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Wurzen "Wir sind kein Irrenhaus"
Region Wurzen "Wir sind kein Irrenhaus"
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00:37 27.07.2015
Fühlt sich wohl in Wurzen: Die Hausgemeinschaft in der Barbaragasse 21 versucht, das Leben mit vereinten Kräften zu meistern. Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Im gut einsehbaren Hof des Mietshauses Barbaragasse 21 trifft sich die Hausgemeinschaft. So jedenfalls nennen Anika und Vivian Eger, Jens Brettin mit vier Schildkröten und Kathleen Hallek, Jan Lehmann, Daniel Kläre und Hund Emma sowie Nicole Müller ihre farbenfrohe Runde. Die blaue, schwarze, blonde, rote und lilafarbene Haarpracht mit passend bemalten Fingernägeln sei, so die jungen Frauen, der "letzte Schrei" und die passende Antwort auf den sonst drohenden grauen Alltag.

Sie fühlen sich wohl in ihrem Partyzelt. Als sie das noch nicht hatten, mussten sie mit ihren Tellern immer ins Haus rennen, sobald der Regen einsetzte, sagen sie. Die Kinder Mirko, Johannes, Virginia-Stella, Jessica, Michele-Mirko, Lennox und Chantal Katharina spielen Tischtennis oder Federball oder kümmern sich um den Hasen im Laufgitter. Auf dem unbebauten Nachbargrundstück sprießt das Unkraut. Sobald das Gras gehauen ist, wird Fußball gekickt.

Der Zusammenhalt im Mietshaus sei gut, mittags werde abwechselnd gekocht, und wenn die Arbeiter ihr Tagwerk getan hätten, trinken sie gemeinsam ein Schälchen "Heeßen". Die Wäsche hängt an der Leine. Wer nicht artig sei, müsse pusten.

Die Hausgemeinschaft begeht demnächst ihr Einjähriges. Alle sind gespannt, in welchem Ton sich Jessica wohl diesmal ihre Haare färben mag. Während die Erwachsenen unten im Hof sitzen, steht sie oben am Waschbecken. Kürzlich hatte sie Jugendweihe, und auch die Hausgemeinschaft feierte - mit Lagerfeuer und zünftiger Musik.

Ja, natürlich, sei es ein Nachteil, so relativ ungeschützt zu sitzen. Jeder, der zu Lidl geht, laufe an ihnen vorbei. "Aber wir sind kein Irrenhaus, versuchen unsere Nachbarn nicht zu belästigen, halten auch die Kinder an, nicht so laut zu machen." Man wolle den kulanten Vermieter nicht enttäuschen, habe sich deshalb auch verpflichtet, den Hof mit jederzeit bereitstehendem Besen sauber zu halten. Nein, es sei nicht ihr Ding, in der eigenen Wohnung vorm Fernseher zu hocken.

Ihm sei die bunte Truppe natürlich nicht entgangen, sagt ein Anwohner. Er jedenfalls habe kein Problem, wenn es mal etwas lebhafter zugehe: "Solange es nachts ruhig bleibt." Es seien noch keine Beschwerden eingegangen, versichert Thilo Bergt vom Ordnungsamt. Gerade in der engen und verwinkelten Altstadt sei es wichtig, Rücksicht zu nehmen. "Ein gutnachbarliches Miteinander ist allemal besser, als mit jemandem auf Kriegsfuß zu stehen." Einmal sei ein Nachbar gekommen, der sich beklagte, weil das Lagerfeuer noch um Mitternacht brannte, sagt die bunte Truppe: "Wir hoffen, dass er sich wieder eingekriegt hat." Die aus dem Keller gespeiste Kabeltrommel dient zum Aufladen der Handys. Die Kinder wünschen sich ein Kino und einen McDonald's und eine Skaterbahn. Weil es gerade letztere nicht gebe, weichen sie auf das Parkhausdeck aus, was immer wieder besorgte Bürger auf den Plan ruft.

Jessica betritt unter lautem Oooh und Aaah mit blau-lila Haaren den Hof und erfährt, dass die Hausgemeinschaft für die kalte Jahreszeit ein Winterquartier in Aussicht hat. Ein leer stehendes Ladenlokal gleich um die Ecke.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.07.2015
Haig Latchinian

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