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Wurzen Wurzener Doppel-Olympiasieger Philipp Wende beginnt ein neues Leben
Region Wurzen Wurzener Doppel-Olympiasieger Philipp Wende beginnt ein neues Leben
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18:35 04.01.2017
Gerudert wird nicht mehr – der Wurzener Philipp Wende hat seine aktive sportliche Laufbahn beendet. Mit Frau Jenny erwartet er sein erstes Kind.
Wurzen

Er ist kein zweiter Heinrich Lohse, jener schrullig-tollpatschige Einkaufsdirektor in Loriots „Pappa ante portas“, der nach der Pensionierung seine Ehefrau gleich mal mit 150 Gläsern Senf am Stück beglückt. Nein, Philipp Wende (31) paddelt in der heimischen Badewanne fortan nicht mit den Quietscheentchen um die Wette und streichelt kein Ruderblatt. Der Weltmeister und zweifache Olympiasieger im Doppel-Vierer macht als Ruder-Rentner ganz bewusst einen harten Schnitt: Am 1. März beginnt er bei der Basalt AG in Taucha ein neues Leben: Diplomingenieur statt Sportsoldat, Quarzporphyr statt Olympiagold.

Bisher war er 1,99 Meter groß. Ob er nun gar die Zwei-Meter-Marke erreicht hat, nachdem er in Rio im wahrsten Sinne des Wortes über sich hinaus gewachsen ist? Der Wurzener Ehrenbürger lacht: „Nein, ich tendiere eher zu 1,97 Metern. Abends bist du sowieso kleiner als morgens, weil die Gelenke im Laufe des Tages zusammen rutschen.“ Er fange ganz klein an, mit einer auf anderthalb Jahre befristeten Trainee-Stelle. „Vertrieb, Mischwerke, Rechnungswesen – überall muss ich mich erst einfuchsen. Sportliche Erfolge zählen da nichts mehr, und das ist gut so: Ich hoffe, dass ich keinerlei Bonus habe.“

Bis es so weit ist, genießt Philipp Wende das Leben. Er schmökert in den geliebten Alpenkrimis, läuft Ski, geht mit seiner Jenny wandern und lässt mal so richtig die Sau raus: Auf der neuen KTM 400 rattert und knattert er mit den Meltewitzer Endurofahrern durchs felsige Gelände. Crossen über Stock und Stein – mit Knieschützern, Rückenpanzer und Mordsgaudi. Das erste Mal seit 14 Jahren war er über die Feiertage zu Hause in Wurzen und nicht im Trainingslager in Tschechien. Auf Tschechien musste er dennoch nicht verzichten. Das Nachbarland holte er sich ganz zünftig in die eigenen vier Wände: „Meine Frau kochte für die Freunde tschechisch – Knoblauchsuppe, dazu Knödel, Gulasch und Palatschinken.“

Philipp Wendes Wohnzimmer ist alles andere als ein Traditionskabinett. Keine Spur von beladenen Vitrinen und funkelnden Medaillen. Natürlich freue er sich über die Ruderbank mit zwei Rollsitzen, die ihm die Hallenser Kollegen geschenkt hatten, genauso wie über das schwarz-rot-gelbe Ruderblatt der Dresdener Trainingsgruppe mit dem Zusatz: „Schmerz ist vergänglich, was bleibt, ist der Erfolg.“ Er werde aber einen Teufel tun, damit herum zu pranzen, sagt Wende und verbannte alle Souvenirs in den Schrank. Der Olympiasieg in Rio de Janeiro sei eh noch präsent genug – das Finale an jenem 11. August unvergesslich. „Allein schon den Endlauf erreicht zu haben – die reinste Zitterpartie. Überall Militär, die sozialen Kontraste, das schlechte Wetter, dazu die Vorsichtsmaßnahmen wegen des verunreinigten Seewassers: Hände desinfizieren, Schrauben entsalzen, absolutes Trinkverbot im Boot.“ Es sei das erste Mal gewesen, sagt Wende, dass niemand aus der Familie mit vor Ort war.

