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Wurzen Wie weiter nach Chemnitz?
Region Wurzen Wie weiter nach Chemnitz?
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16:13 08.09.2018
Der Blick des Monuments vom einflussreichsten Theoretiker im Kommunismus ist grimmig. Oder suchend? Oder doch leer? Ein bisschen genervt vielleicht auch... Gesehen hat die Karl-Marx-Statue viel dieser Tage. Gegensätzliches. Unglaubliches. Wahrhaftes. Gutes und Schlechtes. Quelle: Michael Trammer
Landkreis Leipzig/Sachsen

Wir haben vier Sachsen aus dem Landkreis Leipzig gefragt: Was muss sich ändern, damit sich was ändert? Drei Männer, eine Frau – wir haben vier (persönliche) Sichtweisen auf die Situation in unserem Land erzählt bekommen. Jede orientiert sich an der eigenen Geschichte, gewährt aber auch Schlüsse auf das große Ganze.

Ralf Neustadt (54), Bennewitz: „Wer mit Bürgern redet, muss zuhören“

Ralf Neustadt, Unternehmer aus Bennewitz. Quelle: Haig Latchinian

Mit seinen automatischen Schmiersystemen und komplett eigener Produktlinie ist Unternehmer Ralf Neustadt in der ganzen Welt unterwegs. Von Südamerika bis Asien gilt der 54-jährige Bennewitzer in seiner Branche als technologischer Marktführer. Als Michael Kretschmer dieser Tage zum Sachsen-Gespräch nach Chemnitz geladen hatte, war auch Ralf Neustadt mit im Saal: Warum lügen wir über die Ursachen des Syrien-Krieges, wollte er von Sachsens Ministerpräsident wissen.

Neustadt nennt die deutsche Politik verlogen. Auch die des Westens insgesamt. „Wir sind zwar nur eine Minderheit, wollen aber bestimmen, wie die Welt zu tanzen hat. Und wundern uns, wenn die anderen sagen, na dann tanzen wir doch gleich bei euch.“ Monatelang sei etwa vom Arabischen Frühling die Rede gewesen, dabei gebe es im Maghreb keine wirkliche demokratische Opposition, sagt der Bennewitzer, der in jenen heißen Tagen selbst in Kairo weilte. Wer Wind säe, werde Sturm ernten.

Zurück zu Chemnitz: Wer mit den Bürgern rede, solle zuhören und dürfe nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen: „Da muss man auch mal einen derben Ausdruck wegstecken – es sind alles nur normale Leute.“ Neustadt spricht nicht ohne Stolz über die Sachsen: „Wir haben was vorzuweisen. 1989 brachten wir friedlich ein Weltsystem zu Fall, während die im Westen weiter munter einkaufen gingen.“ Die errungene Demokratie sei jedoch ins Stocken geraten: „Ja, wir dürfen gegen Windräder protestieren. Aber das Wahlsystem sieht noch immer keine echte Mitbestimmung vor. So können wir bis heute nicht mit Nein stimmen.“

Wie weiter nach Chemnitz? „Vor allem müssen wir den Nazis begegnen. Linksextreme Konzerte sind diesbezüglich gut und schön. Aber nicht mehr als Symbolik.“ Die echte Aufarbeitung der Ursachen des von Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieges mit über 50 Millionen Toten sowie die Anerkennung des 8. Mai als Tag der Befreiung stünden nach wie vor aus, sagt Neustadt. Einlassungen, wonach Hitler und die Nazizeit nur ein Fliegenschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte seien, nannte der Bennewitzer geistigen Dünnschiss. „Dieser Scheißhaufen wird uns noch die nächsten 200 Jahre beschäftigen.“ Nicht zuletzt habe der Krieg zum Niedergang Sachsens und zum Beginn der nächsten Diktatur geführt.

Gerold Kratzsch (74), Colditz: „Viele im Osten sehnen sich nach Sicherheit“

Gerold Kratzsch, Künstler aus Colditz Quelle: Haig Latchinian

Er kennt den Westen. Und den Osten: Gerold Kratzsch (74), in Westberlin lange einer der führenden Grafikdesigner Deutschlands, kam nach der Einheit zurück in seine Vaterstadt Colditz. Sein Urteil nach Chemnitz: „Auf die Schnelle ist hier nichts getan. Das braucht Zeit, viel Zeit, sicher noch Generationen.“ Während alle von Flüchtlingen redeten, müssten erst einmal die Ostdeutschen ins System integriert werden. „In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit hatte man sie ruhig gestellt – in ABM und Lehrgängen. Der Staat wusste genau, dass das aussichtslos ist.“

Die Ostdeutschen hätten vergeblich geglaubt, etwas vom DDR-System einbringen zu können. Doch die Marktwirtschaft sei eben kein Sozialismus mit Milka-Schokolade. Im Goldenen Westen seien Leute gefragt, die verantwortlich für sich und andere handelten, weniger auf den Staat und Fördergelder hofften. Er selbst habe tage- und nächtelang durchgemacht, „ohne auch nur einmal auf die Uhr zu kieken“. Es sei sein Leben gewesen. Er habe sich anfangs nicht leisten können, allein Künstler zu sein. Er verkaufte auch Damenstrumpfhosen und hatte eine Werbeagentur laufen.

