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Wollte sein wie D’Artagnan: Fernsehmann Michael Drevenstedt genießt Püchauer Ruhe

Moderatoren-Legende Wollte sein wie D’Artagnan: Fernsehmann Michael Drevenstedt genießt Püchauer Ruhe

Der 55-jährige Michael Drevenstedt aus Püchau bei Wurzen ist ein Multitalent: Der einstige Nationalmannschaftskader im Fechten singt seit seiner Jugend in diversen Bands, gewann zahlreiche Musikpreise, war lange Radiomoderator und wurde als Fernsehmann bundesweit bekannt. Am liebsten moderiert er – na was schon? Fechten!

Michael Drevenstedt moderierte die Klitschko-Brüder in der Sportschau.

Quelle: Archiv

Püchau. Es war in Brandis. Die Ost-Kultband „Berluc“ spielte. Die Fans standen dicht an dicht. Mitten drin der halbwüchsige Michael Drevenstedt. Er schwebte, schwerelos wie auf Wolke sieben. Gab es noch einen besseren Platz zwischen Himmel und Erde? Nein. Oder doch? Na klar, die Bühne! Der Traum des Jungen erfüllte sich. Schneller als gedacht betrat er sie und trat bis heute nicht wieder ab. Die Bühne war, ist und bleibt seine Heimat. Auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuten, begegnete er von Gustav-Adolf Schur bis Jean-Claude Van Damme den wirklich Großen. Als Rampensau gilt der beliebte 55-jährige MDR-Sportreporter dennoch nicht. Seine Worte sind wohl gewählt, die Aussprache sexy statt sächsisch, laut ist für ihn out: Vielleicht fühlt er sich in den Bühnenpausen auch deshalb zu Hause am wohlsten – in Püchau bei Wurzen. „Ein Wahnsinn. Der einsame Park, das sagenumwobene Schloss, der Wechsel der Jahreszeiten – so nah bei Leipzig und doch wie auf einem anderen Planeten.“

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu: Die einst lange blonde Mähne ist inzwischen zurecht gestutzt und in Würde ergraut. Michael Drevenstedt, anfangs Fechter, später Sänger und Fernsehmoderator, hat viele Gesichter. Zunächst sah man sein Gesicht gar nicht. Es versteckte sich hinter einer Maske: Als er im Fernsehen die drei Musketiere sah, wollte er sein wie D’Artagnan. Also versuchte er sich als Fechter und leckte sofort Blut. Zehn Jahre lang focht er für den SC Leipzig. Er besuchte die Kinder- und Jugendsportschule, war Vize-DDR-Meister und Nationalmannschaftskader, bis er plötzlich keine Lust mehr auf ewige Medaillenjagden hatte.

Dennoch: Die tägliche Beinarbeit auf der Planche bezeichnet der Vollblutmusiker Drevenstedt noch heute gern als Grundlage für seine spätere „geschmeidige Bühnen-Performance“. Von 1981 bis 1982 sang er in seiner ersten Band „Ziegenstall“ (der gelernte Kfz-Schlosser schätzte schon immer gesunde Landluft, ratterte und knatterte gern zum Baden nach Beucha). 1983 bis 1984 New Wave mit der „Jet-Band“. Dann das Intermezzo bei „RuckZuck“. Und schließlich Stimme der Band „Graaf“. Beim Internationalen Schlagerfestival 1987 in Dresden war Michael Drevenstedt mit „Mama“ der große Abräumer: Der Musikschüler gewann den „Goldenen Rathausmann“, den Sonderpreis des Zentralrats der FDJ und obendrein den Pressepreis. Der Naunhofer Wolf-Rüdiger Raschke (69), Keyboarder und Bandchef von „Karussell“ (Als ich fortging), erinnert sich noch gut an Drevenstedt: „Ein Riesentalent! Der ,Goldene Rathausmann’ war ein wirklich wichtiger Preis für Nachwuchskünstler. In der Jury saßen exzellente Profis. Micha stieg nach der Wende kurzzeitig bei Karussell ein. Wir hatten eine ähnliche Auffassung von Musik und verstanden uns auf Anhieb.“

