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Wurzen Überfälle in Wurzen – Ermittlungen bringen kaum Ergebnisse
Region Wurzen Überfälle in Wurzen – Ermittlungen bringen kaum Ergebnisse
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15:59 08.01.2019
Lwam Estifanos war im achten Monat schwanger, als sie in Wurzen von zwei maskierten Männern angegriffen und rassistisch beleidigt worden sein soll. Quelle: Frank Schmidt
Wurzen

Es hieße immer, die Polizei ermittele, der Staatsschutz würde eingeschaltet – am Ende verlaufe eh nur alles im Sande. Ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, der namentlich nicht genannt werden wollte, beschwerte sich gegenüber der LVZ über die in seinen Augen nachlässige Justiz.

Die Wurzener Tätlichkeiten auf der Dresdener Straße mit mehreren zum Teil schwer Verletzten jährten sich demnächst, Ergebnisse stünden jedoch nach wie vor aus. „Schlimmer noch. Ein junger Mann, um den ich mich kümmere und der in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar verletzt wurde, ist noch nicht einmal angehört worden – ein Skandal!“

Am 30. Juli 2018 erkundigte sich die LVZ bei der Pressestelle der Polizeidirektion (PD) Leipzig schriftlich über den Stand der Ermittlungen zu vier besonders dramatischen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit in Wurzen. Nur einen Tag später kam die Antwort von Uwe Voigt, Pressesprecher der PD. Seine Behörde könne zu den angeforderten Vorkommnissen keine Auskünfte erteilen. Er verwies an die zuständige Staatsanwaltschaft Leipzig.

Auseinandersetzungen in der Dresdener Straße

Die LVZ leitete die Anfragen an die Staatsanwaltschaft weiter und erhielt am 4. Januar 2019 Antwort: So seien die umfangreichen Ermittlungen zu den blutigen Ereignissen in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar noch nicht abgeschlossen. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt seien immer noch mit den Untersuchungen beschäftigt. Wie berichtet, waren in der Nacht Einheimische und Asylbewerber aufeinander losgegangen. Beide Lager beschuldigten sich im Nachgang gegenseitig. Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz: „Es kann schon sein, dass der eine oder andere noch nicht gehört wurde. Dennoch waren wir in dem Fall nie untätig. Es existieren schon mehrere Aktenordner.“

Sturm auf die Pizzeria

Abgeschlossen sind hingegen die Ermittlungen rund um den 26. August 2016, als Asylbewerber eine Wurzener Pizzeria stürmten. Ricardo Schulz: „Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat gegen vier Beschuldigte Anklage wegen des Tatvorwurfs des Landfriedensbruchs und der gefährlichen Körperverletzung zum Amtsgericht Grimma erhoben.“ Zwei jugendliche Beschuldigte müssten sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung vor dem Jugendrichter verantworten. Die Ermittlungsverfahren gegen sechs weitere Beschuldigte seien eingestellt worden. Bei ihnen bestehe kein hinreichender Tatverdacht, hieß es.

Die Angeklagten sind ausnahmslos Ausländer. Der Gewaltausbruch sorgte seinerzeit für Entsetzen in Wurzen. Es gab eine Kundgebung und eine Spendenaktion für den Inhaber der Pizzeria. Chronik LE, die „Dokumentation faschistischer, rassistischer und diskriminierender Ereignisse in und um Leipzig“ notierte unter 26. August 2016: „Mehrere Gäste einer Pizzeria greifen einen Asylsuchenden aus Marokko an. In der Öffentlichkeit wird der Vorfall zu einem ,Überfall durch Asylbewerber’ aufgebauscht, ohne jedoch genauere Hintergründe zu kennen.“

Schwangere Frau aus Eritrea erstattet Anzeige

Für überregionales Aufsehen sorgte am 23. Februar 2018 die Berichterstattung über eine junge schwangere Frau aus Eritrea, die gegenüber den Behörden angab, in Wurzen von Vermummten beleidigt und geschlagen worden zu sein. Dazu die Staatsanwaltschaft: „Das wegen der Tatvorwürfe der gefährlichen Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung geführte Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, da ein Täter nicht ermittelt werden konnte.“

Maskierte zertrümmern Schaufenster

Ebenfalls eingestellt wurde das Verfahren in Bezug auf den nächtlichen Überfall auf Gaststätten in Wurzen, deren Inhaber zuvor die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisierten. Es habe kein Täter ermittelt werden können. Wie berichtet, zertrümmerten am 6. April 2018 maskierte Täter die Scheiben der Lokale und vergossen eine übel riechende Flüssigkeit. Im Internet tauchte zeitnah ein Bekennerschreiben aus der linksextremistischen Szene auf. Darin übernahmen die anonymen Verfasser die Verantwortung dafür, die Lokale „angegriffen und unbegehbar gemacht“ zu haben. Sie enden mit der Forderung: „Kampf dem Faschismus in den Köpfen und auf der Straße!“

Sorge bei Flüchtlingen

Der eingangs zitierte Flüchtlingshelfer bedauert die aktuelle Messerstecherei in Beucha zutiefst. Er sei in Gedanken bei dem Opfer und wünsche ihm baldige Genesung: „Sie können es mir glauben – am meisten leiden die vielen vernünftigen Flüchtlinge unter solchen Meldungen.“ Jeder müsse nun fürchten, in einen Topf mit Kriminellen geworfen zu werden. Sie wüssten, dass es für sie nun noch viel schwerer würde: „Obwohl sie Tag für Tag um Integration bemüht und völlig unbescholten sind, spüren sie, dass die Ablehnung ihnen gegenüber größer wird.“

Von Haig Latchinian

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