Freiheit müsse immer wieder neu erkämpft werden, so Kratzsch. Er hat Hochachtung vor Persönlichkeiten aus dem Osten wie Christian Führer, Kurt Masur oder Wolfgang Thierse. Sie und andere Bürgerrechtler hätten Mut bewiesen: „Aber wollten damals wirklich alle frei sein? Mit allem Für und Wider? Ich bin überzeugt davon, dass nicht wenige im Osten geführt werden wollen. Sie sehnen sich nach Sicherheit, brauchen jemanden, der ihnen sagt, wo es lang geht. Das ist ein Problem.“ Ja, die Mauer musste weg, sagt Kratzsch, der Ex-Berliner. „Dass nun aber nicht nur die eigenen Leute ungehindert raus kommen, sondern eben auch das Elend in der Welt rein kommt – darüber waren sich wohl nicht alle bewusst.“

Über ein Vierteljahrhundert nach Maueröffnung sei der Wessi im Osten gefühlt noch immer der Feind. Er bedauere das sehr, so Kratzsch, der Wossi. Es liege wohl auch an der Naivität der Ossis: „Natürlich sind nicht alle Wessis als Samariter gekommen. Auch sie wollten vor allem Geld verdienen.“ Es sei schade, dass vielfach immer noch die Besten in den Westen gingen. Umgekehrt sei dies lange nicht so. „Dabei brauchen wir gerade hier in Sachsen den Austausch. Eben ganz bewusst auch Lehrer mit West-Zivilisation und West-Werten. Drüben zählen eben vor allem Individualität, weniger Kollektiv und gemeinsames Marschieren...“

Sabine Schötz (66), Mutzschen: „Wir haben mehr als andere und sind unzufrieden“

Sabine Schötz, Rentnerin aus Mutzschen Quelle: Haig Latchinian

Was du vorn fütterst, muss hinten wieder weg. Wer wüsste das besser als Sabine Schötz (66). Über 30 Jahre stand die Mutzschenerin im Schweinestall, Knochenarbeit, Handarbeit: „Auch sonnabends, sonntags, feiertags – das will kein Schwein wissen.“ Nach der Wende Umstrukturierung, Bandscheibenvorfall, Bewerbungen. Eine gut bezahlte Arbeit war ihr nie wieder vergönnt. Stattdessen Umschulung zur Verkäuferin, die niemand brauchte. „Nicht mal für die Papierkorbrunde war ich gut genug.“ Die dreifache Mutter litt an Depressionen, musste bis zu zwölf Tabletten am Tag schlucken.

Heute bekommt sie Rente, hat gelernt, mit Ängsten umzugehen und zählt langsam bis zehn. Doch ihre Lebenswirklichkeit sei eine andere als in der rosaroten Werbung: Ihre geliebte Schwester nahm sich in der Psychiatrie das Leben, nach sechs vergeblichen Suizidversuchen. Ihre Mutter starb, ein halbes Jahr später wurde ihr Sohn tot in seiner Wohnung entdeckt: „Die Polizei musste die Wohnungstür öffnen. Ich hatte eine Vorahnung. Er hatte keine Arbeit, jede Menge Schulden und viel getrunken.“ Was sie nicht wusste: Er war todkrank.

Sabine Schötz ist inzwischen eine starke Frau. Als ihre jüngste Tochter in der Schule gehänselt wurde (Du mit deinem fetten Arsch, du kriegst mal nie ’n Kerl), daraufhin hungerte und irgendwann umfiel, sprach sie ein Machtwort: „Mädchen, du wirst nur gesund, wenn du wieder richtig frisst.“ Nach Chemnitz sollten die Leute wieder mehr aufeinander zu gehen. Zu gehen. Nicht aufeinander los gehen, wünscht sich die einfache Frau. Ihr bereitet Sorge, mehr und mehr Verwahrloste auf der Straße zu sehen: „Jogginghose, Bierpulle, als ob wir hier ein Armenhaus sind.“ Was sie noch mehr bekümmert: „Dass Leute ganz unten auf noch tiefer stehende oder liegende treten. Zumindest mit dem Mundwerk. Wahrscheinlich wollen sie sich damit selbst erhöhen.“ Wenn der Deutsche das Brot im Supermarkt ohne Handschuhe anpacke, sei das egal. Wenn gleiches aber der Ausländer wage, „ist der Teufel los“.

