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Wurzener Denkmal wird 80

Wurzener Denkmal wird 80

Wurzen. Das Kriegerdenkmal – am 10. Mai jährt sich die Einweihung des Mahnmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zum 80. Mal. Die Plastik des Bildhauers Georg Wrba, die eine Frau mit sterbendem Soldaten zeigt, lockt neuerdings auch Neonazis an.

. Eine Ironie der Geschichte, findet der 46-jährige Nitzschkaer Jens Haubner: „Denn die Rechtsextremen rotten sich ausgerechnet zu Füßen einer Humanistin zusammen, die nur ein Jahr nach Hitlers Machtantritt vor den Nazis fliehen musste."

Noch immer werde selbst in ambitionierten Veröffentlichungen behauptet, am Alten Friedhof trauere eine Mutter um ihren gefallenen Sohn, sagt Haubner. „Doch welche Mutter, die angeblich die Heimat verkörpere, stand auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges schon am Totenbett ihres Kindes? Vor allem ist die dargestellte Frau viel zu jung, um die Mutter des sterbenden Uniformierten zu sein." Haubner, Gründungsmitglied des Wurzener Altertums- und Geschichtsvereins, stellt eine ganz andere Version dar: „Es handelt sich um Krankenschwester Elsa Brändström." Die 1888 als Tochter des schwedischen Militärattachés in St. Petersburg geborene Brändström kümmerte sich um russische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Zwischen 1915 und 1920 betreute sie die geschundenen Menschen in den sibirischen Lagern. Ihr Einsatz zugunsten der deutschen Kriegsgefangenen brachte ihr den Beinamen „Engel von Sibirien" ein. 1915 begleitete sie die vom Roten Kreuz organisierten Rücktransporte deutscher Kriegsinvaliden, die gegen schwerverletzte russische Gefangene ausgetauscht wurden. Sie erkrankte dabei selber und entging nach der Oktoberrevolution nur knapp der Erschießung. Ihre Erlebnisse schilderte sie in einem Buch. Mit den Erlösen einer Spendenreise durch die USA gründete die populäre Frau zwei Sanatorien für heimgekehrte Kriegsgefangene und bei Leipzig ein Kriegswaisenhaus.

„Meine Oma Gretchen, deren Bruder kriegsversehrt war, hatte das Glück, Elsa in Leipzig persönlich zu sehen", sagt Haubner. „Als das Denkmal in Wurzen eingeweiht wurde, erkannte sie Elsa in den Gesichtszügen der von Wrba geschaffenen Krankenschwester wieder." Offiziell, so Haubner, sei die Krankenschwester nicht erwähnt worden: „Denn sie ehelichte den Dresdener Germanisten Robert Ulich, der sich ihretwegen von einer bekannten sächsischen Feministin scheiden ließ. Für die breite Öffentlichkeit damals ein handfester Skandal."

Ulich, Sozialdemokrat und Professorenkollege Wrbas in Dresden, musste am 11. Januar 1934 mit seiner Frau nach Amerika emigrieren. Zuvor schlug Elsa eine Einladung Hitlers auf den Obersalzberg aus. Obwohl sich das Regime mit Elsa als Ikone schmückte, ließ sie sich nie politisch missbrauchen. Statt dessen unterstützte sie in den USA andere Emigranten und schickte nach dem Krieg Hilfspakete, die später als Care-Pakete bekannt wurden, an die bedürftige deutsche Bevölkerung.

Haubner: „Oma Gretchen erzählte mir auch von der Freundschaft zwischen Elsa und der Gräfin Antonia von Üxküll-Gyllenband, deren Mutter aus Püchau stammte. Der Bruder der Gräfin und drei ihrer Neffen wurden nach dem Attentatsversuch auf Hitler hingerichtet. Einer von ihnen war Graf Schenk von Stauffenberg." Der Nitzschkaer Haubner erinnert an die Worte des römischen Staatsmannes und Philosophen Cicero: „Wenn man die Geschichte nicht kennt, bleibt man immer ein Kind, das nie erwachsen wird."

Haig Latchinian

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