträgen.“ Die Kommune und das bezuschussende Jugendamt gehören halt informiert, was Projekte und Konzept fürs laufende Jahr betrifft.

Seit einigen Monaten verändert sich die Besucher-Struktur in dem Fachwerk-Schmuckstück. Das liegt nicht nur, aber auch an den in den Ort oder das Umland gezogenen minderjährigen und erwachsenen Flüchtlingen. „Im Billard-Raum wurden erst gestern wieder sieben Sprachen gesprochen“, berichtet Buchold. „Das geht schon mal turbulent zu, aber die Gemeinsamkeit funktioniert, auch durch Nonverbales.“ Spannung beim Tischtennis zum Beispiel entsteht ohne Vokabeln.

Appell an Toleranz und Respekt

Der seit Januar wachsende Zulauf hat sich auf wöchentlich mehr als 100 Gäste aus allen sozialen Schichten eingependelt; allein die von Buchold eingerichtete Whatsapp-Gruppe zum Austausch von Aktivitäten hat inzwischen rund 40 Mitglieder. Jeden Besucher empfängt der Leiter mit einem wichtigen Appell: Im unteren Flur des Hauses hängt der Ausdruck mit dem entscheidenden Absatz des Grundgesetz-Artikels 3 – dass niemand wegen Geschlecht, Abstammung, Sprache, Herkunft, Glauben oder Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt wird. Die Zeilen gibt’s auch zum Mitnehmen, als abreißbare Schlipse am unteren Ende des Blattes.

„Niemand wird hier ausgegrenzt, ich bestehe auf Respekt.“ Da ist sie sehr entschieden, die Freundlichkeit des Philantropen Matthias Buchold. Klar, es gibt Diskussionen über Flüchtlinge, über Glauben, über Vorbehalte. Klar, es gibt auch mal Reibereien. „Allerdings solche, die auch Deutsche unter sich austragen.“ Da will „Matze“, wie ihn die Jugendlichen nennen, die Kirche weiter im Dorf wissen.

Nun aber löst der Zentrumsleiter sein Versprechen ein. Yves bekommt seine Bluetooth-Verbindung, außerdem freuen sich Jason und Ben auf eine Partie Billard. Und sehr bald werden die Anderen kommen, die vielen Anderen. Wie gesagt, die Zahl der Besucher ist beträchtlich gewachsen. Könnte mit dem Mann in den bunten Klamotten zu tun haben.

Von Mark Daniel

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