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Region Wurzen Wurzen erinnert mit Friedensgebet an Opfer der Pogromnacht
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18:00 08.11.2018
Inge Helft (mittlere Reihe Dritte von rechts) im Kreise der Kinder und Jugendlichen, die in Frankreich versteckt wurden. Quelle: privat
Wurzen

Auch 80 Jahre nach der „Reichskristallnacht“ heißt es allerorten: Gegen das Vergessen. Anders Hiltrud Helft. Sie wollte vergessen. Solange sie lebte. Und sie lebte lange. 96 Jahre. Aber sie konnte nicht vergessen. In der schlimmen Zeit verlor sie alles, was ihr lieb war: ihren Mann, ihre Mutter, ihre Tante und – ihr einziges Kind, Tochter Inge.

Nur sie selbst überlebte, ein Schicksal, auf das sie gern verzichtet hätte. In ihrer neuen Heimat London ließ sie Wurzen nie los. Bis zuletzt besuchte sie dort die Familien der einstigen Wurzener Hans und Walter Luchtenstein, denen die Flucht in jungen Jahren gelang. Hiltrud gehörte zur Familie. Bei den Treffen galt eine unumstößliche Regel: „Fragt Tante Hiltrud nicht nach früher! Und schon gar nicht danach, warum sie keine Kinder hat.“

Die bewegende Geschichte einer Wurzener Jüdin – sie soll nicht vergessen werden.

Bis zu ihrem Tod 1998 reiste Hiltrud Helft nie wieder nach Deutschland. In Wurzen führte ihr Mann Alfred bis 1936 das Konfektionsgeschäft in der Wenceslai-/Ecke Färbergasse. Krankheitsbedingt starb er mit gerade mal 43 Jahren.

alteingesessenes jüdische Geschäft Helft wird verwüstet

Fortan kümmerte sich Hiltrud ganz allein um Töchterchen Inge und den Laden. Am 9. November 1938 mussten beide mit ansehen, wie das alteingesessene jüdische Geschäft Helft verwüstet wurde. Helft! Der Name war nur für wenige Programm. Aber immerhin: Einige halfen. In der Schule waren nicht alle an den Demütigungen beteiligt, manche behandelten Inge weiter freundlich.

Mutter Hiltrud musste das Geschäft bald schließen. Zeitweilig holte sie ihre Mutter und die Tante zu sich. Beide kamen später in Theresienstadt beziehungsweise auf dem Transport dorthin zu Tode. Als jüngstes jüdisches Kind in Wurzen wurde Inge in Sicherheit gebracht – nach Belgien. Hiltrud begleitete ihre erst 13-jährige Tochter auf den Wurzener Bahnhof. Inge hatte ein Köfferchen bei sich. Was keiner der beiden ahnte: Es war ein Abschied für immer.

Kolonie für jüdische Kinder in Belgien

In Belgien kamen Inge und 100 weitere jüdische Kinder zunächst im Brüsseler Heim Général Bernheim unter. Geleitet wurde es von Elka und Alexander Frank. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien im Mai 1940 mussten die Kinder das Land verlassen. In Südfrankreich fanden sie eine neue Bleibe – in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen. Das Schloss La Hille war seit 20 Jahren unbewohnt. Es fehlte an allem – Wasser, Heizung, Strom. Das Schweizerische Rote Kreuz richtete dort eine Kolonie für jüdische Kinder ein. Rösli Näf wurde als Leiterin eingesetzt.

Reisepass von Hiltrud Helft, der Mutter von Inge. Quelle: privat

Ulrike Ernst (51) und Gabi Kirsten (65) gehören zur Wurzener Arbeitsgemeinschaft, die die Erinnerung an den 9. November 1938 wacht hält. Am Freitag bitten sie zum gemeinsamen Putzen der inzwischen 19 verlegten Stolpersteine. 19.30 Uhr laden der evangelische Pfarrer Alexander Wieckowski und sein katholischer Amtsbruder Uwe Peukert zum ökumenischen Friedensgebet in die Wenceslaikirche ein. Im Anschluss berichtet die AG auch über das Schicksal von Inge Helft, ein Kind dieser Stadt, das erst den Fröbel-Kindergarten, später Grund- und Handelsschule besuchte: „Uns ist es, als gehöre Inge inzwischen auch schon zu unserer eigenen Familie“, sagen die beiden AG-Mitglieder und ringen mit den Tränen.

Ernst und Kirsten verweisen auf das Buch „Die Kinder von La Hille“. Darin beschreibt Autorin Vera Friedländer das Leben in der „Kinderrepublik“. Als Erste konnte sie den Nachlass von Alexander Frank auswerten. Frank, der 1956 zusammen mit seiner Frau aus Belgien in die DDR übergesiedelt war, hielt den Kontakt zu seinen ehemaligen Schützlingen aufrecht und korrespondierte mit ihnen bis zu seinem Tod 1998. Er bewahrte die Briefe und Fotos der 100 Kinder liebevoll auf.

