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Region Wurzen Wurzen: Einwohner sehen Gewalteskalation als neuen Tiefpunkt
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19:23 15.01.2018
Blick auf das Wohnhaus, in dem die Afrikaner dezentral untergebracht sind. Quelle: Haig Latchinian
Wurzen

 Eine Blutspur. Mitten durch Wurzen. Kunden des nahen Einkaufsmarktes trauen ihren Augen nicht: „Wir sind erschüttert. Das ist eine neue Qualität. In unserer Stadt! Schlimm, ganz schlimm!“ Ein Mann sagt, er habe früher als „Rotzer“ auch mit gerauft, wenn es gegen Banden aus Nachbardörfern ging – „Aber sobald dein Gegenüber am Boden lag, war Schluss. Und Messer – nee, so was war absolut tabu.“ Blut ist auf den Bürgersteig geschwappt, alle paar Meter waren noch am Montag Flecken und Spritzer zu sehen. Eine Wurzenerin schüttelt den Kopf: „Die Ausländer sind schuld, ein Deutscher sticht nicht zu.“

Am Freitagabend (12.01.2018) gab es in Wurzen eine erneute Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Ausländern. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Sicht auf das Wohnhaus, in der die Afrikaner dezentral untergebracht sind.

Ein betagter Anwohner in der Dresdener Straße berichtet über den Mann, der in jener Nacht vom Freitag zum Sonnabend auf dem benachbarten Fußweg lag und vor Schmerzen schrie. „Beim Gang auf die Toilette ist mir das aufgefallen. Als ich das Blaulicht sah, wusste ich aber, dass schon jemand den Rettungsdienst informiert hatte.“ Andreas Loepki von der Polizei bestätigt: „Bei den nächtlichen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern gab es fünf Verletzte, zwei Deutsche (16 und 21) mussten wegen Messerstichen am Oberschenkel ins Krankenhaus gebracht werden.“ Die drei ebenfalls verletzten Ausländer hätten eine medizinische Versorgung abgelehnt.

„Bisher gab es in dem Haus keine Probleme“

Die Frau im mittleren Alter will ihren Namen nicht nennen. Sie wohnt seit drei Jahren in der Nummer 22 und steht noch ganz unter den Eindrücken jener Nacht in dem einst stolzen Mehrfamilienhaus. „Scherben klirrten, auf der Treppe herrschte lautes Getrampel, es wurde gebrüllt. Zum Glück war die Polizei schnell da“, sagt die Mieterin, die sofort nach dem Interview das Weite sucht, um nicht noch Fragen des Fernsehens beantworten zu müssen. Sie ist tief traurig über die Eskalation: „Bisher gab es in dem Haus keine Probleme.“

Alles habe mit einem Wortwechsel zwischen Deutschen und Ausländern im Bahnhofspark begonnen, sagt Polizist Loepki. Nachdem sich die Asylbewerber in ihr Haus zurück gezogen hätten, seien ihnen Einheimische gefolgt, die gegen die Haustür schlugen und Scheiben einschmissen. In der Folge schaukelte sich die Konfrontation immer weiter hoch. Mit Messern und Knüppeln bewaffnete Ausländer hätten die Deutschen verfolgt, die daraufhin das Haus stürmten. Bei dem mutmaßlich besonders schweren Fall des Landfriedensbruchs werde in alle Richtungen ermittelt, so die Polizei. Der Staatsschutz sei eingeschaltet. Eine junge Frau ein paar Häuser weiter gibt gegenüber der LVZ an, laute Rufe gehört zu haben: „Attacke, Hurensöhne, Kanaken.“ Sie wusste: Nein, das sind nicht die üblichen Betrunkenen. Hier braut sich was zusammen.“

Demokratie-Netzwerk vermutet geplante Aktion

Für Ingo Stange vom Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) steht fest: „Das ist nicht spontan passiert – das war eine geplante Aktion. Wir haben Hinweise darauf, dass sich an dem Freitagabend in Wurzen zahlreiche junge Leute gezielt getroffen haben – auch aus dem Umland.“ Dass die Auseinandersetzungen ausgerechnet im Bahnhofspark begannen, sei für ihn kein Zufall, so Stange: „Hier werden junge Flüchtlinge schon seit geraumer Zeit immer wieder angepöbelt. Man wirft Flaschen nach ihnen oder schlägt sie.“

Die oft noch sehr jungen Leute spielten Ordnungshüter, patrouillierten im Park und machten den Fremden unmissverständlich klar, dass sie hier nicht willkommen seien. Wurzen sei für Asylsuchende einfach nur noch unerträglich, so Stange: „Frauen mit Kopftuch werden angespuckt. In Briefkästen steckt menschlicher Kot. Da heißt es ganz offen: Wir killen euch.“

Vier Flüchtlinge haben Wurzen verlassen

Polizeisprecher Loepki warnt vor voreiligen Schlüssen und bittet, die Ermittlungen abzuwarten: „Ob es rassistische Motive gibt, kann derzeit noch niemand sagen.“ Ihm sei auch nicht bekannt, dass seine Kollegen schon am früheren Abend Platzverweise gegenüber jungen Deutschen ausgesprochen hätten, wie von Stange behauptet. Der stehe im Kontakt mit vier Somali, die ursprünglich in der Dresdener Straße 22 wohnten: „Die sind inzwischen bei Freunden in Leipzig und Borsdorf untergekommen. Sie haben mir gegenüber versichert, dass einige der Deutschen mit Schlägern bewaffnet waren.“

Für Wolfram Krause bedeutet die Blutspur mitten in der Stadt ein weiterer, auch persönlich empfundener Tiefpunkt: „Wurzen sorgt wieder einmal bundesweit für Negativschlagzeilen. Dabei setzen sich hier viele Menschen für ein möglichst friedliches Miteinander von Deutschen und Nicht-Deutschen ein.“ Seine Frau gibt Deutschunterricht, er selbst fahre Möbel, schließe Waschmaschinen an und repariere Fahrräder. Er lehne Gewalt ab, von wem sie auch immer ausgehen möge, betont der 61-jährige ehrenamtliche Flüchtlingshelfer: „Was hier passiert ist, geht gar nicht!“

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