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„Wir lassen uns Wurzens Ruf als weltoffene Stadt nicht kaputt reden“

Demonstration „Wir lassen uns Wurzens Ruf als weltoffene Stadt nicht kaputt reden“

Die Standortinitiative Wurzen, das seit 2003 bestehende Netzwerk von 100 Unternehmern, Gewerbetreibenden und Vereinen, äußert sich entsetzt über den im Internet veröffentlichten Aufruf zur bundesweiten Antifa-Demo in Wurzen. Es könne nicht unwidersprochen bleiben, dass die Stadt pauschal in die rechtsextreme Ecke gestellt werde.

Die Standortinitiative Wurzen ist entsetzt über den Aufruf zur Demo.

Quelle: LVZ-Archiv

Wurzen. Mit Blick auf die f ür den 2. September angemeldete Demo „Gegen Rassismus in Wurzen und Sachsen“ kursiert derzeit im Netz ein leicht abgewandelter Ringelnatzvers: „In Hamburg lebten zwei Ameisen, die wollten nach Wurzen reisen. Bei Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Beinchen weh, da verzichteten sie weise, auf den letzten Teil der Reise.“

Andreas Blechschmidt, der Sprecher der Roten Flora und Mitinitiator der Demonstration „Welcome to Hell“ gegen den G-20-Gipfel

Andreas Blechschmidt, der Sprecher der Roten Flora und Mitinitiator der Demonstration „Welcome to Hell“ gegen den G-20-Gipfel.

Quelle: dpa

Andreas Blechschmidt, Kopf der Hamburger Autonomen, der nach „Welcome to Hell“ auch Wurzen anmeldete, betont, dass es sich um keinen Hamburger Aufruf handele, sondern um einen bundesweiten Zusammenschluss verschiedenster Antifa-Gruppen, auch aus Leipzig und Wurzen: „Ich bin lediglich der Versammlungsleiter.“ Auf LVZ-Anfrage bat er am Donnerstag um Verständnis, sich zu Inhalten nicht äußern zu wollen, er sei kein Bündnissprecher, ihm fehle dafür schlicht das Mandat.

Aber ja, es sei richtig, er habe die Veranstaltung beim zuständigen Landratsamt angemeldet, Anfang August werde er persönlich zum Kooperationsgespräch in Wurzen erscheinen. Er kenne die Stadt, sei auch schon da gewesen und wünsche sich einen friedlichen Aufzug: „Dass es geht, haben wir im Vorjahr in Zwickau bewiesen“, so Blechschmidt. Zu jenem Marsch unter dem Titel „NSU in Zwickau: Kein Gras drüber wachsen lassen!“ waren am 5. November Teilnehmer aus ganz Deutschland gekommen.

Eberhard Lüderitz, Vorsitzender der Standortinitiative Wurzen

Eberhard Lüderitz, Vorsitzender der Standortinitiative Wurzen.

Quelle: privat

Eberhard Lüderitz ist Vorsitzender der Standortinitiative Wurzen (SiW), eines seit 2003 bestehenden Netzwerkes von 100 Unternehmern, Gewerbetreibenden und Vereinen. „Wir können die im Demonstrationsaufruf getätigte Pauschalverurteilung unserer Stadt nicht unwidersprochen lassen. Wurzen ist eben kein Ort, der exemplarisch für rassistische Normalität steht.“ Lüderitz, Geschäftsführer der Wurzener Tochter der global agierenden amerikanischen World Resources Company (WRC), wird deutlich: „Den in 20 Jahren hart erarbeiteten Ruf Wurzens als weltoffene Stadt lassen wir uns nicht kaputt reden.“ Hoffmann Fördertechnik, DencoHappel, Cryotec, Neuman & Esser, Emde, die Filzfabrik und andere hätten Exportquoten von bis zu 90 Prozent: „Ausländische Geschäftspartner und Kunden sind regelmäßig in der Stadt – wir leben von der Internationalität.“

Natürlich sei der Rechtsextremismus in Wurzen wie auch in anderen vergleichbaren Städten eine dauernde Herausforderung, „der wir uns seit Jahren aktiv stellen – ob mit Plakataktionen, Fotoausstellungen oder unserer Praktikumsbörse“. Den Nachwuchs in Lohn und Brot zu bringen – auch das helfe, dem Extremismus vorzubeugen. Wurzen sei mittlerweile zum stärksten Industriestandort im Landkreis Leipzig aufgestiegen, die Arbeitslosigkeit liege unterhalb des Bundesdurchschnitts. Kunst und Kultur hätten in der Ringelnatzstadt ihren Platz.

Nein, Wurzen sei schon lange nicht mehr die „national befreite Zone“ der 90er-Jahre, unterstreicht SiW-Vorstandsmitglied Jan Jentzsch und fragt besorgt: „Was soll es bringen, vermummt durch die Straßen zu ziehen und die Anwohner zu beschimpfen – autonome Krawalltouristen werfen uns weit zurück, und es dauert lange, bis wir die Wurzener wieder aus ihrem Schneckenhaus holen.“

„Das Land: rassistisch. Der Frieden: völkisch. Unser Bruch: unversöhnlich.“ Demo-Anmelder Blechschmidt hält es gerade am 2. September für geboten, dem Tag der Sachsen in Löbau etwas entgegenzusetzen: „Statt dort hinzugehen, wo sich staatliche Akteure als schöneres, weltoffenes Sachsen inszenieren, wollen wir mit euch an einen Ort fahren, der exemplarisch für die rassistische Normalität in Sachsen steht“, heißt es im Aufruf. Gerade an jenen Tagen der Sachsen, so Blechschmidt, gebe es Übergriffe auf Geflüchtete. Auch in Wurzen sei das 2015 nicht anders gewesen, behauptet das Antifa-Bündnis: „Wer nicht dazugehört oder dazugehören will, kriegt selbst auf die Fresse.“

Und die Ameisen von Ringelnatz? Die Stadt Hamburg setzte ihnen ein Denkmal. Im Moment bietet die Skulptur jedoch ein trostloses Bild, erst verschwanden die Fühler, dann der Kopf und inzwischen die ganze Figur. Ein schlechtes Omen?

Von Haig Latchinian

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