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Wurzener Nachtshopping mit Flower-Power und geöffnetem Stadtgefängnis

Handel und kulturelle Angebote Wurzener Nachtshopping mit Flower-Power und geöffnetem Stadtgefängnis

Das 15. „Wurzener Nachtshopping“ stand ganz im Zeichen der Sixties – zwischen Party und Protest, Flower und Power. 55 Geschäfte luden ein. Auch das Museum und sogar das ehemalige Stadtgefängnis öffneten.

Modenschau mit Anleihen aus den Sixties und aktuellen Kreationen.

Quelle: Christian Fest

Wurzen. Verkehrte Welt in Wurzen: Während zuletzt manches Geschäft dicht machte, öffnete jetzt ausgerechnet das alte Stadtgefängnis. Dem Wilden Westen wurden einen Abend lang Tür und Tor geöffnet – das 15. „Wurzener Nachtshopping“ stand ganz im Zeichen der Sixties, zwischen Party und Protest, Flower und Power, Aufbruch und eben Ausbruch.

„Alle, die hier drin waren, saßen unschuldig. Euch allen zum Trost, ich saß nicht unschuldig hier!“ Noch immer erinnern originale Inschriften von sogenannten Landstreichern, Bettlern und Glücksrittern an das Leben hinter Gittern. Fressnapf und Fußfessel, Pritsche und Pantinen: Annette Grundmann vom Freundeskreis des Museums startete ihren Rundgang in jener Arrestzelle hinterm Alten Rathaus, die noch bis nach dem Ersten Weltkrieg in Betrieb war.

 

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Das 15. „Wurzener Nachtshopping“ stand ganz im Zeichen der Sixties – zwischen Party und Protest, Flower und Power. 55 Geschäfte luden ein. Auch das Museum und sogar das ehemalige Stadtgefängnis öffneten.

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Schrecksekunde im Museum: Kurz vor Beginn des Konzertes in „Crazy Wurzstock“ polterte ein im oberen Stockwerk offenbar unzureichend befestigter Scheinwerfer geräuschvoll in den belebten Arkadenhof. Das Orchester der Musikschule Muldental, das bereits Aufstellung genommen hatte, blieb unverletzt. Dirigent Bernd Brückner, Hornist Aaron Sauer, Fagottist Yannick Anders und all die anderen boten mit Vivaldi und Händel eine Alternative zu Schnäppchen und Rabatten.

Menschenauflauf in der Martin-Luther-Straße: Neben „Blumenkindern“ mit Haarbändern und lustvoll-luftigen Gewändern trotteten auch gestandene Männer über den Catwalk. Heidi Jentzsch mit der erlösenden Nachricht für die eher als Modemuffel bekannten Wurzener: Nicht nur legere Jumpsuits und florale Prints sind angesagt, auch die gute alte Schlabberhose. Gott sei dank!

Gefilztes, Gewebtes, Gestricktes – alles von Hand! Corina Domaschke in ihrer Kreativwerkstatt in der Wenceslaigasse hatte Wolle vom Berner Sennenhund auf dem Spinnrad. Die wunderbar warme Wolle für Mützen und Westen beziehe sie von Hundehaltern im Dehnitzer Weg. Aus der Region stammten auch Schafwolle und Pflanzen zum Färben: Holunder, Efeu, Brennnessel. „Ja, es liegt auch mit am Einkaufsverhalten jedes Einzelnen, wenn Läden schließen. Qualität hat nun mal ihren Preis. Andererseits, wer billig kauft, kauft zweimal.“

55 Läden öffneten am Freitagabend bis 22 Uhr. Damit, so Birgit Hessel von der veranstaltenden Standortinitiative Wurzen, konnte man ähnlich viele Innenstadthändler wie in den Vorjahren für das „Nachtshopping“ gewinnen. Hessel, Inhaberin eines Reisebüros ließ selbst nichts unversucht, um die im Vergleich zu vergangenen Aktionsnächten leicht abnehmenden Kundenströme zu unterhalten. Als durchgeknallter Hippie kam sie daher – mit pinkfarbenen Haaren, Mamas & Papas, Bonbons, Wissenstoto.

Textilhändlerin Kerstin Lehmann mit Blumenkranz, Peace-Zeichen und gefeierter Modenschau bot in der Jacobsgasse tanzende Feen auf. Die Ausstatterin präsentierte sich zur Feier des Abends mit John-Lennon-Brille. Ein Anblick, bei dem Optiker Werner Rost im Badergraben ins Schwärmen geraten wäre. Er selbst hatte Brillen aus Papier, Holz, Stroh und getrockneten Rosenblättern im Angebot. Im Bastrock und mit Hulakette: Andreas Hempel, Sechs-Sterne-Koch von Hoffis Menü. Auf dem Markt kreierte er Hanfbrot des Friedens (beruhigend), Bratwurst der Freiheit (ohne Darm) und Frikadelle der Liebe (in Herzform).

Annette Grundmanns Stadtrundgang endete im Wurzener Dom. Dort hielt Altdomherr Horst Schulze symbolisch Nachtwache. Was viele der staunenden Nachtschwärmer noch nicht wussten: „Der Urenkel von Martin Luther war Besitzer des Hohburger Rittergutes und Domherr zu Wurzen. An ihn erinnert ein Epitaph im Innern des Gotteshauses.“ Grundmann, Sängerin in der Domkantorei, zu den Anwesenden, die eher die Stille als das Gewimmel suchten: „Sie sind die wahren 68-er, denn die Hippies begehrten ja gerade gegen das bürgerliche Konsumverhalten auf.“

Von Haig Latchinian

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