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Vogelfreund Jens Müller führt einmal monatlich zum Kohlenberg

Naturschutz Vogelfreund Jens Müller führt einmal monatlich zum Kohlenberg

Nichts kann ihn schrecken: Weder „Jahrtausendflut“ 2002 noch überraschend aufkreuzende Wildschweine verhinderten bisher auch nur eine seiner fast 300 geführten Wanderungen am Brandiser Kohlenberg. Vogelfreund Jens Müller macht seit über 20 Jahren mit dem Gesang seiner gefiederten Lieblinge vertraut.

Jens Müller bei Beobachtungen auf dem Kohlenberg.

Quelle: Thomas Kube

Brandis. Die Gäste, besonders jene von weiter her, sollten nicht verschreckt werden: Also änderten die Stadtväter kurzerhand die ursprüngliche Postanschrift der Brandiser Klinik – aus „Am Kohlenberg“ wurde „Am Wald“. Klingt doch gleich viel besser, eben nicht nach rauchenden Schloten, sondern berauschender Idylle, findet Naturfreund Jens Müller, der ohnehin immer das Ohr am Berg hat.

Tatsächlich ist es schon lange her, dass besagte Kohle in einiger Entfernung des 179 Meter hohen Berges aus Pyroxengranitporphyr abgebaut und im Silikatwerk verarbeitet wurde, so der Ur-Brandiser. Seit reichlich 20 Jahren führt er einmal monatlich bis zu 30 Gleichgesinnte durch das ausgedehnte Waldgebiet des einstigen Steinbruches, von dem aus Wanderer herrliche Fernsichten auf Leipzig genießen. Als Mitglied der Falkenhainer Vogelkundler haben es dem 48-Jährigen jedoch besonders die gefiederten Meistersinger angetan. Die Mönchsgrasmücke etwa, die zunächst müde daher plappert, um wenig später ihr bekannt furios-flottes Lied anzustimmen. Oder der Zilpzalp, der Weidenlaubsänger, der pausenlos Werbung in eigener Sache betreibt und immer wieder seinen Namen zum Besten gibt: Zilp-Zalp, Zilp-Zalp. Genau hinhören muss dagegen, wer den Gesang des bescheideneren Rotkehlchens hören will, das sich alles andere als in die erste Reihe des Waldensembles drängt.

Jens Müller, der etwas andere „Konzertkenner“, der sich auch von überraschend auftauchenden Wildschweinen nicht schrecken lässt, wurde bereits mit dem Muldentaler Heimatpreis ausgezeichnet, zusätzlich noch mit dem Brandiser Ehrenamtspreis. Von Kindesbeinen an durchstreift der heutige Kreisnaturschutzbeauftragte sein Paradies für Kletterer, Taucher und eben Vogelfreunde. „Als kleiner Junge, mit Fernglas bewaffnet, hatte ich mich oft aufs Rad geschwungen und das inzwischen verschwundene Sumpfgebiet durchforstet. Es bestand damals noch aus zwei Teichen. Es gab jede Menge seltener Vögel: Kiebitz, Bekassine, Uferschnepfe. Ich zählte die Enten, beobachtete das Wetter und hielt alles im Buch fest, das ich immer am Mann hatte.“ Legendäre Naturschützer wie Siegfried Bauch und Gerhard Fröhlich entdeckten den Jungen, prägten ihn nachhaltig.

Als Jens Müller schließlich die Pfingstwanderung seines Naturfreundes Horst Anders in der Hohburger Schweiz erlebte, fragte er sich, warum er so etwas nicht auch mal in Brandis versuchen sollte. Gesagt, getan. Inzwischen sind seine frühen, etwa zweieinhalbstündigen Kohlenberg-Wanderungen eine Tradition, beliebt auch und vor allem bei den Patienten der nahen Klinik. Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur schlechte Kleidung. Nicht mal zur „Jahrtausendflut“ 2002 fiel die Tour ins Wasser. Trotz strömenden Regens und sprudelnder Bäche bahnte Müller seiner Gefolgschaft den Weg. Dies freilich war nur möglich, weil er bereits am Vortag kleinere und größere Stege in Position brachte. Auf mittlerweile fast 300 Exkursionen machte der Tausendsassa beileibe nicht nur mit Amsel, Drossel, Fink und Star vertraut. Neben fachkundigen Anmerkungen zu Goldhähnchen, Gimpel, Kleiber und Co. gibt’s auch immer jede Menge Heimatkundliches: Welcher „Außerirdische“ weiß schon, dass der Kammweg vorbei an einem birkenbestandenen Hügelgräberfeld aus der jüngeren Bronzezeit führt. Dass die Landschaft durch die Eiszeit geprägt ist und einst sogar die Mulde durch die breite Senke östlich des Berges floss. Oder dass sich im Ostbruch das erste Brandiser Stadtbad befand, zumindest solange, bis gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Munition des Flugplatzes Polenz dort versenkt, verbuddelt und gesprengt wurde. Und: Welcher Ortsunkundige hätte schon geahnt, dass sich zu Zeiten, als es noch richtige Winter und viel Schnee gab, „Todesmutige“ vom Kohlenberg ins Tal stürzten? Inzwischen erinnert nur noch eine Schneise an die einstige Skisprungschanze.

Am 25. Dezember (Treff 9.30 Uhr an der Klinik) bittet Müller zur nächsten Führung Richtung Kohlenberg. Nein „Kohle“ verlangt der Wanderführer von den Teilnehmern nicht. Das Naturereignis ist kostenlos, aber eben nicht umsonst. Eigentlich, so stellt Müller klar, leite sich der Name Kohlenberg eh vom slawischen Wort „Colm“ ab, das soviel wie Berg bedeutet. Wie auch immer, vielleicht wird aus Kohlenberg ja eines schönen Tages mal Kehlenberg, bei all dem Geträller aus vielen Tausend Goldkehlchen?!

Von Haig Latchinian

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