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Thallwitz: Eingeschlossen im Wasserwerk

Thallwitz: Eingeschlossen im Wasserwerk

Ein Wasserwerk ist keine Insel. In der Nacht zum 3. Juni ändert sich das am Wasserwerk Thallwitz-Kollau aber schlagartig. Das mehrstöckige Gebäude, erhöht gebaut, wird nach einem Dammbruch von den Fluten der Mulde umschlossen.

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Hielten abgeschieden von der Außenwelt die Stellung: Die Techniker im Wasserwerk Thallwitz stellten die Trinkwasserversorgung sicher. In der Steuerwarte Maschinist Udo Grabsch und Kollege Claus Schober.

Quelle: Dirk Knofe

Thallwitz. Maschinist Udo Grabsch (33) campiert eine Woche lang an seinem Arbeitsplatz, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Danach räumt er seinen nassen Keller auf und fährt zu einer Schulung. LVZ schildert er den extremen Diensteinsatz.

"Pack' ein paar Sachen ein, es könnte etwas länger dauern", sagt Teamleiter Hans-Joachim Reinke von den Kommunalen Wasserwerken Leipzig (KWL) am Nachmittag des 2. Juni, als er Udo Grabsch per Handy erreicht. Eigentlich hätte der Bad Dübener an jenem Sonntag schon auf dem Weg nach Tirol sein können, Wanderurlaub. "Aber das hatte sich zerschlagen", sagt Grabsch. Also schnappt er seine Reisetasche, verstaut einen Schlafsack und eine Matratze im Auto und fährt los. Die belegten Brötchen vergisst er auf dem Küchentisch.

Regen peitscht unaufhörlich über Dächer, Felder, Städte. Der Sonntag ist der erste echte Land-unter-Tag in einer langen Reihe von Land-unter-Tagen in Sachsen. Katastrophenalarm im Landkreis Leipzig und Nordsachsen.

"Vielleicht hatte ich die Sache ein wenig unterschätzt", sagt Grabsch, der seit 2003 im Werk bei Thallwitz arbeitet. Todmüde rollt er sich gegen 23 Uhr auf sein Schlaflager. Auch wenn die Tür zur dem kleinen Raum im historischen Wohntrakt des Gebäudes geschlossen ist, hört man das tiefe Brummen der Maschinen. Sein Kollege Jürgen Beyer (59), der die nächsten Tage mit ihm im Gebäude Dienst schieben wird, hält Nachtwache.

Tagsüber haben sie mit Helfern einen Sandsack-Damm am Auslauf des Sammelbrunnens auf dem Gelände geschichtet. "Als ich um vier Uhr wieder aufgestanden bin, war alles überflutet", erinnert sich der Techniker. Der Mulde-Deich bei Thallwitz bricht in der Nacht zwischen 2 und 3 Uhr auf einer Länge von 70 Metern, und der Fluss bahnt sich mit Gewalt einen Weg über das Brunnenareal der Kommunalen Wasserwerke bis in die Ortschaft Kollau. Vom ersten Stock aus kann Grabsch sehen, wie stark die Strömung ist - dort, wo kurz vorher noch Wiese war.

Ein kleiner Teil der Brunnenfassungen, die besonders nah am Muldeufer liegen, sind bereits vorsorglich von den KWL außer Betrieb genommen worden. Doch der größere Teil liefert weiter sogenanntes Rohwasser für den Sammelbrunnen, der durch ein Gebäude und noch mehr Sandsäcke geschützt ist. Von dort wird das wertvolle Nass zur Aufbereitung ins Werk gehoben. Überspült Muldewasser die Fassungen, sinkt die Qualität des Rohwassers. Ab jetzt sind Grabsch und Beyer quasi rund um die Uhr gefragt. "Fast permanent klingelte das Telefon", sagt der Maschinist.

