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Was im Jahr 2015 noch passierte: Das kleine Wunder auf dem Wurzener Friedhof

Heimatgeschichte Was im Jahr 2015 noch passierte: Das kleine Wunder auf dem Wurzener Friedhof

Zur Friedhofsführung schlug Stadtchronist Wolfgang Ebert Alarm: Das Grab von Holländerin Katharina Finders ist weg. Jetzt, am letzten Tag des alten Jahres, will der Ehrenbürger von Wurzen seinen Fehler von Ende Oktober ausmerzen: Ich hatte mich geirrt, habe die Reihe verwechselt. Der Irrtum hat auch sein Gutes.

Stadtchronist Wolfgang Ebert am Grab von Katharina Finders.

Quelle: Thomas Kube

Wurzen. Er will seinen Fehler unbedingt noch im alten Jahr ausmerzen, wenn es sein muss auch am allerletzten Tag. Und so gesteht Wurzens Ehrenbürger Wolfgang Ebert in der Rubrik „Was 2015 sonst noch geschah“: Auch Stadtchronisten können sich mal irren.

Ende Oktober: Ebert bittet zur Führung auf den Wurzener Friedhof. Wie vor Volkstrauertag und Totensonntag üblich folgen der Einladung des Geschichts- und Altstadt-Vereins auch diesmal zahlreiche Interessierte. Auf seinem anderthalbstündigen Rundgang gedenkt Ebert der Opfer der Weltkriege. Er bereitet sich zu diesem Zweck wie immer gründlich vor, studiert die Aufzeichnungen seines Vorgängers Richard Klinkhardt, kopiert den Friedhofsplan und läuft die Runde zur Probe allein ab. Dabei stellt er zu seinem Entsetzen fest, dass das ihm so vertraute Grab der am 25. Februar 1945 mit 17 Jahren verstorbenen holländischen Luftwaffenhelferin Katharina Finders unauffindbar ist. Auf der anschließenden Führung macht er seine Entdeckung sogleich öffentlich: „Womöglich wurde Katharina von Angehörigen heimgeholt? Das wäre kein Einzelfall.“ Fragen über Fragen, die Friedhofsverwaltung jedenfalls weiß von keiner Umbettung, so Ebert.

Am nächsten Tag berichtete die LVZ über das angeblich verschwundene Grab der jungen Holländerin. Ingrid Leps, langjährige Redakteurin, verfolgte die Führung mit großer Aufmerksamkeit. Noch voller Eindrücke begab sie sich wenig später noch einmal mit ihrer 85-jährigen Mutter Helga auf Eberts Spuren. Dabei wollte die Journalistin auch das mutmaßlich aufgegebene Grab zeigen. Doch Ingrid Leps staunte nicht schlecht, als sie schräg hinter dem betreffenden Rasenstück und nur wenige Meter entfernt das an die Holländerin erinnernde Holzkreuz sah: „Herr Ebert hat sich in der Reihe geirrt. Ich werde es ihm gleich sagen.“ Tatsächlich, da steht es, wie eh und je, das nach der Wende erneuerte Kreuz aus Eichenholz mit Kupferbedachung. Ebert atmet auf. Es scheint fast so, als habe er sich noch nie so gern getäuscht wie dieses Mal. Dass in den ihm vorliegenden Unterlagen keine zweite Reihe erkennbar war – wen interessiert das nun noch: „Es hat sich alles aufgeklärt. Das ist, was zählt.“

Ebert führte in all den Jahren nicht nur Einheimische über den Friedhof, sondern auch viele Ausländer. Einer von ihnen war Geert Jacob Bremer. „Wegen zivilen Ungehorsams im damals von den Deutschen besetzten Holland wurde der junge Medizinstudent zur Zwangsarbeit nach Wurzen beordert“, so Ebert. Die Ärzte und Patienten im Krankenhaus mochten den Holländer sehr, er war ein akzeptierter Kollege. Sein Einsatz bei der Evakuierung der Neugeborenenstation während der Bombardierung des Krankenhauses am 20. Oktober 1943 ist für den Stadtchronisten von besonderer Bedeutung – er hatte zwei Tage vorher das Licht der Welt erblickt. Kurz vor Kriegsende wurde Bremer in der Klinik mit einer toten Landsmännin konfrontiert, mit Zettel am Fuß – es war Katharina.

Der Stadtchronist geht unmittelbar vorm Jahreswechsel allein zum Holzkreuz. Er, der an der Karl-Marx-Universität in Leipzig unter anderem vier Jahre Nederlandistik studierte und dadurch auch jenes Buch ins Deutsche übersetzen konnte, das Geert Jacob Bremer über seine Wurzener Zeit schrieb. Ebert traf sich mehrere Male mit dem inzwischen verstorbenen, stets rührigen Professor aus Groningen: „Wenn er bei uns in Wurzen war, hielt er immer an Katharinas Grab inne“, erinnert sich Ebert. Woran Katharina Finders starb, sei bis heute nicht bekannt: „Geert Jacob Bremer versicherte uns aber, dass sie äußerlich keinerlei Verletzungen hatte.“

So hatte ein Irrtum auch was Gutes, denn er macht neugierig auf ein Menschenschicksal.

Von Haig Latchinian

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