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Türmchen auf der Watzschwitzer Scheune

Türmchen auf der Watzschwitzer Scheune

Wenn Watzschwitz auch keine Kirche hat, so doch zumindest eine kleine Kapelle. Das jedenfalls vermutet der arglose Reporter, als er sich dem Vorort der Hohburger Schweiz nähert.

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Sichtlich stolz: Familienoberhaupt Klaus Grosch hält das Türmchen auf der Scheune in Ehren.

Quelle: Haig Latchinian

Lossatal/Watzschwitz. Bereits von weitem grüßt das Zwiebeltürmchen mit gotisch anmutenden Spitzbogenfenstern und güldener Wetterfahne.

Jacobspilger in und um Wurzen, die womöglich auf Abwege geraten und sich genau wie der Reporter nach Watzschwitz verirren, muss Hausherr Klaus Grosch jedoch enttäuschen: "Die nächste Kirche gibt's erst wieder in Müglenz. Ich kann nur mit einer Scheune dienen." Der 70-jährige einstige Traktorist der LPG Albert Kuntz Hohburg, der später "auf der Pflanze" in Wurzen Ost gearbeitet hatte, ist sichtlich stolz auf seinen weitgehend sanierten Dreiseithof mit Wohnhaus, Seitengebäude und eben Scheune. "1910 war die Scheune abgebrannt. Mein Großvater Richard baute sie in nur wenigen Monaten wieder komplett auf. Dabei halfen ihm die Bauern aus dem ganzen Dorf, die Sand und Holz herbei schafften. Im Frühjahr ging die Scheune damals in Flammen auf, schon im Herbst konnte wieder Stroh eingelagert werden. Eine echte Meisterleistung!"

Bei der Sanierung der Scheune habe er es sich in der Neuzeit nicht leisten können, auf die viel zu teuren Biberschwänze zurück zu greifen, sagt Klaus Grosch. Dafür aber rettete er mit viel Liebe zum Detail das über 100-jährige Türmchen auf der Scheune: "Unser Sohn Silvio kletterte in luftige Höhen und setzte zu guter Letzt noch die Wetterfahne auf. Das war ziemlich riskant, er musste sich sogar angurten."

Die Wetterfahne zeigt ein Pferd - deshalb, weil Silvios Schwester Yvonne aber auch seine Partnerin Corinna begeisterte Reiterinnen sind. Die Einfassung aus Alublech ist genauso neueren Datums wie die verzinkte Haube und das Glas der Spitzbogenfenster. Original aus Großvaters Zeiten ist dagegen noch das hölzerne Mittelteil, in das die acht Fenster - in jede Himmelsrichtung zwei - gearbeitet sind. Klaus Grosch und seine Frau Angelika bitten ins Wohnhaus. Hier zeigen sie ein uraltes Gemälde mit der Ansicht des Hofes im Jahr 1913: "Gut zu sehen mein Vater Alfred mit Schulranzen. Er steht links vorm Hoftor. Auf der anderen Seite, das ist seine Schwester Hilma mit Puppenwagen", sagt das Familienoberhaupt.

Auf die Frage des Reporters, ob man denn nicht mal in das Türmchen hoch klettern könne, rät Klaus Grosch zunächst ab, gibt sich dann aber doch einen Ruck: "Eigentlich ist das ja kein Beobachtungsturm. Aber natürlich, man hat eine tolle Aussicht - Hohburger Berge, Kühnitzscher Schloss, Müglenzer Kirche."

Als Kind habe er im Dachboden gern Hasche gespielt, sagt der 70-Jährige und führt zunächst eine bequem zu besteigende Treppe hinauf. Unterwegs berichtet er darüber, dass er sich beim Decken des Daches anstelle der Biberschwänze für mehrere große Blechteile mit schon vorgefertigten Ziegeln entschieden habe. Während es im Innern der Scheune nun über Balancierbalken immer höher geht, erzählt der Rentner von vier Glöckchen die zu Großvaters Zeiten noch am Zwiebeltürmchen befestigt waren. "Nee, geläutet wurde da nicht, die hingen wirklich nur als Schmuck da." Dafür bekommt der Reporter nun gehörig eins vor die Glocke. Weil er all zu sehr nach unten stiert, rammelt er sich den Kopf an einer Querstange. "Oh, was war denn das?", fragt der voraus laufende Hausherr. Als er die Beule seines Begleiters von der Presse sieht, sagt er: "Bis Sie heiraten, ist es wieder gut."

Fast ganz oben angekommen, ist ein Blick direkt unter die Haube des Türmchens möglich. Dort hängt ein Herrnhuter Stern, der in der Adventszeit leuchtet und somit weithin von der Geburt Jesu kündet. Diese ereignete sich vor über 2000 Jahren ja schließlich auch in einem Stall, so gesehen ist die Scheune in Watzsch' schon auch eine Art Gotteshaus.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2013

Latchinian, Haig

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