Immer wieder kontrollieren die Männer den Anteil der Trübstoffe im Wasser. "Ein wichtiger Indikator", erklärt Grabsch. Weil Wasserproben aus dem Insel-Werk Thallwitz nicht nach Leipzig ins Labor transportiert werden können, sichern Kollegen im benachbarten Canitz über einen Hydranten die Proben. Die KWL wollen kein Abkochgebot für Leipzig und weitere versorgte Gemeinden im Leipziger Land riskieren.

90 000 Kubikmeter Wasser pro Tag halten den Ballungsraum Leipzig am Leben. Die Wasserwerke in Naunhof sowie Canitz und Thallwitz sichern normalerweise den Bedarf, bei Problemen kann die Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz diese ausgleichen. Die Situation ist nicht einfach: Während des Hochwassers laufen alle KWL-Wasserwerke zeitweise eingeschränkt. Thallwitz fördert sonst bis zu 24 000 Kubikmeter Wasser pro Tag. Jetzt drosseln Grabsch und sein Kollege die Menge auf bis zu 13 500 Kubikmeter. Dafür vervielfachen sie den Chloranteil, erhöhen so die Desinfektion. Technische Mittel sollen verhindern, dass zu viele Trübstoffe in die Aufbereitung gelangen.

Literweise trinken die Männer Kaffee, um munter zu bleiben. In der kleinen Küche gibt es Würstchen und Kartoffelsalat. Ein paar Konserven, Brötchen und ein Glas Marmelade gehören zu den Vorräten. "Manchmal habe ich schon gedacht, hoffentlich reicht das. Wenn man nicht genug isst, wird man leicht müde", sagt Grabsch. Am Mittwoch schicken die KWL einen Kleinlaster zu den Eingeschlossenen. Jürgen Beyer wird vom Kollegen Claus Schober (60) abgelöst. Außerdem bringt das Fahrzeug frische Lebensmittel. "Da haben wir uns erstmal ein schönes Schnitzel gebraten", schmunzelt Grabsch.

Arbeiten, Essen, Schlafen. Alles andere rückt in den Hintergrund. "Ich habe gedacht, das müssen wir jetzt aussitzen. Ich hatte doch nicht wirklich was auszustehen. Nicht im Vergleich mit all denen, die das Hochwasser getroffen hat", zieht er Bilanz. Mit der Familie hält er per Handy Kontakt, übers Internet schauen die Wasserwerker, wie die Flut das ganze Land in Atem hält.

Ihre größte Sorge: Was, wenn der Strom im Werk abgeschaltet wird? Dann müssen sie das Wasserwerk Thallwitz komplett herunterfahren, sind sich Grabsch und Schober einig. Mit der Notstromversorgung läuft der Leitstand noch, aber für das Pumpensystem reicht die Versorgung nicht. Dann wäre ihr Ausharren umsonst gewesen.

Draußen spitzt sich gegen Ende der Woche die Lage zu. Die Überflutung der Brunnenanlagen der KWL soll beendet werden. Die Zeit drängt, wenn die Wasserqualität nicht so leiden soll, "dass unsere technischen Möglichkeiten nicht mehr greifen", sagt die KWL-Geschäftsführung. Es wird ein Kraftakt. Hunderte Freiwillige folgen dem Aufruf der Wasserwerke, den auch LVZ-Online verbreitet, unterstützen das THW und füllen in Canitz Sandsäcke. Ein Hubschrauber der Bundeswehr transportiert die Last, der Mulde-Deich wird gestopft.

Am Freitag, 7. Juni, ist um 15 Uhr der außergewöhnlichste Diensteinsatz von Udo Grabsch beendet. Der Maschinist fährt nach Hause. "Am meisten habe ich mich darauf gefreut, wieder im eigenen Bett zu schlafen", sagt er. Dass im Keller das Wasser steht, kann er verschmerzen: "Da habe ich eben mal ausgemistet", sagt er. Der Mann scheint in jeder Situation der Typ "Fels in der Brandung" zu sein. Eine freudige Überraschung gibt es auch für den Hobby-Segler: Der Hafenmeister hat seine Jolle am Muldestausee gerettet.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.07.2013

Evelyn ter Vehn

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