Jenny, mit der sich Philipp Wende im Herbst 2015 das Ja-Wort gab, kann sich noch genau erinnern: „Eltern, Freunde, Bekannte – wir alle wollten uns beim SC DHfK zum Public Viewing in Leipzig treffen. Ich war schon auf dem Weg, als ich von der Absage des Laufs erfuhr“, sagt die Lehrerin an der Trebsener Oberschule. „Also verabredeten wir uns für den nächsten Tag bei uns zu Hause im Wurzener Wohnzimmer. Diese Jubelschreie, diese Freudentränen, diese Umarmungen. Als Philipp nach der Siegerehrung auch noch angerufen hatte, war das Glück perfekt. Was für eine Leistung! Echt, bei der Konkurrenz konnte kaum einer mit dem Sieg rechnen“, schwärmt Jenny noch immer. Ihre Schüler, die Philipp Wende in den Vorjahren zu einer Autogrammstunde eingeladen hatten, verfolgten das entscheidende Rennen vorm Fernseher und zählten zu den ersten Gratulanten. Sie freuten sich vor allem für ihre allseits beliebte Lehrerin. Denn sie wussten, was viele andere bis heute nicht erahnen: Jenny Wende war zwischendurch erkrankt, so schwer, dass sie nicht zum Unterricht kommen konnte und Philipp Wende seine Teilnahme an zwei Trainingslagern absagen musste. Die harte Zeit schweißte die Wendes noch enger zusammen, Jenny wurde wieder gesund und Philipp schaffte den Sprung in den „Maschinenraum“ des olympischen Doppel-Vierers.

Der Olympiasieg ist die Krönung einer Sportlerkarriere, die ihresgleichen sucht. Als Fünfjähriger begann Philipp, der im Wurzener Neubaugebiet Nord aufwuchs, zunächst als Schwimmer. Mit 13 wechselte er zur Wurzener Rudervereinigung, trat so in die Fußstapfen von Vater Stefan und Mutter Ines, die beide ruderten. Von 2005 bis 2013 studierte er – jeweils mit Unterbrechungen – an der Bergakademie in Freiberg. 2011 und 2012 legte er drei Urlaubssemester ein. Urlaub? Von wegen. Eine einzige Schinderei. Dreimal Training täglich. Der Sportsoldat schlief gleich direkt im Dresdener Bootshaus. 2013 schrieb er seine Diplomarbeit. Thema: Entwässerung von Gasbohrern. Er verteidigte mit „sehr gut“ und ist seitdem Diplomingenieur für Geotechnik und Bergbau.

Ganz wichtig ist Philipp Wende die Heimat. „Viel zu oft war ich auf Reisen, habe Wurzen dadurch noch mehr zu schätzen gelernt, will nie wieder weg. Hier ist mein Ruderverein, hier ist mein Freundeskreis, hier ist meine Familie.“ Übrigens: Die Familie bekommt Zuwachs. Voraussichtlich schon im kommenden Monat. Ein Mädchen? Ein Junge? Zwillinge? „Wir wollen es vorher nicht wissen. Das Kinderzimmer ist weder rosa noch hellblau, sondern in Grün gehalten“, lacht der angehende Vater und lässt es bis dahin noch ordentlich krachen: „Die Wurzener Radgruppe wartet, ich muss los.“ Carsten Schneider, Philipp Leipner, Hans Hörig, Christian Fest und Thommy Friese , alle um die 30, sind die „Hellracer“. Regelmäßig treffen sie sich zu Ausfahrten ins Wurzener Land. Sie sind voll des Lobes über ihr prominentes Mitglied: „Der Philipp ist trotz seiner Erfolge einer wie du und ich, bescheiden und bodenständig. Er fragt nicht nur, wie es einem geht, er will es auch wirklich wissen.“ Wenn er in die Pedale tritt, dann richtig. Dann jauchzt der Gummi, als wolle er sich ins Erdreich bohren. So verbinden sich scheidender Sportsmann und angehender Bergmann.

Von Haig Latchinian

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