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Wurzen im Glück

Wurzen im Glück

Er engagiert zur Feier des Abends extra einen Osterhasen, der mit Bollerwagen durch die Stadt zieht und 1000 hartgekochte Eier sowie 1000 Möhren unters Volk bringt.

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Besonders umlagert: Die Kinder des Kühnitzscher Karnevalclubs sorgen in der Jacobsgasse für Stimmung.

Quelle: Frank Schmidt

Wurzen. Ob sich der spendable Optiker Werner Rost, der ja auch Geschäftsmann sein muss, gerade mit den Möhren einen Gefallen tut? Schließlich wird den Möhren nachgesagt, gut fürs Sehvermögen zu sein. Nun, ich für meinen Teil habe den durch die Straßen und Gassen hoppelnden Meister Langohr nicht entdeckt, meine Kurzsichtigkeit schreitet offenbar rasant voran. Aber dazu später.

Wurzen im Glück! Am Freitag, dem 13., beteiligten sich beim 13. Wurzener Nachtshopping - nein, nicht nur 13 - sondern über 60 Geschäfte in der Innenstadt. Birgit Hessel von der Standortinitiative Wurzen lüftete exklusiv gegenüber der LVZ das bisher gut gehütete Geheimnis, weshalb das Einkaufsspektakel immer ausgerechnet in der kalten Jahreszeit, im März und im November, über die Bühne geht: "Wir wollen die Wurzener und ihre Gäste in die warmen Läden locken."

Der gemeine Wurzener bleibt jedoch ein unverbesserlicher Frischluftapostel. Er drängt sich im Freien und wärmt sich an den Rhythmen des Eis-am-Stiel-Projekts. Tutti Frutti, Pretty Woman, O Donna - Sänger Frank Janosch, Schlagzeuger Felix Bohne, Markus Flinzberger (Stromgitarre) und Alexander Ernst (Kontrabass) rocken den Badergraben. Was viele nicht wissen: Alex Ernst ist ein richtiger Star der Musikgeschichte. Das Mitglied der Wurzener Folkloregruppe "Vergißmeinnicht" schaffte 1992, wovon westliche Künstler wie ABBA oder Udo Lindenberg ein Leben lang vergeblich träumten: auf dem Roten Platz in Moskau aufzutreten.

Die Nähe zu Leipzig - für Wurzen Segen und Fluch zugleich. Einerseits finden Wurzener in der Großstadt Arbeit, andererseits erledigen sie dort auch ihre Einkäufe. Geschäftsleute verabschieden sich zudem in die Rente, dazu kommt der Internethandel. Folge: 20 der aktuell 77 Läden der Innenstadt stehen leer. Sorgen bereitet Stadtmarketing-Koordinator Peter Sauer besonders die Wenceslaigasse als traditionelle Flaniermeile: "Früher strömten hier die Werktätigen vom Bahnhof in die Stadt. Im Moment ist die Gasse etwas abgehängt." Sauer steuerte ganz bewusst gegen, hauchte mit Kreativen wie Angela Welling, Sissy Zimmermann und Martina Mattersteig drei verwaisten Läden für einen Abend neues Leben ein. Wer weiß, vielleicht kann sich die "Werkstadt Wurzen" von Töpfern über Malen bis Stoffzauberei sogar als eigene Marke etablieren. In der Bahnhofstraße 3, in der sich bis 2010 eine Fleischerei befand, mauerten Ronny und Elke Kühne das leere Schaufenster ihres Einzeldenkmals zu. Nach altem Vorbild bauten sie drei Fenster ein: "Jetzt können wir den Raum als Esszimmer nutzen, oder aber ich erfülle mir meinen Traum, hier Tortenkunst anzubieten", so die Frau des Hauses.

Er hat den unbestritten Längsten in Wurzen! Günter Lemke fährt im 8,60 Meter wuchtigen Ford Lincoln samt Lichteffekten, drei Fernsehern, gefüllter Bar und aufreizenden Damen vor. Heidi Jentzsch beordert sie in der Martin-Luther-Straße gleich zur Modenschau auf den roten Teppich. Bluse mit Leopardenmuster und - Gänsehaut. Kein Wunder, es ist eiskalt. Heidi heizt mit Witzen ein. "Sagt der eine: Ich lag mit Angina im Bett. Sagt der andere: Ich wusste gar nicht, dass du 'ne Neue hast."

Fast zeitgleich tanzten in der Jacobsgasse die Kinder des Kühnitzscher Karnevalvereins über den Laufsteg des Modehauses "Fashion for you". Überhaupt bewiesen die Wurzener einmal mehr Einkaufskultur pur: Das Kulturhistorische Museum lud bei freiem Eintritt in die Ausstellungsräume. Dort führte Mitarbeiterin Martina Dähne-Winter den noch jungen Besucher Sascha Härtig ganz gezielt zu jener Vitrine, in der die mühsam zusammen gekittete Schokoladentasse steht, die Napoleon 1813 in Wurzen offenbar aus Wut vor dem ins Stocken geratenen Eroberungsfeldzug aus der Kutsche geworfen haben soll.

Percy Schwarze präsentiert in der gleichnamigen Bäckerei ein Baguette, das auch dem französischen Kaiser damals gemundet hätte: "Mein Bruder Ken war kürzlich nach Paris gereist und schaute sich in allerhand Bäckereien um. Dabei brachte er das Rezept für unser neues Baguette mit - mit langer Teigführung, wenig Hefe und viel Geschmack."

Seit Jahren kostümiert sich Katja Dubois in der Parfümerie dem Motto der Veranstaltung entsprechend. Sie mimte bereits Karl Lagerfeld, Rotkäppchen und eine Kubanerin. Am Freitag, dem 13., empfing sie die werte Kundschaft als Clown, denn der mache schließlich nicht nur die Kinder glücklich, sagte die Frau mit Kleeblatt, Glücksschwein und ketchup-roter Haarpracht.

Die roten Haare stechen mir regelrecht ins Auge. Den Osterhasen mit seinen 1000 Möhren kann ich nirgends sichten. Also begebe ich mich kurz vor 22 Uhr direkt in die Höhle des Löwen - zu Augenoptikermeister Jens Kießig. Dieser lässt mich durch allerhand Gläser gucken. Dann das vernichtende Urteil: "Sie brauchen eine Brille." Wir sehen uns, dann mit Nasenfahrrad!

© Kommentar

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.03.2015
Haig Latchinian

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