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Wurzen „Wir Wurzener sollten uns die Lage nicht von anderen erklären lassen“
Region Wurzen „Wir Wurzener sollten uns die Lage nicht von anderen erklären lassen“
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17:02 11.03.2018
Meldet sich zu Wort: Stadtchronist und Ehrenbürger Wolfgang Ebert auf dem „Balkon von Wurzen“. Quelle: Foto: Andreas Döring
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Wurzen

Gegenüber der LVZ warnt der Stadtchronist und Ehrenbürger vor einer weiteren Demontage seiner Heimatstadt als Neonazinest. Totschlagargumente wie dieses machten jede sachliche Debatte unmöglich. Ergebnis: Die meisten Wurzener schalteten nur noch auf Durchzug. „Wurzen als Projektionsfläche für den angestauten Frust der Extremisten.“

Ebert spricht von einer tief gespaltenen Stadtgesellschaft. Die Ursachen dafür seien vielfältig und lägen oft schon in der Geschichte. Als Beispiel nannte er den baulichen Verfall der über 1000-jährigen Stadt zu DDR-Zeiten. Dazu die tiefsitzende Enttäuschung, die der real existierende Sozialismus ausgerechnet in der einstigen „roten“ Hochburg der August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Albert Kuntz anrichtete.

Stadtchronist Wolfgang Ebert. Quelle: Andreas Döring

„Der Wurzener Kreistag, der nach den Kommunalwahlen im Mai 1990 erstmals zusammengekommen war, hatte sich geweigert, die von der letzten SED-geführten DDR-Regierung beschlossene Zahlung von Übergangs- und Überbrückungsgeldern sowie Treueprämien an ehemalige Funktionäre auszuzahlen – als einziger Landkreis in der DDR.“ Zwar flossen die Gelder in eine Stiftung und kamen vorrangig Opfern des Stalinismus, Schwerkranken, Behinderten, Witwen und Waisen zugute, doch, so Ebert, habe diese demokratische Entscheidung zu nachhaltigem Verdruss auf Seiten der einstigen Eliten geführt.

„Die Arbeitslosigkeit tat ihr übriges. Sie radikalisierte nach links wie rechts. Ich selbst bekam in der Nachwendezeit mehrfach Besuch von einem NPD-Kader aus den alten Bundesländern“, erinnert sich Ebert, einstiger NDPD- und späterer FDP-Stadtrat. Bei ihm hätten die Bemühungen nicht gefruchtet, andere schienen da womöglich leichtgläubiger. Ebert, viele Jahre Lehrer, erst an der Pestalozzi- später an der Volkshochschule, begleitete ab 1990 die groß angelegte Feldstudie der Soziologin Cordia Schlegelmilch: „Auf der Suche nach einer möglichst repräsentativen ostdeutschen Kleinstadt hatte sie sich ganz bewusst für Wurzen entschieden. Eine Erkenntnis aus mehr als 400 dokumentierten Befragungen war der augenscheinliche Zerfall der unter realsozialistischen Bedingungen entstandenen solidarischen Zweckgemeinschaft.“

Übergriffe auf Ausländer einerseits, deutschlandweit ausstrahlende Antifa-Demos andererseits – der damalige Verfassungsschutzpräsident Eckehardt Dietrich bezeichnete Wurzen 1996 „als das derzeit wohl wichtigste Zentrum der Neonazis in Deutschland“. Als Konsequenz daraus schlossen sich 1999 drei Vereine zum Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) zusammen. Inzwischen lief die Stadtsanierung längst auf Hochtouren. Nie zuvor sah Wurzen so schön aus wie jetzt, der Wiederaufbau sei eine wahre Erfolgsgeschichte, oberirdisch wie unterirdisch, attestiert der Ortschronist und spielt nicht nur auf frisch herausgeputzte Fassaden an, sondern auch auf getrennte Kanäle für Regen- und Abwasser.

Die Gräben in der Gesellschaft, die Spaltung in links und rechts, oben und unten, habe der Tag der Sachsen nicht zuschütten können: „Die Flüchtlingsströme haben die bereits schwelenden Konflikte vollends ausbrechen lassen.“ Stadtführer Ebert, der persönlich Flüchtlinge aus Eritrea durch den Ort begleitete, kritisiert die „oft einseitigen Berichte“ der bundesweiten Medien, die „schleppende Aufklärung“ von Straftaten, die „vorverurteilenden Erklärungen“ des NDK. All das erschwere einen dauerhaften Frieden in der Stadt.

Eigentlich wollte er sich nicht einmischen, holt der Ehrenbürger aus: „Was du in dieser aufgeladenen Gesamtsituation auch sagst – du kannst eigentlich nur anecken. Aber wann, wenn nicht jetzt, sollte ich als Ehrenbürger den Mund aufmachen?“ In diesem Sinne bricht Ebert eine Lanze für die Wurzener: „Ich kenne viele in dieser Stadt, die den Fremden helfen, ohne es an die große Glocke zu hängen. Zum Teil kritisieren sie die gegenwärtige Flüchtlingspolitik scharf, engagieren sich aber trotzdem – rein menschlich, nicht ideologisch verbohrt.“ Die Wurzener sollten sich nicht von Leuten aus Leipzig, Hamburg und sonst woher sagen lassen, was vor Ort abgeht. „Hass und Gewalt sind grundsätzlich abzulehnen. Jeder muss dazu seinen Beitrag leisten.“ Dabei sei das Problem in Wurzen und anderswo kein örtliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches: „Die neidvolle Spaltung der Gesellschaft hat nun mal politische, wirtschaftliche und kulturelle Gründe.“

Von Haig Latchinian

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