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Totgesagte leben länger: Röcknitzer Handballtrainer Rolf Ziegler feiert 90.

Hoch betagter Übungsleiter Totgesagte leben länger: Röcknitzer Handballtrainer Rolf Ziegler feiert 90.

Ist er nun der älteste Handballtrainer Sachsens, Deutschlands oder gar der Welt? Ein Fall für Außenseiter-Spitzenreiter. Wie auch immer: Der bei seinen Mädchen beliebte Rolf Ziegler feierte jetzt 90. Geburtstag und ist als Übungsleiter in Röcknitz bei Wurzen selbst im hohen Alter nicht wegzudenken.

In der Sporthalle Röcknitz trainieren die Handball-Mädchen mit dem ältesten Handballtrainer Deutschlands: dem 90-jährigen Rolf Ziegler und Unterstützung von Cheftrainerin Heike Sprung.

Quelle: Thomas Kube

Wurzen/Röcknitz. Er schlich sich nach zuletzt drei Herzinfarkten nicht einfach davon: Rolf Ziegler hüpfte dem Tod stattdessen immer wieder von der Schippe! Engelsgleich. Mit elastischen Beinen. Trotz Dauerschmerz im Knie.

Totgesagte leben länger. An jenem 12. April 1945 wurde er als gefallen gemeldet. Seine Mutter in Leipzig ging ein Dreivierteljahr in Schwarz. „Hier, sehen Sie, mein Grabstein in Heimburg bei Wernigerode“, sagt der Senior und zeigt ein vergilbtes Foto. Die Inschrift: „Hier ruhen 18 deutsche Soldaten.“ Einer von ihnen war offiziell Rolf Ziegler, der aufgeweckte Gymnasiast, begeisterte Turner und Handballer.

Als Rolf Ziegler 1983 seinen Trabi bekam, fuhr er mit Ursula sowie den Söhnen Michael und Thomas als erstes an „sein Grab“ und machte das Foto, das er noch lange ansieht – wortlos. Die Worte fehlen ihm auch, wenn er ans Wiedersehen denkt, damals mit seiner Mutter. Doch das ist lange her. Heute wird gefeiert. Sein 90. Geburtstag. In der Turnhalle von Röcknitz, irgendwo bei Wurzen. Sogar das Fernsehen ist da. Außenseiter-Spitzenreiter dreht einen Film über ihn, den „ältesten Trainer Deutschlands“.

Die Erben von Hans-Joachim Wolfram und Hans-Joachim Wolle kommen nicht mit leeren Händen. Sie überreichen dem Geburtstagskind das signierte Trikot von Nationaltorwart Andreas Wolff. Rolf, der graue Wolff, streift es sich sofort über und absolviert darin die Trainingseinheit mit seinen Mädchen.

Torhüterin Jessica Roth und Rückraumspielerin Eileen Schweingel, beide 17, lieben ihren „kleinen Opa“, wie sie den Übungsleiter nennen: „Er hat Taschentücher dabei, wenn die Nase läuft. Traubenzucker, wenn die Kraft nachlässt. Tabletten, wenn der Kopf schmerzt.“ Extra zum Geburtstag des Trainers studierte die A-Jugend vom TSV 1953 Röcknitz eine Kombination ein: „Wir reißen Lücken am Kreis, damit Eileen von hinten freie Bahn hat und werfen kann.“ Sinnigerweise trägt der Schachzug den Codenamen Rolf. Das letzte Spiel der Saison verlegten die Röcknitzer eigens auf den Geburtstag ihres Übungsleiters – und gewannen 29:27 gegen MoGoNo, Motor Gohlis-Nord. Damit ist der TSV verdienter Meister der Kreisliga Leipzig.

Rolf Ziegler ist stolz auf die Handballerinnen. Beinahe jede kommt aus einem anderen Dorf der Region – aus Röcknitz, Böhlitz, Mockrehna, Wildschütz, Falkenhain, Thallwitz, Zschorna, Thammenhain, Nischwitz. Dienstags und donnerstags ist Training. Auch wenn er nicht mehr hin und her renne, so könne er seinen Schützlingen immer noch was beibringen – Schusstechnik, Laufwege, Motivation.