Mutter Hiltrud versuchte Visum für die Tochter zu bekommen

Von England aus ließ Mutter Hiltrud nichts unversucht, um für ihre Tochter Inge ein Visum für Amerika zu erwirken. Vergeblich. Unterdessen war eine legale Ausreise kaum noch möglich. Die Nazis beherrschten weite Teile Frankreichs. Im Dezember 1942 wurde die jüdische Bevölkerung aufgefordert, sich bei den Behörden zu melden. Die Jugendlichen von La Hille gerieten so immer mehr unter Druck. Sie mussten weg, besser heute als morgen.

20 von ihnen wurden von Quäkern in die USA geholt, 23 glückte, mit falschen Papieren und Geld ausgestattet, der illegale Grenzübertritt in die Schweiz, 18 entkamen über die Pyrenäen nach Spanien, neun tauchten in Frankreich unter, drei weitere schlossen sich dem Untergrundkampf der Résistance an. Sieben fanden in Klöstern Aufnahme, sieben weitere blieben in La Hille. Franzosen, Schweizer, Mitglieder der Résistance und jüdischer Organisationen leisteten Hilfe.

Aufruf zum Stolpersteine putzen

Die vier regionalen Landtagsabgeordneten sowie die CDU-Bundestagsabgeordnete Katharina Landgraf rufen dazu auf, am Freitagsabend im Landkreis Leipzig Stolpersteine zu putzen. Anlass ist der 80. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht. Am 9. November wurden tausende Juden misshandelt, verhaftet und getötet, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping, des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, Georg-Ludwig von Breitenbuch, sowie des stellvertretenden Chefs der Linken-Fraktion, Enrico Stange und des Grünen-Abgeordneten Gerd Lippold.

So ist 18 Uhr in Borna eine Mahnwache in der Roßmarktschen Straße 32 geplant. Dort befand sich bis zum 9. November 1938 das jüdische Kaufhaus Britania. Dessen Eigentümer, die Gebrüder Rose, wurden ebenso Opfer des deutschlandweiten Pogroms wie andere jüdische Familien in Borna. Es müsse „mahnend an dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte“ erinnert werden, erklärt Köpping. Die schrecklichen Taten des 9. November 1938 dürften sich niemals wiederholen.

Von Breitenbuch fordert dazu auf, „Toleranz zu üben und andere Menschen einzubinden“. Das koste Kraft, aber genau die müsse mit Blick auf die Ereignisse vor 80 Jahren aufgebracht werden. Stange erinnert an die „wachsende Gewaltbereitschaft der Rechtsextremisten und etliche Überfälle auf Andersdenkende, auch in unserem Landkreis“. Dem könne nur „in einem gemeinsamen Handeln von gesellschaftlichen Initiativen, den Kirchen und den demokratische Parteien“ ein „wirksames Mittel“ entgegengesetzt werden. Für Lippold ist der 9. November „nicht nur ein Tag des Gedenkens, es ist auch ein Tag, an dem es darum geht, gegen Hass und Hetze zu stehen“. Wegschauen sei keine Option.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Landgraf erklärte, die Novemberpogrome hätten nichts von ihrer Bedeutung verloren. Daher sei es „erst recht in diesen Tagen wichtig und notwendig daran zu erinnern, wie schnell Diskriminierung zu systematischer Verfolgung wird".

Mit vier weiteren Gefährten plante Inge die Flucht über die Berge in die Schweiz. Alles lief zunächst gut an. Das Ziel schien zum Greifen nahe. Doch das Vorhaben misslang. Gendarmen fassten die jungen Leute und lieferten sie an die SS aus. Sie gehörten zu den insgesamt zwölf Kindern von La Hille, die nicht gerettet werden konnten. Vom berüchtigten Lager Drancy bei Paris wurde Inge nach Auschwitz deportiert. Dort starb sie am 27. Februar 1943 als jüngstes Wurzener Holocaustopfer kurz vor ihrem 17. Geburtstag im Gas.

Stolpersteine für ihre Großeltern verlegt

Eve, jüngste Tochter von Walter Luchtenstein, besuchte 2013 die Stadt Wurzen. Sie kam nicht allein. Begleitet wurde sie von Familienangehörigen aus England. An jenem Tag wurden Stolpersteine für ihre Großeltern verlegt. Hedwig und Hugo führten einst das Kaufhaus in der Jacobsgasse. Bei einer Führung durch den Ort stieß sie in der Wenceslaigasse auf die Stolpersteine, die bereits 2012 verlegt wurden.

Sie glaubte ihren Augen nicht, als sie in Messing graviert den Namen von Hiltrud Helft las. „Unsere Tante Hiltrud!“ Bis zu dem Tage wusste Eve nicht, dass Hiltrud auch in Wurzen lebte. Und dass sie eine Tochter hatte: Inge. Eve hatte sich stets an die strikte Weisung ihrer Eltern gehalten, Tante Hiltrud nie nach früher zu fragen.

Von Haig Latchinian

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