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Wurzen informierte zur Flüchlingskrise – derzeit 159 Asylbewerber

Einwohnerversammlung Wurzen informierte zur Flüchlingskrise – derzeit 159 Asylbewerber

Volles Haus im Plenarsaal: Der Einladung der Wurzener Stadtverwaltung folgten am Donnerstagabend zahlreiche Interessierte. Polizei-Revierleiter Falk Donner, Landrat Henry Graichen (CDU) und Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos) versuchten Antworten auf drängende Fragen der Bürger zur Flüchtlingskrise zu finden.

Volles Haus im Plenarsaal: Der Einladung der Wurzener Stadtverwaltung folgten am Donnerstagabend zahlreiche Interessierte.

Quelle: Frank Schmidt

Wurzen. Als Miroslav Bohdalek über sein 40-köpfiges Netzwerk für Asylsuchende berichtete, über vielfältige Hilfe, etwa Schülerpatenschaft, Sprachkurs und Stadtführung, wurde er immer wieder unterbrochen. Ein Zuhörer in den hinteren Reihen machte sich so laut über die Aussprache des aus Tschechien stammenden jungen Wurzeners lustig, dass seinem Vordermann der Kragen platzte: "Beherrschst du eine zweite Sprache auch so gut?" Darauf der Hintermann: "Ja, Französisch" und blies dazu eindeutig zweideutig die Lufttrompete. Nein, es war kein Kammerkonzert, zu dem die Stadtverwaltung in den Plenarsaal eingeladen hatte.

Laut Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos) machten die 159 Flüchtlinge gemessen an Wurzens Gesamteinwohnerzahl ein Prozent aus. Ziel der Kommune sei es, die Schutzsuchenden statt in Gemeinschaftsunterkünften auch weiter in leerstehenden kommunalen oder privaten Wohnungen zu beherbergen - verteilt über das gesamte Stadtgebiet: "Wir wollen keine Ghettobildung."

Martina Schwerdtner, Flüchtlingssozialarbeiterin vom DRK, informierte über ganz alltägliche Handreichungen wie Kita-Anmeldungen, Übersetzungsarbeiten und Opferberatung. - "Opferberatung? Wer denkt eigentlich an uns Deutsche?", meldete sich ein Familienvater. "Meine Frau und meine Tochter haben Angst, im Dunkeln auf die Straße zu gehen. Wegen der Fremden! An der Pestalozzi-Schule gab es auch Probleme."

Es sei nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, räumte Stadtsprecherin Cornelia Hanspach ein. "Ja, es gab Probleme mit vier Schülern vom Westbalkan. Das haben wir auch nie verheimlicht. Inzwischen konnte eine Lösung gefunden werden, einige der Betreffenden sind jetzt in anderen Einrichtungen." Eine Lehrerin hielt es nicht auf ihrem Platz: "Im Internet stand, dass es einen Übergriff auf meine Kollegin gegeben haben soll. Alles erstunken und erlogen. Auch ich unterrichte die ausländischen Kinder. Und ich weiß, sie haben der Lehrerin zum Geburtstag gratuliert, so herzlich, wie ich es in 30 Berufsjahren nicht erlebt habe. Die Kinder machen große Fortschritte. Und noch eines: Wenn ich abends durch Wurzen laufe, habe ich mehr Angst, von den eigenen Leuten einen auf die Lampe zu bekommen als von den Fremden." Applaus.

Überall sei gekürzt worden - in der Kultur, bei der Jugend, ergreift eine Frau das Wort: "Und jetzt ist für alles und jeden Geld da: Die deutschen Kinder in den Heimen brauchen unsere Hilfe!" Beifall. Ein Herr legte nach: "Was wird aus unseren vielen Hartz-IV-Empfängern?!" OBM Röglin schickte voraus, dass der Freistaat derzeit ein 800-Millionen-Euro-Investitionspaket für die Kommunen schnüre. Und zur Frage: "Die Hürden für Asylbewerber, in den Arbeitsmarkt zu kommen, sind sehr hoch." Landrat Henry Graichen (CDU) ergänzte: "Im Landkreis hatten wir zum 31. Oktober 77 Flüchtlinge, die übers Jobcenter vermittelbar waren. 77 im Vergleich zu 20.000 Personen, die von Hartz IV leben. Sicher, die Zahl der Asylsuchenden wird weiter steigen."

Ein Christ berichtete über einen Syrer, der bei ihm zu Besuch war: "Er ist Arzt aus Aleppo, hat in England und Amerika studiert. Er will niemandem auf der Tasche liegen, sondern von seiner Hände Arbeit leben. Ihm war es wichtig, mit Wurzenern in Kontakt zu kommen." Stadtsprecherin Hanspach wies auf eine Liste hin, in die sich eintragen konnte, wer Flüchtlingen helfen möchte. Kristina Bock von einem in Wurzen ansässigen Bildungsinstitut kündigte an, im Dezember mit Sprachkursen zu beginnen. "Der Zuspruch ist riesengroß."

"Tragen Sie da ein Kopftuch? Als Frau werden Sie von denen doch gar nicht ernst genommen", löckte ein besorgter Bürger wider den Stachel. Röglin mahnte zur Sachlichkeit. Erneute Nachfrage im Saal: "Wollen wir wirklich Parallelgesellschaften? Wollen wir warten, bis es knallt? Wann ist für Sie die Schmerzgrenze erreicht?" Röglin: "Wir erkennen zunehmend den Ernst der Lage, in Bund, Land und Stadt, ich hoffe, dass wir die Schmerzgrenze nicht erreichen!"

Ein Wurzener sprach den Konsum-Einbruch an. Polizeirat Falk Donner warnte vor voreiligen Schlüssen, die Ermittlungen liefen: "Von steigender Kriminalität kann in Wurzen nicht gesprochen werden." Auch SPD-Stadtrat Heinz Richerdt wünschte sich mehr Respekt: "Wir haben schon immer Ausländer in Wurzen. Ich denke nur an die Vietnamesen. Nichts ist passiert." Er und viele andere würden auch weiter Pakete für bedürfte Menschen in alle Welt schicken.

Wenn es donnerte, musste das nicht unbedingt Beifall sein, es konnte auch die aus Protest ins Schloss geworfene Tür sein.

Haig Latchinian

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