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Wurzen Weiterbildung: Akademiechef Friedrich geht mit Bedenken
Region Wurzen Weiterbildung: Akademiechef Friedrich geht mit Bedenken
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11:06 28.09.2018
Sein letzter Arbeitstag im Büro: Ab Montag genießt Thomas Friedrich das Rentendasein, will aber der Volkshochschule weiterhin als Dozent die Treue halten. Quelle: Thomas Kube
Wurzen

Thomas Friedrich fällt es nicht schwer, 44 Berufsjahre auf einen Nenner zu bringen: „Ich bin nahezu jeden Tag mit Freude auf Arbeit gegangen.“ Schließlich ist der 64-jährige Direktor der Weiterbildungsakademie des Landkreises Leipzig (WALL) von Hause aus Mathe- und Physiklehrer und demnach geübt im Umgang mit knappen Formeln. Selbst heute, an seinem letzten Tag im Büro. Ab Montag genießt er dann das Rentendasein als „dienstältester Mitarbeiter, der vom Kreistag gewählt wurde“.

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Geboren in Suhl, verbrachte Friedrich seine Kindheit am „Südhang des Thüringer Waldes“, woran bis jetzt sein rollendes „R“ erinnert. Mit 16 Jahren schloss er die Schule ab, wollte gern studieren. Jedoch blieb ihm das Abitur zunächst verwehrt, „da ich nicht Mitglied in der FDJ war“. Ein glücklicher Umstand half. „Wie heute suchte man damals Lehrer.“ Also legte Friedrich nur binnen eines Jahres seine Reifeprüfung ab und immatrikulierte an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Hier lernte er auch seine Frau Sabine kennen und folgte ihr nach Wurzen. „Mit 21 Jahren unterrichtete ich bereits Mathematik und Physik an der Diesterwegschule.“ Den Wechsel zur Volkshochschule (VHS) verdankte Friedrich indes einem Schlüsselerlebnis.

Lockruf des früheren VHS-Chefs Karl Klostermann

Seinerzeit warben Lehrer ihre Schüler für die Unteroffiziers- oder Offizierslaufbahn bei der Nationalen Volksarmee. „SED-Genossen erhielten hierfür sogar eine Prämie“ Als sich aus seiner Klasse einige Jungs mehr als sonst zum Militärdienst verpflichteten, sollte er auf Bitten seines Direktors vor den Kollegen einen Vortrag halten. Doch statt zu loben, kritisierte Friedrich die Verfahrensweise. „Einen Tag später erhielt ich Post vom Wehrkreiskommando und wurde für drei Monate zur Reserve gezogen.“ Schon deshalb folgte er 1986 dem Lockruf des früheren VHS-Chefs Karl Klostermann in die neue Arbeitsstätte. Zum Nachfolger sei er mit der Wende schlichtweg genötigt worden, „weil ich unverdächtig gewesen bin“. Die ersten Jahre danach zeichnete sich Friedrich nicht nur als Aufbauhelfer aus, sondern zugleich als Vorreiter. Denn Monate vor der Kreisreform 1994 forcierte Friedrich die Zusammenlegung der VHS Grimma und Wurzen zur VHS Muldental mit Verwaltungssitz in Wurzen. Wenig später begannen die Vorbereitungen zur Gründung eines kommunalen Eigenbetriebes. „Und zwar auf der rechtlichen Grundlage eines Reichsgesetzes aus dem Jahre 1936, da der Freistaat Sachsen erst eine geeignete Vorschrift erlassen musste.“

Volkshochschulen sind Wirtschaftsbetriebe – Musikschulen sind Bildungsstätten

Jenes Prozedere der Fusion vollzogen übrigens zum 1. Januar 2012 die beiden Musikschulen im Landkreis Leipzig. „Anfangs glaubten wir, dass dieser Schulterschluss ebenso gut wäre, was sich leider nicht bewahrheitet hat.“ Immerhin seien die Volkshochschulen vom Charakter her Wirtschaftsbetriebe und die Musikschulen hingegen staatliche Bildungsstätten.

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Friedrich zufolge verdoppelte die VHS ihren Umsatz und erwirtschaftet mittlerweile 70 Prozent der Kosten. Allein dadurch habe sich der Zuschussbedarf für den Landkreis Leipzig nur marginal erhöht. „Das aber wird mit der künftigen Struktur im Januar 2019 enden.“ Wie berichtet, beschloss der Kreistag kürzlich, die WALL, zu der die VHS Muldental und Leipziger Land gehören, sowie den Eigenbetrieb Musikschulen mit ebenfalls zwei Standorten unter einem Dach zu verschmelzen. „Das halte ich für äußerst bedenklich, findet auch nicht meine Zustimmung und hat genauso wenig mit meinem Ruhestand zu tun.“ Daher habe Friedrich zu keinem Zeitpunkt für die Pläne votiert, sondern sich vielmehr seinem Dienstherrn gegenüber loyal verhalten. „Ich war weder am Grundsatzbeschluss noch an der Erarbeitung der Satzung beteiligt.“ Bei alledem betont er: „Durch die Zusammenlegung der beiden Eigenbetriebe wird es keine Abstriche an den Bildungsinhalten, der Qualität oder Quantität geben.“ Darüber sei er froh.

Höchste Weiterbildungsdichte in Sachsen

Und worauf ist er in all den Jahren stolz? „Darauf, dass wir die höchste Weiterbildungsdichte im Freistaat Sachsen haben.“ Dass heute mehr als 50 000 Unterrichtsstunden angeboten werden. Dass mehr Einwohner die Volkshochschulen besuchen, als der Landkreis Oberschüler und Gymnasiasten hat. Dass dies aufgrund eines tollen Teams erreicht wurde. Und dass es flächendeckend 14 Außenstellen gibt. „Ich bin stolz auf das Angebot unserer Studienreisen, auf die deutschlandweit einzige Kooperation mit dem Jobcenter und hoffe natürlich, dass alles in Zukunft so erhalten bleibt.“

Friedrich schreibt Buch zum Steuer- und Rentensystem

Wohl auch deshalb will der 64-Jährige trotz Ruhestandes der VHS weiterhin die Treue halten – gern als Dozent für Weinseminare, bei der Holzverarbeitung mit Kindern oder Vorträgen im Seniorenkolleg. Nicht zuletzt warten auf Friedrich drei Enkel, im Keller eine Drechselmaschine und auf dem Schreibtisch das dritte Buch, welches unter dem Titel „Wenn möglich, bitte wenden“ Ende des Jahres in Druck gehen soll. Darin befasst sich Friedrich unter anderem mit dem „katastrophalen Steuer- und Rentensystem“ sowie der „Umgangskultur in der Politik“.

Von Kai-Uwe Brandt

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