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Vietnam ist besser als sein Ruf – Borsdorfer Autorin rückt Land und Leute in Szene

Länderporträt Vietnam ist besser als sein Ruf – Borsdorfer Autorin rückt Land und Leute in Szene

Borsdorferin wirbt für Vietnam 2.0Die Borsdorferin Heike Baldauf (57) kennt Vietnam seit ihrer Kindheit. Ungezählte Male war sie in dem Land, deren Bewohner sich noch heute von einem der verheerendsten Kriege erholen. Inzwischen macht Baldauf Werbung für Vietnam in Deutschland.

Schwimmendes Zuhause: Sampan auf einem See in Yen Bai, Nordvietnam.

Quelle: Heike Baldauf

Borsdorf/Hanoi. Sie sind fleißig und bescheiden, ihr hastiger Tippelschritt erinnert beinahe an den der Primaballerina im „Schwanensee“. Ob in Gemüsegeschäft, Nagelstudio oder Schnäppchenmarkt – in unbeobachteten Momenten wirken sie traurig, in sich gekehrt, fast scheu. Sobald aber ein Kunde kommt, strahlen die Vietnamesen übers ganze Gesicht. Das Lächeln vergeht ihnen nicht einmal, wenn Scheiben zu Bruch gehen oder sie fälschlicherweise als gleichnamige Angehörige eines Inselstaates im Südpazifik herhalten müssen. Sie trösten sich damit, dass es ihrer Meinung nach meist nicht böse gemeint sei. Ein Obstverkäufer in Wurzen erklärt es sich so: „Viele sagen Fidnamm. Daraus wird dann Fidschi, eine Art Spitzname.“

Heike Baldauf schämt sich in solchen Fällen für ihre deutschen Landsleute. Es sei unbedacht, zeuge oft vor allem von Unkenntnis, manchmal aber auch von Vorbehalten vermeintlich Fremden gegenüber. „Dabei sind viele der bei uns lebenden, jüngeren Vietnamesen auch hier geboren. Sie fühlen sich als Deutsche, werden aber von ihrem Umfeld als Asiaten wahrgenommen. Nicht wenige haben das Gefühl, in einer fremden Haut zu stecken.“ Die 57-jährige Borsdorferin ist Insiderin, hat jetzt ein Sachbuch über Vietnam geschrieben und veranstaltet deutschlandweit Lesungen. Die Autorin staunt immer wieder, wie wenig gerade die Ostdeutschen über ihr einstiges „Brudervolk“ wüssten.

 

Heike Baldauf lernte schon als Kind in Karl-Marx-Stadt ganz spielerisch Vietnamesisch: „Im Radio lief dieses vietnamesische Kinderlied. Der Sing-Sang ging mir nicht aus dem Sinn, wieder und wieder stimmte ich das Lied an und bald schon saß es.“ Es sollte der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für Land und Leute werden, die sich – ehe sie zur Liebe wurde – zunächst als Mitleid äußerte. Denn es war noch Krieg ... und Napalm keine exotische Palmenart.

Autorin Heike Baldauf (57) aus Borsdorf

Autorin Heike Baldauf (57) aus Borsdorf.

Quelle: Privat

Aß sie ihre Suppe nicht auf, hieß es: „Was würden die Kinder in Vietnam dazu sagen?“ Flaschen, Gläser, Altpapier sammelte sie nicht, um sich ein Eis zu kaufen, sondern um für Vietnam zu spenden. 1975 war „Saigon frei“. Heike Baldauf begann ihre Lehre. Bei Interdruck in Leipzig. Wie der Zufall es wollte, wurden in dem Vorzeigebetrieb der DDR auch Vietnamesen ausgebildet. Heike lernte Minh aus Hanoi kennen, beide wurden Freundinnen und sind es noch heute. Wenn die Borsdorferin ihre Reisegruppen durch Vietnam führt, ist meist auch Minh dabei. Keine Tour ohne ein Menü bei ihr zu Hause.

Ihre erste Reise nach Vietnam unternahm Heike Baldauf schon 1979, mit Jugendtourist und im Blauhemd: „Die Einheimischen hielten uns für Sowjets, entsprechend beliebt waren wir.“ Damals gab es überall noch Spuren des Krieges, die Tunnelsysteme, die Schutzlöcher, die Bombenkrater: „In Vietnam fielen mehr Bomben als im gesamten Zweiten Weltkrieg.“ Die junge Sächsin erfuhr Wissenswertes zum Ho-Chi-Minh-Pfad, über den die Befreiungsarmee die Munition in den Süden schmuggelte – „auch auf Diamant-Fahrrädern aus Karl-Marx-Stadt“, betont sie. Wieder daheim, wollten all ihre Kollegen wissen, wie es war. Um es nicht jedem einzeln erzählen zu müssen, schrieb sie eine Reportage für die Betriebszeitung. So gut, so gekonnt, so anschaulich, dass sie gefragt wurde, ob sie fortan nicht dauerhaft schreiben wolle. Also tippte sie weiter für die Betriebszeitung. Bis 1990. Dann wagte sie den Quereinstieg als Redakteurin bei der LVZ. Dort arbeitete sie bis 2004 und machte sich danach selbstständig.

