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Wandergeselle macht in Wurzen Station

Wandergeselle macht in Wurzen Station

„Nein, nicht Zimmermann. Ich bin Tischlergeselle.“ Es klingt ein wenig, als hätte Moritz Diener diese Frage schon häufiger beantwortet. Tatsächlich ähnelt seine schwarze Kluft der der Zimmerleute.

Wurzen. Aber die braune Weste weise seinen Lernberuf aus, sagt er. Zumindest für Eingeweihte.

Seit zweieinhalb Jahren ist Diener schon auf der Walz. Jetzt verschlug es ihn nach Wurzen. Und im Rathaus holte er sich sein Walzgeld ab, jenen kleinen Obolus, den viele Gemeinden traditionell an die fahrenden Gesellen auszahlen. Außerdem gab es einen Stempel ins Wanderbuch. Eigens für die Handwerker hält Wurzen einen besonderen Stempel bereit, der Glück auf dem Weg verheißt.

Übernachtet hatte der Wandergeselle tags zuvor noch in Helmstedt. „Ein Brummi hat mich bis hierher mitgenommen.“ Aber auch die Muldestadt ist für ihn nur eine Zwischenstation, das Tagesziel heißt Riesa. „Auf der Walz sind öffentliche Verkehrsmittel verpönt.“ Anhalter oder Schusters Rappen gingen dagegen in Ordnung. An manchen Tagen kämen für ihn recht heftige Fußmärsche zusammen. Und die könnten in der brütenden Sommerhitze schnell mal zur schweißtreibenden Angelegenheit werden. So richtig luftig wirkt Dieners Kluft jedenfalls nicht. Und der „Charlottenburger“, ein Bündel aus verknoteten Tüchern, die an einem Riemen über der Schulter getragen werden, dürfte nach einiger Zeit recht schwer werden. Zumindest beugt ein schwarzer Bowler dem Sonnenstich vor ...

Diener folgt den Regeln seiner Gesellenvereinigung, dem Rolandschacht. Ein blauer Schlips, von den Brüdern auch „Ehrbarkeit“ geheißen, beweist seine Zugehörigkeit zu dieser bereits 1891 gegründeten Gesellschaft. „Es ist nicht so, dass man einfach losmarschiert“, erklärt der 24-Jährige. „Der Rolandschacht hat, wie vergleichbare Organisationen auch, klare Vorschriften.“ So müsse ein Wandergeselle schuldenfrei, unverheiratet und kinderlos sein, zudem sollte er auch nicht mehr als 27Lenze zählen. Außerdem darf er sich seinem Heimatort nicht näher als auf 60 Kilometer nähern. Und das drei Jahre und einen Tag lang. Somit ist für Diener die Gegend zwischen Lübeck und Bad Segeberg tabu. Aber das Land ist ja groß genug.

„Ich bin im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs.“ Einem klaren Plan folge er dabei nicht. „Wenn andere Leute morgens die Zeitung hernehmen, schaue ich auf meine Deutschlandkarte.“ Dann entscheide er, wo es hingeht. Manchmal verabredeten sich auch mehrere Wanderbrüder an einem bestimmten Ort – zumeist zum Arbeiten. Die Treffen werden übrigens per Internet vereinbart, denn ein Handy hat Diener nicht. „Ist auch verpönt“, sagt er und wirklich brauchen tue er es sowieso nicht. Feste Treffen gebe es einmal im Jahr und zwar zum Gründungstag des Rolandschachts im Mai.

Sechs Paar Schuhe hat Diener bislang verschlissen. Beim nächsten Treffen wird er seine Wanderzeit schon hinter sich haben. „Weihnachten will ich diesmal eigentlich zu Hause feiern.“ Daheim in Geschendorf wird man es gern hören.

Markus Tiedtke

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