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Wurzen Wurzener Stadtväter: Tausch des Polymobils gegen Ringelnatzbilder kennt nur Gewinner
Region Wurzen Wurzener Stadtväter: Tausch des Polymobils gegen Ringelnatzbilder kennt nur Gewinner
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00:35 12.03.2018
Museum: Praktikantinnen Paula Woche (l.) und Andrea Aurig Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Vier Wochen war es das(!) Thema in Wurzen, die Zeitung berichtete beinahe täglich, Befürworter wie Kritiker meldeten sich: Der Tausch Ringelnatzbilder gegen Polymobil erregte die Gemüter. Oder etwa nicht? Kathrin Gehres (CDU) wunderte sich doch sehr darüber, dass die Besucherreihen im Hohen Hause weitgehend leer blieben: „Da relativiert sich einiges. Ich dachte, dass uns all die Menschen, die sich in den Medien geäußert hatten, genau auf die Finger schauen. Da frage ich mich, wie ernst das zu nehmen ist. Sie jedenfalls stimme für den Tausch. Der Gewinn sei offensichtlich. Sie sehe darin eine Chance, Wurzen gehe nichts verloren.

Von 26 Stadträten waren 18 anwesend, davon wiederum enthielten sich zwei (Klaus Meißner/Linkspartei und Johannes Jähnigen/CDU), zwei (Martina Schmerler/SPD und Matthias Lange/Bürger für Wurzen) stimmten dagegen. Alle anderen sprachen sich für den Antrag der Stadtverwaltung aus. Dieser sieht vor, dass das Polymobil des Kulturhistorischen Museums in die private Hühn’sche Sammlung zur Industriegeschichte übergeht, fachgerecht restauriert und perspektivisch in Wurzen einem interessierten Kreis zugänglich gemacht wird. Das Museum erhält dafür von Familie Hühn originale Ringelnatz-Artefakte: Die Ölgemälde „Beschaulichkeit“, „Fische“ und „Urtiere“, die illustrierte Grafikmappe Jan Maate und Ringelnatz-Bücher gehen in den Besitz der Stadt über – die Ölbilder auf Leinwand „Tanzende Neger“, „Parklandschaft“, „Fabriklandschaft“ sowie das Aquarell auf Papier „Küstenlandschaft mit Lampions“ bekommt die Stadt auf 50 Jahre als Dauerleihgaben – mit der Option, nach rund zehn Jahren über eine Verlängerung zu sprechen.

Vor der Abstimmung informierte Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) über ein kurz vor der Ratssitzung stattgefundenes Treffen des Ältestenrates mit Unternehmer Matthias Hühn. In dessen Ergebnis habe man sich darauf geeinigt, in den noch auszuarbeitenden Vertragstext einen Passus aufzunehmen, der vorsieht, den Oldtimer dauerhaft in Wurzen zu halten. „Für den Fall, dass das Polymobil aus welchen Gründen auch immer die Stadt verlassen könnte, besteht für die Kommune die Möglichkeit, den Tausch rückabzuwickeln.“ Neben Michael Freigang (CDU) und Heinz Richerdt (SPD) würdigte auch OBM Röglin das Engagement der Unternehmerfamilie Hühn. Sie scheue weder Kosten noch Mühe, um nicht zuletzt für ihre Heimatstadt Wurzen eine auch über die Stadtgrenzen hinaus beachtete, wissenschaftlich fundierte Schau zur Industriegeschichte zu erarbeiten. Erleichtert über das klare Bekenntnis der Räte zu Wurzen als Ringelnatzstadt zeigte sich Museumsleiterin Sabine Jung. Sie warb seit Wochen enthusiastisch für den Tausch, der ihrer Meinung nach nur Gewinner kenne: Das Museum könne durch den deutschlandweit für Aufsehen sorgenden Erwerb der Ringelnatzbilder sein Profil massiv schärfen. Zugleich bekomme das Polymobil nun seinen ihm zustehenden würdigen Platz. Peter Poppe (Linkspartei) sah das ähnlich: „Wer kannte den Oldtimer denn schon? Ich denke, in der Hühn’schen Ausstellung wird er mehr Beachtung finden.“

Martina Schmerler (SPD) scheiterte mit ihrem Antrag, zunächst nur Argumente auszutauschen, die Abstimmung aber auf die nächste Sitzung zu verschieben. „Als Geschichtslehrerin weiß ich, wie meine Gymnasiasten ticken und was sie sich im Museum anschauen würden. Ich bin gegen diesen Tausch. Ich würde nie Museumsstücke privatisieren.“ Das Polymobil ist eines der ersten Autos, die in Wurzen fuhren. Es wurde 1907 in Leipzig gebaut. Ein Industrieller aus der Region vermachte es 1936 dem Wurzener Museum. „Muss das Polymobil überhaupt restauriert werden? Oder reicht nicht auch die Konservierung des Ist-Zustandes?“, fragte Martina Schmerler. Nach der vielen Zustimmung zum Tausch gehöre zur Gegenrede beinahe schon Mut, holte die Lehrerin aus: „Wenn uns als nächstes womöglich die Original-Handschrift von Ringelnatz angeboten wird – was wäre dann das Gegenstück?“

Von Haig Latchinian

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