Das Aus von „Graaf“ noch vorm Herbst ’89 kommentiert Drevenstedt mit Augenzwinkern: „Ein Gutes hatte es, so konnten wir unsere Anlage noch für gutes Geld verkaufen.“ Und: Wem Gott eine Tür zuschlägt, dem öffnet er ein Fenster. Drevenstedt stieg beim Rundfunk ein. Wieder eine Bühne. Im Sachsenradio in der Leipziger Springerstraße gehörte er zu den Ersten am Selbstfahrerpult. Schnell wurde er zum Aushängeschild von MDR Life, aus dem später Jump hervorging. Mit Ende 30 schaffte Drevenstedt schließlich den Sprung ins MDR-Fernsehen: Ob 19.30-Uhr-Nachrichten, „Sport im Osten“ oder Olympische Spiele – für die Werbekampagne seines Senders schmückte ein riesiges Drevenstedt-Poster eine Zeit lang sogar die Außenhaut der Leipziger Straßenbahnen.

Skispringen, Nordische Kombination, Moderner Fünfkampf – auch bundesweit machte sich der Sportreporter einen Namen. Bestnoten verdiente sich der Püchauer für seine Live-Kommentare als ARD-Fechtreporter in Athen, Peking, London und Rio. „Fußball ist leichter zu verstehen, das stimmt. Der Ball ist im Tor und gut. Fechten ist da schon komplizierter. Mancher meint, Fechten sei nicht telegen. Das war früher vielleicht so, als die Kamera- und Lichttechnik noch nicht so weit war. Mittlerweile kommt das im Fernsehen gut rüber.“ Überhaupt habe das Fechten mehr Zuschauer verdient: „Man sagt ja, Fechten ist Schach im Formel 1-Tempo.“

Frieren in Finnland am Polarkreis, Schwitzen beim Fußball in Südafrika, Bier trinken in Australien, Sushi essen in Japan – die Welt ist für Michael Drevenstedt längst zum Dorf geworden. Dennoch wird er nie vergessen, wie er als Schuljunge an der Ostsee stand und sehnsüchtig von Egon Olsen, Benny und Kjeld geträumt hatte, die hinterm unerreichbaren Horizont ihre großen Coups landeten.

Drevenstedt weiß, dass es ein Privileg ist, all die großen Stars persönlich kennenlernen zu dürfen: Als Jean-Claude Van Damme seinen Actionfilm „Der Legionär“ promotete, schaute der Hauptdarsteller auch im Leipziger Radiostudio vorbei. Drevenstedt, der die Nachmittagssendung moderierte, hatte das Glück, ihn zu interviewen. Die größte Radlegende des Ostens, Täve Schur, begrüßte Drevenstedt bei „Sport im Osten“. Und Pelé, dem weltbesten Fußballer aller Zeiten, begegnete der Sportjournalist am Vorabend der Gruppenauslosung zur Fußball-Weltmeisterschaft: „Ich saß an jenem 8. Dezember 2005 bei der Pressekonferenz im Bildermuseum direkt neben ihm. Er war total relaxt, völlig unkompliziert und wirklich nett, kam zur Premiere des Films ,Pelé forever’ nach Leipzig. Keine Spur von Überheblichkeit, er hat nie vergessen, wo er herkam – aus ärmsten Verhältnissen“, erinnert sich Michael Drevenstedt.

Musik hat er die ganze Zeit über weiter gemacht: „Willis-Show-Band“, „Puzzle“, „MDR life Band“ – dazu viele Gigs unter der Dusche mit kaum zählbaren Fans, wie er sagt. 2013 war er mit „Yoko“ Support für Kim Wilde. Im Moment arbeitet er mit einem Gitarristen aus Berlin am neuen Programm – ganz ohne kommerziellen Druck, aus reinem Spaß an der Freude.

Mit etwas Glück kann man den nimmermüden Fernsehmann im Schlosspark zu Püchau sehen, wie er mit seinem vierbeinigen Liebling, einem Berner Sennenhund, herum tollt. Oder er sitzt auf dem Fahrrad, strampelt sich irgendwo zwischen Thallwitz und Wurzen die Lunge aus dem Hals.

Von Haig Latchinian

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