Die Mutter zweier erwachsener Kinder zog es immer wieder nach Vietnam. In einem inzwischen abgelaufenen Pass zählte sie allein 29(!) vietnamesische Einreisestempel. Sie veröffentlichte Beiträge über die erste deutsch-vietnamesische Universität in Saigon und die bei Touristen beliebte Ha Long-Bucht im Norden: „300 Boote fahren dort pro Tag aufs Meer, es gibt Höhlen, Kalkberge und schwimmende Dörfer. Was dagegen kaum jemand weiß: Gleich um die Ecke wird Kohle in Größenordnungen abgebaut. Deutsche Ingenieure engagieren sich dort sehr.“ Nicht überall geht es so vergleichsweise sauber zu: Andernorts wurden Anfang April 2016 Millionen toter Fische an Land gespült. Ein Desaster nicht nur für Umwelt und Fischerei, auch für den Tourismus. Taucher entdeckten ein Abwasserrohr, das vom taiwanesischen Stahlunternehmen Formosa Ha Tinh Steel Company direkt ins Meer führt. Die Vietnamesen empörten sich über das Verhalten der Firma und die Sprachlosigkeit der Regierung. „Künstler schrieben Gedichte und Lieder. Junge Leute stellten ihre Videoclips und Fotos online. Ein halb nackter Mann, übertüncht mit weißer Farbe – weiß steht in Vietnam für Trauer – lief mit einem toten Fisch im Mund durch die Straßen. Andere legten sich an den Strand und formten mit ihren Körpern das Symbol für Fisch.“

Besonders die Mitte Vietnams ist nach wie vor vermintes Land. Für den MDR drehte Heike Baldauf den Film „Böse Spiele in Quang Tri“. Streubomben, braun wie die Erde und groß wie Tennisbälle, fordern noch immer Menschenleben. „An meiner Seite war Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel, der sich seit Jahren für die Beräumung stark macht. An dem Tag, als wir ankamen, zerfetzte die Munition drei Kinder beim Büffelhüten.“

Und doch schaue das junge Vietnam (70 Prozent unter 35 Jahre) nach vorn. Mancher Bombentrichter sei geflutet und diene nun der Entenzucht, die Märkte seien bunt und die Straßen voller Mopeds. Nach bitterlicher Hungersnot 1985/86 und daraufhin eingeleiteter Perestroika „in den Farben Vietnams“ boome das nach wie vor sozialistische Land. Das stabile Wirtschaftswachstum von sechs Prozent bescherte nun auch dem letzten Bauern ein schickes Handy.

Alt und schön

Alt und schön: Die Gegend am Truc-Bach-See in Hanoi.

Quelle: Heike Baldauf

Heike Baldauf berichtet vom Vietnam 2.0. Die alte um den Hoan-Kiem-See quietschende Straßenbahn, die im biederen Einheits-Schwarz-Weiß gekleideten Menschen – es war einmal! Die Mittelschicht wächst. Im Durchschnitt hat sie ein bis zwei Häuser und als Statussymbol ein Auto – auch wenn es die meiste Zeit steht. Beeindruckende Landschaften, faszinierende Kolonialstädte, dazu Schuhmacher, die – sobald sie Deutsch hören – sogar schon mal auf ihren Lohn verzichten: „Ihr habt uns im Krieg so geholfen!“ Baldauf bedauert, dass das Reiseland Vietnam noch immer im Schatten etwa von Thailand steht. Mit Wohlwollen beobachtet sie, wie die Vietnamesen immer mehr aus ihrer Deckung kommen – in Vietnam, aber auch in Deutschland: „Lange Zeit hatten sie geglaubt, chinesische Küche anbieten zu müssen, um erfolgreich zu sein. Das hat sich gewandelt, immer mehr setzen mittlerweile auf Hanoi-Cuisine.“ Während Vietnamesen früher vor allem als Zigarettenhändler von sich reden machten, seien sie inzwischen nicht selten Chefs mittelständischer Unternehmen mit bis zu 100 Angestellten. „Ein Vietnamese würde so schnell nicht aufs deutsche Arbeitsamt gehen. Auch wenn er studiert hat, ist er sich nicht zu schade, Obst und Gemüse zu verkaufen, früh morgens in den Großhandel zu fahren und bis spät abends im Laden zu stehen.“

Für die Kinder würden die Vietnamesen ihr letztes Hemd geben, sagt Heike Baldauf. Sie seien die Zukunft. An Wochenenden büffelten die Eltern mit ihren Kindern oft Vietnamesisch: „Sprechen können es die Kinder zwar, aber mit dem Lesen und Schreiben hapert es noch.“ Vietnamesische Kinder seien in der Regel sehr gute Schüler. Heike Baldauf kennt ein Beispiel aus Wurzen: „Dort kümmert sich eine deutsche Rentnerin seit vielen Jahren um die Kinder eines vietnamesischen Händlers. Während die Eltern im Laden stehen, beaufsichtigt sie die Kinder bei den Schularbeiten. Die wiederum kaufen für die Gehbehinderte ein.“ Der vietnamesische Kaufmann macht der Wurzener Dame ein Riesenkompliment: „Sie ist wie eine Mutter zu unseren Kindern!“

Von Haig Latchinian

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