Schon Vater Hugo war Handballtrainer. Weil er früh starb, musste der Sohn die Schule eher verlassen. Er, der unbedingt Lehrer werden wollte. Und es auch wurde. Nach dem Studium ging er zunächst nach Kühnitzsch, dann nach Böhlitz und schließlich nach Röcknitz. Er unterrichtete Deutsch und Sport, war Schulleiter und – vor allem Trainer.

Nick Roth (43) ist Vereinsvorsitzender des 116 Mitglieder starken TSV 1953 Röcknitz. „Handball ist unsere erfolgreichste Sektion.“ Musik in den Ohren von Rolf Ziegler. Er gehörte 1955 zu den Gründungsvätern der Abteilung Handball im Ort. 30 Jahre lang rockte Röcknitz die Liga. Für den Bezirksmeistertitel kamen eigentlich nur zwei Teams in Frage: der hoch favorisierte Sportclub Leipzig und der Dorfverein aus der Wurzener Provinz. Handball wurde in Röcknitz auf dem Hartplatz und unter freiem Himmel gespielt. Als in den 70er-Jahren die halbe Frauen-Nationalmannschaft in Röcknitz spielte, drängten sich mehrere Hundert Zuschauer an der Seitenlinie. Jedes erste Maiwochenende stiegen große Pokalturniere mit sämtlichen Bezirksmeistern der DDR, ab 1968 sogar mit internationaler Beteiligung. Rolf Ziegler delegierte etliche Spielerinnen in die Bezirksauswahl, zu Spartakiaden und zum SC Leipzig. Ein Mädchen aus Zwochau schaffte es sogar in die Nationalmannschaft.

1985 musste Ziegler kürzer treten. Die Beine! „Ich konnte nur noch höchstens 20 Minuten stehen, musste schließlich ins Krankenhaus. Mein Zimmergenosse war froh, wenn seine Frau am Sonntag vorbeischaute, ich dagegen hatte jeden Tag Besuch, mal zwei, drei Mädchen, mal zwei, drei Jungs – meine Handballer eben.“

Heike Sprung (45) ist die verantwortliche Trainerin der A-Juniorinnen. Die gebürtige Dresdenerin war einst Leistungssportlerin, spielte 1985 bis 1988 unter anderem für den TSC Berlin. Der Liebe wegen zog sie im Millenniumsjahr nach Röcknitz und brachte neuen Schwung in die alte Handballhochburg. Zunächst trainierte sie zusammen mit Günther Schweingel, seit 2009 ist der wieder genesene Rolf Ziegler ihr Co. Heike Sprung ist überglücklich, „dass sich ein so verdienstvoller älterer Herr mit uns Jungschen abgibt“. Er sei hundertprozentig bei der Sache. Gerade bei Punktspielen müsse sie ihn eher bremsen. „Er hat immer seine Karteikarten dabei, ist ein echter Taktikfuchs.“ Das kann auch LVZ-Sportberichterstatter Wilko Finke bestätigen: „Ich selbst erlebte ihn noch bei Pionier- und FDJ-Pokalturnieren in der Stadtsporthalle Wurzen. Er hatte sich auf die jeweiligen Gegner immer genau vorbereitet, um seine Mannschaften bestens einzustellen.“

Die Röcknitzer Vereinsführung plant auch weiter mit Trainerlegende Ziegler. „Solange sich Rolf gesund und fit fühlt, ist er im Team unverzichtbar. Er fährt ja sogar noch mit dem Auto zum Training.“

Ob er mit seinen 90 Jahren nun der älteste Übungsleiter von Sachsen, Deutschland oder gar der Welt ist – wir erfahren es spätestens in der nächsten Sendung von Außenseiter-Spitzenreiter. So viel sei gesagt: Der Deutschlandfunk berichtete erst kürzlich über den ältesten aktiven Fußballtrainer, der Welt! Er heißt Rudi Gutendorf und bekleidet bei seinem Heimatverein TuS Koblenz derzeit die Rolle des Ehrentrainers – für das Team mit Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Sein Alter? 90.

Von Haig Latchinian

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