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Tagsüber Fallmanager im Jobcenter, abends Workout an der Orgel

Kirchenmusiker Tagsüber Fallmanager im Jobcenter, abends Workout an der Orgel

Seit einer gefühlten halben Ewigkeit erfreut er die Wurzener am letzten Tag des Jahres mit einem ganz persönlichen Konzert. Dabei ist Organist Stephan Seebaß der Beifall des regelmäßig bis auf den letzten Platz gefüllten Gotteshauses sicher. Trotzdem weiß kaum einer etwas über den zurückhaltenden Mann mit der sanften Stimme.

Stephan Seebaß an der Orgel der Wenceslaikirche

Quelle: Haig Latchinian

Wurzen. „Stephan Seebaß, hinten mit Rucksack-S, wie der Kontrabaß“ – so stellte sich der heute 60-Jährige bis zur Rechtschreibreform gern vor. Inzwischen wird zumindest das Instrument mit Doppel-S geschrieben. Was nicht schlimm sei: „Bis zu meiner Hochzeit endete mein Nachname auch mit Doppel-S. Ein allzu eifriger Standesbeamter, der sich die in Sütterlin verfasste Geburtsurkunde bringen ließ, drängte jedoch auf Eszett“, sagt der Wurzener dem bass erstaunten Reporter.

Wie auch immer: Bei Stephan Seebaß, dem Meister des Subbass’, jenes tiefen Registers, ist der Name Programm. Ohne Musik, ohne Orgel, ohne die Königin der Instrumente könnte er nicht leben. Er schwärmt von ihr wie andere vom Sound einer Premium-Automarke oder den Rundungen einer vollbusigen Frau. Dabei ist der Organist kein hauptamtlicher Berufsmusiker. Dem Fallmanager im Grimmaer Jobcenter bleibt nur die eng bemessene Freizeit, um an der Eule-Orgel seiner geliebten Wurzener Wenceslaikirche zu üben. Er hat den Schlüssel, darf so lange und so oft er will. Und er will oft, sehr oft. Kein Wunder: Seit einer halben Ewigkeit erfreut er die Wurzener am letzten Tag des Jahres mit einem ganz persönlichen Konzert. Der Beifall des regelmäßig bis auf den letzten Platz gefüllten Gotteshauses ist ihm sicher. Dabei weiß kaum einer etwas über den zurückhaltenden Mann mit der sanften Stimme.

Geboren in Blankenburg/Harz übersiedelte er mit seinen Eltern nach Niedersachsen. Sein Vater Martin, ein namhafter Kantor, wurde an die Braunschweigsche Landeskirche berufen und spielte unter anderem an der Orgel der Marienkirche Wolfenbüttel. Schon als Dreijähriger saß Stephan neben ihm auf der Bank. Wenig später bekam er Klavierunterricht. Mit Anfang 13 bekleidete der Schüler in einem Dorf seine erste nebenamtliche Organistenstelle. Ein Wunderkind? Ein kleines Wolferl? „Ach, nein“, winkt Stephan Seebaß ab, „ich war ein ganz normaler Jugendlicher, der auch mal lange Haare hatte und in die Diskothek ging“. In dieser Phase habe er sich eine kleine Auszeit von der Musik genehmigt und seinem Vater danach sogar leichte Vorwürfe gemacht, er hätte ihn doch zum Üben anhalten müssen. „Inzwischen weiß ich, dass er alles richtig gemacht hatte. Eltern, die zur falschen Zeit den Daumen draufhalten, riskieren, dass ihr Filius nie wieder auch nur eine Taste anrührt.“

Um so leidenschaftlicher stürzte sich Seebaß fortan in die Musik, studierte bei Professor Uwe-Karsten Groß in Herford und machte 1984 seine Examensprüfung. In Löhne (Westfalen) hatte er eine anspruchsvolle Nebenstelle inne, unterrichtete Klavier und Musiktheorie, bildete nebenberufliche Kirchenmusiker aus. 1994 bricht das „Orgelkonzert seines Lebens“ jäh ab, aus privaten Gründen zog es den gebürtigen Ossi mit seiner Christine wieder in den Osten, nach – Wurzen! Kohlen und Ofenheizung statt Konzerte und Jacques Offenbach. Der Vater dreier Kinder schlug sich als Produktionsarbeiter, Anzeigenberater und Außendienstmitarbeiter für einen Möbelgroßhandel durch. Kurzzeitig war er arbeitslos. „Meine beiden ersten Bearbeiterinnen wurden später Kolleginnen – nie hätte ich mir träumen lassen, jemals eine gehobene Stellung im Landratsamt inne zu haben“, staunt der Fallmanager im Jobcenter noch heute. Die Erfahrung, selbst mal auf der anderen Seite des Schreibtisches gesessen zu haben, erde ihn.

Wurzen ist inzwischen seine Heimat. Hier hat er wieder zu seiner großen Leidenschaft, der Musik, gefunden. Eine Bekannte aus Westfalen, die auf Besuch in Wurzen war, wollte unbedingt die Orgel im Dom sehen. Seebaß machte einen Termin mit Kantor Johannes Dickert. „Als dieser eher zufällig hörte, dass ich ausgebildeter Kirchenmusiker bin, nahm er nicht nur den kleinen Finger, den ich ihm reichte, sondern die ganze Hand, ach, was sag’ ich – den ganzen Oberkörper gleich mit!“ Dafür ist ihm Seebaß noch immer dankbar. Er lobt das für ihn beglückende Verhältnis zum Kirchenmusikdirektor und revanchierte sich 2005 mit der Passionsmusik zur Sterbestunde Jesu, seiner persönlichen Wiedergeburt! Seitdem begleitet er die Jugendkantorei des Wurzener Doms und spielt immer zu Silvester in der Wenceslaikirche. Diesmal reichten die Plätze nicht aus, es mussten zusätzlich Stühle, ja Bänke heran geschafft werden.

Von Haig Latchinian

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