Man solle doch die Kirche im Dorf lassen. Denn trotz allem gehe es uns doch nicht schlecht. Sie schaue gern Reisereportagen im Fernsehen: „In fernen Ländern ziehen Ochsen noch den Karren, doch die Menschen sind mit wenig zufrieden. Wir haben mehr, sind aber unzufrieden.“

Frank Görke (63), Borna: „Die Hungerlöhne für den Arbeiter sind nicht mehr normal“

Wie er sich sein Borna in zehn Jahren wünscht? Frank Görke (63) lacht: „Da lebe ich nicht mehr, was wir gerammelt haben.“ Er meint die viele Arbeit. Kraftverkehr, Fernverkehr, jetzt fahre er Schüttgut. Mit wem er auch diskutiere, alle seien sich einig: „Wir rennen jeden Tag auf Arbeit und die sitzen zu Hause und werden durchgefüttert.“ Die, das sind die Zugewanderten. Es seien zu viele Flüchtlinge in Borna. Deshalb sein Vorschlag: „Wer nach zwei Jahren einen Job hat, darf bleiben, wer nicht, muss wieder gehen.“ Es könne nicht sein, dass uns die Fremden auf der Tasche lägen. Bekomme man das Problem nicht in den Griff, gebe es einen großen Knall, dann gehe es nach rechts.

Frau Merkel hätte das Volk erst fragen müssen, „ehe sie uns die Ausländer auf den Hals hetzt“. Der Buschfunk melde zwar oft Einbrüche und dergleichen, selber habe er aber noch keine schlechten Erfahrungen mit Fremden gemacht. Die Nachricht über den erstochenen Deutschen in Chemnitz macht ihn wütend: „Vor allem, dass hinterher nur über die Demos diskutiert wurde – über das eigentliche Verbrechen aber Stillschweigen herrschte.“

Er traue den Politikern nicht. Schlechter könne es eh keiner machen. Zu DDR-Zeit sei alles geregelt gewesen. „Wer gearbeitet hatte – und das waren ja fast alle, der hatte auch Geld. Ich muss Ihnen sagen, wenn wir damals wie die Tschechen hätten reisen können, ich wäre wieder gekommen. Ich hatte ja niemanden im Westen. Heutzutage gehen wir acht und mehr Stunden am Tag, haben aber nicht viel in der Tasche. Und das, obwohl alles teurer wird.“ Die Steuern müssten runter, die Arbeiter wieder ordentlich bezahlt werden, die Hungerlöhne seien nicht mehr normal.

Große Sprünge könne man nicht machen. Manches erinnere ihn an 1989. Die Leute seien unzufrieden. „Ja, es stimmt, Borna ist schöner geworden. Viel Geld wurde in die Stadt gesteckt. Das freut mich als Ur-Bornaer. Aber es gibt immer noch viel zu tun“, sagt der Großvater. Mit Einführung der D-Mark sei es aufwärts gegangen, man habe gut verdient. Nachdem der Euro kam, sei vieles schlechter geworden. Angst, nachts auf der Straße zu laufen, hat er nicht: „Ich mache keine Gefangenen.“ Und auch den Fußball lässt er sich nicht nehmen: „Wir sind mit der Loksche und Chemie groß geworden.“

Frank Görke wollte sich für diesen Beitrag nicht fotografieren lassen

Kommentar: Es gibt Gesprächsbedarf

Die Ereignisse von Chemnitz sind nicht abgehakt. In der Republik genauso wenig wie im Landkreis. Eine Reportagereise von Bennewitz über Mutzschen und Colditz nach Borna beweist: Die Sachsen wollen sich nicht nach Ungarn oder Russland einbürgern lassen – wie ihnen das so manch höhnischer Kritiker nahelegte – sie haben vor allem Gesprächsbedarf.

Vier Personen, vier Meinungen und immerhin drei Porträtfotos. Hätte mancher noch vor ein paar Wochen abgewunken, sich in der Zeitung etwa über Flüchtlinge zu äußern, trauten sich jetzt vier Befragte. Einer von ihnen wollte sich nicht fotografieren lassen. Und doch: Je länger man ihnen zuhörte, desto offener wurden sie. So unterschiedlich die Meinungen auch sein mögen, alle Vier eint das ehrliche Nachdenken über Sachsen. Dieses beginnt nicht erst in Chemnitz, sondern früher. Es reicht zurück bis in die Wendezeit, als viele noch Träume und Hoffnungen hatten, für einige aber auch eine Welt unterging.

Die nicht repräsentative Stichprobe zeigt, dass im ostdeutschen Musterland längst nicht alles super ist. Auch wenn die Städte und Dörfer im Landkreis Wochenende für Wochenende beweisen, dass sie Weltmeister im Feiern von Festen sind – die Lebenswirklichkeit der Bewohner scheint mitunter eine andere zu sein.

Chemnitz – und wie weiter? Die sehr persönlichen, auch kritischen Gedanken des Bennewitzer Unternehmers, der einstigen Mutzschener Bäuerin, des Colditzer Künstlers und des Bornaer Brummifahrers – sie mögen nicht jedem gefallen. Wir wären aber schon einen Schritt weiter, wenn sie dafür von niemandem angefeindet würden. Auch das ist Sachsen im Frühherbst 2018.

h.latchinian@lvz.de

Von Haig Latchinian und Thomas Lieb

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